Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1881)
- Date
- 1881-12-06
- Page
- Seite 813 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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813 kleidung unkenntlich gemachte Gestalt — an der Spitze der plündernden Menge bemerkt wurde. Im heutigen Verhör gab nun der Dachdecker Krüger Auskunft über den unbekannten Führer, indem er constatirte, cs sei ein bärtiger Mann in Frauenkleidern gewesen. — Das Verhör der Angeklagten förderte nicht viel zu Tage. Fast Alle wollen sehr betrunken gewesen sein, als sie „zufällig zu dem Haufen stießen". Nur Wenige geben zu, geschrieen und eingehauen zu haben, „weil die Anderen gleicherweise thäten". Die Weiber, bei denen Beute gefunden wurde, machten allerhand Ausreden: sie hätten die Sachen abliefern wollen u. s. w., und der Rentier Breving beschrieb eine in seltener Weife ausgedehnte Bierreise, die ihn bis 8 Uhr Abends total in Anspruch genommen habe, worauf er sich ruhig zu Bett gelegt. ohne an Aufruhr zu denken. Morgen beginnt die Beweisaufnahme. Cöslin, 22. November. (N. St. Z.) In dem Prozesse gegen die Schivelbeiner Excedenten wurde heute in die Beweisaufnahme eingetreten. Während dieselbe bezüglich des objectiven Thatbestandes ganz das Bild bestätigt, welches bereits über die Zerstörungen, die Widersetzlichkeiten gegen die Staatsgewalt und über die Anarchie, die am 7. August in Schivelbein herrschte, gegeben ist, hat sich über die subjektive Thäterschaft bisher nur wenig ermitteln lassen. Keiner der Excedenten wurde eigentlich bei der That ergriffen und die beschädigten jüdischen Kaufleute haben keinen der in ihre Geschäfte eingedrungenen Meuterer erkannt, da sie in fast allen Fällen um ihrer eigenen Sicherheit willen sich zurückziehen mußten. Ebenso wenig waren die Polizeikräfte im Stande, sofortige Verhaftungen vorzunehmen, da sie genug zu thun hatten, um möglichst durch gütlichen Zuspruch die schlimmsten Ausschreitungen zu verhüten, oder in den Fällen, wo sie selbst angegriffen wurden, aus ihre eigene Sicherheit bedacht zu sein. Der Bürgermeister sah sich sogar genöthigt, seine Vertretung dem Beigeordneten zu überlassen, um zum Schutze seiner eigenen Wohnung sich nach Hause zu begeben. Aus den Aussagen des Bürgermeisters geht ferner hervor, daß dieser vergeblich die Hilfe des Kriegervereins und der Mannschaften des Landwehrstammes anries. Ersterer konnte, weil weder Hornist noch Tambour zur Stelle war, nicht alarmirt werden, und selbst ein zum Bezirkscommandeur gesandter Bote fand zwar das Haus offen, aber selbst bei gründlichem Nachsuchen in der Wohnung Niemand anwesend. Die Einberufung von Spritzenmannschaften wagte man nicht, weil befürchtet werden müßte, diese seien vielleicht selbst von der Erregung ergriffen oder ein Angriff auf die Excedenten durch Wafferstrahlen könne zur Zerstörung der Spritzen und Löschgeräthe führen. So konnten die Excesse nicht gestört werde», bis es gegen H> Uhr dem Beigeordneten Buchtcrkirch gelang, einen Hornisten des Äriegervereins aufzutreiben und diesen endlich willig zu finden, ulitcr Begleitung des Gensdarm, der Polizisten und des Beigeordneten das Appcllsignal zu blasen. Hierbei mußte der Trupp aber förmlich den Excedenten aus dem Wege gehen. Schließlich waren 10—11 Leute des Kriegervereins zusammengebracht, welche es unternahmen, sich mit Gewehren zu bewaffnen und eine Attake ans die noch in Thätigkeit befindlichen Plünderer zu machen. Die Ueberrumpelung gelang, aber man konnte sich nicht damit befassen, die fliehenden Excedenten, deren Zahl übrigens infolge des reichlichen Genusses geplünderter Spirituosen sehr gesunken war, zu verhaften. Die jetzigen Angeklagten wurden erst vom nächsten Tage ab aus Berdachtsgründe oder infolge Kenntnis', ihrer Betheiligung am Krawall verhaftet. Nachdem nun heute die Beweisaufnahme so weit beendet wurde, als sie die Gemeinschaftlichkeit bei den Exceffen betrifft, beginnt morgen die Vernehmung der 70—80 Zeugen über einzelne Vorfälle und betreffs einzelner Angeklagter. O esterreich-Ung arn. Wien, 24. Nov. (Privatmitth.) Als ein Kuriosum, wenn auch betrübender Art, ist es in der neuen Ausgabe, welche Franz Liszt von seiner Schrift über die Zigcnnermnsik veranstaltet hat, zu betrachten, wenn er ein Kapitel über die Juden hineingefügt hat, in welchem er Jstoczy die Hand reicht und Stöcker weit übertrifft. Es kann uns nach dem Vorgang so vieler rasender Geiste nicht sehr interessiren, was der alte Herr, der einen so weilen Weg der Wandelung von Weimar nach Rom zurückgelegt hat, über die Herrschaft der Juden in der Finanz und in der Preffe sagt. Auffälliger ist schon, tvas er betreffs der Musik sagt. Man muß sich erinnern, das Liszt in früheren Aufsätzen eine große Anerkennung für Meyerbeer und eine wahre Bewunderung für Mendelssohn ausgesprochen hat. Jetzt sagt er: „Wie auf der Bühne, in der Malerei, so ist die Kunst der Juden auch in der Musik nach der christlichen Schablone geraihen. Sie machen nicht einmal den Versuch, sich von unseren Methoden zu emancipiren. Meyerbeer that nichts, als die italienische und deutsche Schule zu vereinigen, neben einander zu stellen: die Combination war neu und sicherte ihm eine beispiellose Popularität, aber es war nichts als bloße Combination. Mendelssohn hat nur das gethan, was Händel vor ihm that, allerdings mit neueren, den Gewohnheiten unserer Zuhörer angepaßtcn Mitteln. Die Inden thun nichts! Anderes, als die Elemente, welche wir schassen, umznietzen,! zu combiniren".! Allerdings wird es immer eine große Sünde dieser beiden Componisten bleiben, nicht gewartet zu haben, bis j Liszt und Wagner ihre neue Musik prvduzirten, und sich ) nicht vor ihnen in den Staub geworfen hab.-n. Aber Lis-i j hat es selbst erfahren, daß die Werke der „Combinanon", -49