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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-12-06 · Heft 49 (6.12.1881) · p. Seite 815

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 49 (6.12.1881)
Date
1881-12-06
Page
Seite 815 (sequence 11)
Language
German
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815 Rußland. Prlersburg, kll. Nc>v. Der „Regierungs-Anzeiger" publizirt die Gleichberechtigung der Karäer mit den übrigen Staatsangehörigen. Bekanntlich giebt es in Rußland nur j einige Tausend Karäer, die größtentheils in der Krim wohnen,! einige kleine Gruppen in Volhynien. Petersburg, II. Nov. Dem „Neuen Wiener Tageblatt" schreibt man von hier: „Der Kaiser hat, abgesehen von einigen Zornesadern" und einem etwas starren Sinn ii la Nikolaus, viele recht gute und gemüthvollc Seiten; die letztere hat er in jüngster Zeit wiederholentlich verschiedenen\ Deputirten gegenüber (darunter vornehmlich jüdischen) gezeigt j und die, nach einstimmiger Aussage, entzückt von ihm gingen. Wenn auch die Slavophilcn der Judenhetze günstig gesinnt und selbst Jgnaticfs's slavophile Gesinnungen bekannt sind, so hat der Kaiser doch in Betress der letzten Krawalle, die sich auch hierher zu verpflanzen drohten, ein sehr kräftiges Wörtchen gesprochen, nach dem cs weder einem Katkow, noch Jgnatieff einfallen durfte, eine antisemitische Haltung zu zeigen (was von Jgnatieff auch trotz seiner Slavophilität niemals zu erwarten steht). Baron Günzburg hatte nämlich vor einiger Zeit mit Jgnatieff eine Unterredung, in welcher er den Letzteren um genügenden Schutz für die Juden anging, denn es waren j beunruhigende Gerüchte nach Petersburg gedrungen. Jgna- | tieff versprach mit der ihm eigenen Liebenswürdigkeit allen j nur möglichen Schutz für Person und Eigenthum der jü-! dischen Einwohner, und als der Baron am nächsten Tage an > das Fenster trat, da sah er einen martialischen Gardisten vor j seiner Hausthüre gravitätisch aus- und abwandeln. Jgnatieff! hatte dem Baron Günzburg eine Schildwache gestellt, um seine! „Person" und sein Eigenthum zu schützen. Ta ein solcher ■ Schutz nun aber durchaus nicht nach dem Geschmack Günzburg's war, der erklärte, sich selbst und sein Haus schon hinlänglich schützen zu können, so wurde der Posten auf Baron Günzburg's Verlangen wieder eingezogen. Auf allerhöchsten Befehl sind aber schon seit mehreren Wochen bestimmte Trnppentheile konsignirt (das ist vollkommene Thatsache, was man auch da da „dementiren" will), um bei Ausbruch eines Krawalls, der gegen die Juden und Kaufleute angezettelt werden sollte, bei der Hand zu sein; Günzburg's „Posten" war nur ein schlechter Witz Jgnatieff's, der irrthümlicherweise Herrn Günzburg für ängstlicher hielt, als er wirklich war. Nach neuesten Nachrichten fanden in Kiew abermals Plünderungen jüdischer Kaufläden und zwar durch die daselbst angesammelten Rekruten statt, welche einen großen Raubzug vollbrachten, bevor das Miltär anrückte. Ob dies auch in das System volkswirthschaftlichcr Ausgleichungen gehört, welches die russische Presse den deutschen Professoren der Bolkswirthschaft so schnell und so gründlich entlehnt hat? Türkei. Konstantinopel, 22. Nov. Die Pforte hat Lesterreich. Deutschland und England, sowie den Gesellschaften für Auswanderung russischer Juden aus diplomatischem Wege angezcigt, daß sie die Ansiedelung jüdischer Kolonien in Syrien. Klein asien, u. s. w., jedoch nicht in Palästina, gestatten wolle, sowie unter der Bedingung, daß die Ansiedler vollständig türkische Nntcrthanen werden. Man wird fragen, warum nicht in Palästina? Wir glauben, die Pforte besorgt, wenn die Juden in Palästina zu großer Zahl heranwüchsen, sie dereinst auf staatliche Selbständigkeit Anspruch machen könnten, wie es die Rumänen, Serben, Bulgaren u. s. w. gcthan. Bonn, 27. Nov. (Notizen. > Man schreibt uns aus! Luxemburg, 23. Nov.: Heute wurde hier unter großer i Betheiligung seitens der hiesigen Stadt ein Mann zu Grabe getragen, über welchen auch Ihre geschätzte Zeitschrift einige Mittheilungen veröffentlichen möge, zumal der Ber! storbenc ein höchst verdienstvolles Wirken ans dem Gebiete i des jüdischen Gemeindelebens entfaltet hat. Herr Leon Eahen,! der Bruder des seligen Oberrabbiners Eahen aus Trier, j starb im Alter von 70 Jahren. Derselbe hatte sich in seinen Jugendjahren der jüdischen Theologie gewidmet und hörte in Metz, Mainz und Wiesbaden mit ausgezeichnetem Erfolge die talmudischen Borträge anerkannter Autoritäten. Seine schwache Körperconstitution gestattete ihm indeß nicht die Uebernahme eines Amtes, und er widmete sich in Gemeinschaft mit seinem in Ettelbrück wohnenden Bruder den Handelsgeschäften, welche er mit der allergrößten Rechtlichkeit unter allgemeiner Beliebtheit der ganzen hiesigen Gegend betrieb. Aber auch in seinem Berufe als Geschäftsmann wirkte er zur Ehre und Verbreitung unserer heiligen Religion. Ettelbrück, eine ursprünglich aus vier, jetzt aus zwanzig Familien bestehende Filiale der ifr. Gemeinde Luxemburg erhielt durch das rastlose Streben des Verstorbenen ein neuerbautes, prachtvolles Gotteshaus, eine Religionsschulc und alle zu einer jüdischen Gemeinde nöthigen Institutionen. Die Mittel zum Baue der Synagoge trug der Verstorbene mühsam zusammen und nur seiner opferfreudigen Energie und seiner Begeisterung für den väterlichen Glauben hat diese kleine Gemeinde ihr schönes Gotteshaus zu verdanken. Bei den beschränkten Mitteln der Gemeinde versah der Verstorbene eine Reihe von Jahren in der uneigennützigsten Weise das Amt des Vorbeters und unterrichtete die Jugend in den Lehrfächern der Religion. Er selbst war ein ausgezeichneter Kenner der biblischen und rabbinischen Literarur, und obwohl ein Mann der alten Schule und für sich streng orthodox, so war er doch zeitgemäßen Bcrbefferungen ans dem Gebiete des synagogalcn Lebens nicht abgeneigt. ■n*

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