Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1881)
- Date
- 1881-12-06
- Page
- Seite 814 (sequence 10)
- Language
- German
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die Meyerbeer und Mendelssohn geschaffen, noch heute in allen civilisirten Ländern die Theater und Concertsäle ausfüllen, während der größte Theil der Compositionen Liszt's der Vergessenheit anhcimsallen. Eine solche Erfahrung ändert auch das Urtheil. Liszt will die Juden nach Palästina treiben. Wir wissen nicht, ob Liszt von magyarischer oder slavischer Abkunst ist; ob er seinen Stammbaum bis zu den Hunnen und Avarcn zurückzuführen vermag. Jedenfalls N'aren Juden früher als seine Vorfahren in Ländern der Donau ansässig und haben daher mindestens so viel Anrecht auf ihre Heimath wie der Herr Abbe. Wien, 25 Nov. Nach dem Statut der Wiener israelitischen Kultusgemeinde sollen, wie alljährlich, so auch heuer im November an Stelle der ausscheidenden Mitglieder des Gesammtvorstandes die Ergänzungswahlen vorgeuommen werden. Tie Reihe des Ausscheidens traf heuer Emanuel Baumgarten, Ignaz von Ritter Ephrusit, Moritz Pollak Ritter von Borkenau, Josef Hieldburghäusfer und Dr. Augelo Ritter v. Kuh. Zum Zwecke der Wahlbesprechung wurde vom Vorstände für den gestrigen Tag eine Wählerversammlung einberufen, in welcher der Vorsitzende Herr Polak Ritter von Borkenau den zahlreich erschienenen Wählern vorerst einen Bericht über die Thätigkeit des Vorstandes im ab gelaufenen Jahre erstattete. Dem Berichte war unter Anderem zu entnehmen, daß Herr Ludwig Bürger sein ganzes Vermögen in der Höhe von 70,000 fl. zur Errichtung eines Kuaben-Waifenhauses und Frau Charlotte Werner 50,000 fl. zur Versorgung arbeitsunfähiger, alter Leute vermacht haben. An weiteren Spenden find eiugegangen von Frau Biedermann! 2000 fl., Herrn Kornitzer 2000 fl., Frau Feigel 10.000 sl.,^ l»r. Rappaport 10,000 fl., von einem Ungenannten I OoO fl. 1 Zur Tagesordnung übergehend, theilte der Vorsitzende mit, daß Herr Ritter v. Ephrufsi eine Wiederwahl abgelehnt! habe. Bei der hierauf stattgefundenen Probewahl wurden! die vier ausscheideuden Vorstandsmitglieder, sowie Ritter v.! Bofchan einstimmig gewählt. Trenese» ^Ungarn), 1K. Nov. (Privatmitth.) Warum sollte in einer Komitatsstadt, wo Slaven, Magyaren, Deutsche geschäftig sich tummeln, nicht auch, wie au vielen Orten, die Autifemileuliga ihr Gorgonen-Haupt erheben? Giebl's ja dafür genug unbeschäftigte Advokaten, verlorene Existenzen u. a. nt. Solche waren es auch, die, die Scelenhirten katholischer und evangelischer Konfession an der Spitze, sich mühten, ibr Dvmieil von den gehaßten Juden zu reinigen. Natürlich vergaßen diese Leutchen in ihrem Eifer, daß mit den Israeliten anch Handel, Gewerbe, Ackerbau gehen, u. die ganze schöne Maschinerie geschäftlichen Verkehrs lahmgelegt würde. Mit vielem Eifer ging man an's Werk, übte dentis die Autifemiten-Marfeillaise, des Hepheptied ein und rechnete dabei auf den lieben Pöbel, der zu kurzent Verfahren helfen dürfte. Lag doch vielen Interessenten daran, das neue Jahr ohne die üblichen Wünsche aus den Kontobüchern der Juden attrücken zu sehn. So äußerte ein solcher einem wohlbegüterten israelitischen Kaufmanue gegenüber: nun hat's mit Euch Juden bald ein Ende, schon sind wir Alle einig! Wohl bekomm's, antwortete derselbe, zahlen Sie erst, was Sie mir schuldig, dann treiben Sie Antisemiterei, so viel Sie wollen! — Die Juden warteten, hofften auf Gott und — berechneten sich nicht. Ein biederer Magyar, Namens Marsovsky Möv, bekam Kunde und berichtete schleunigst höheren Orts. Zwei Tage später wurden sämmtliche Antisemiten vor den Obergespan citirt, der ihnen mit Donnerworten ihr finsteres Treiben verwies: „Wehe denen, die den Israeliten Trenesen's, dieser Intelligenz der Stadt, auch nur um Haares breite zu nahe treten. Mit erlaubten und unerlaubten Mitteln werde ich sie bekämpfen!" Dank den genannten hochedlen Menschenfreunden unterbleibt somit jedes Attentat auf die Juden; selbe gehen ungehindert ihren gewohnten Geschäften nach, lehren, lernen,; kaufen, verkaufen. Und die Antisemiten? Nun, diese pumpen nach wie vor bei den Juden! — Jsabella Wolfssohn, j Brody, 20. Nov. Von hier wird gemeldet: Die Dele-! girten der Pariser und Wiener Alliance Israelite haben an | gcsichts des großen Andranges russisch jüdischer Auswanderer j und der Schwierigkeiten, welche die rauhe Jahreszeit mit! sich bringt, beschlossen, weitere Expeditionen zu sistiren und die noch vorhandenen, allerdings zahlreichen Flüchtlinge theils in ihr Vaterland zurückzuschicken, theils für die Auswanderung im nächsten Frühjahre vorzumerken. Bis heute wurden acht Züge mit ungefähr 1000 Personen nach Amerika expedirt. Frankreich. Paris, 23. Nov. (Privatmitth.) Es ist ein bemerkenswerthes und für unsere Zeit charakteristisches Ereiguiß, daß der General Lambert, welche»» daS Kriegsininisterium nach Tunis als Platz'Commaudant geschickt hat, u»n die aufgeregte i muselmänische Bevölkerung in Zaum zu Hallen, in den letzten Tagen vorn Bey zum Oberbefehlshaber der tunesischen Truppen! mit dem Aufträge, diese zu organisireu, ernannt worden ist. I So ist eilt Jude an die Spitze der militärischen Macht in einem Staate getreten, in welchem noch vor kurzer Zeit die Juden auf's Schmählichste behandelt wurden, und selbst der Mord eines Juden nur mit einer Geldstrafe belegt war. Es ist dies eine Fügung, in »velcher sich mikroskopisch die Weltgeschichte »viederfinden läßt. Man kann sich denken, daß solche Vorgänge und die Befreiung der Juden von ihrem schweren Joche überhaupt die muselmänische Bevölkerung tief verletzen. Aber glücklicher Weise kaun sie sie nicht abwehreu, und es ist wahrlich nicht zu verrvundern, daß die Juden die französische Herrschaft mit freudige»»» Herzen begrüßen.