Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1881)
- Date
- 1881-12-06
- Page
- Seite 812 (sequence 8)
- Language
- German
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812 Wahlkreise hielt gestern vor einer großen Versammlung der! Rechtsanwalt Munckel seine Candidatenrede. Er sagte u. A.: „Darum die neuen Anstrengungen der Gegner und die nicht sachlichen, sondern persönlichen Angriffe gegen bie! liberalen Eandidaten, warum besingt mich der „Hallesche Thorbote" in seiner anmuthigcn und innig anheimelnden Manier und deshalb verschreit man uns als „Juden und Judenkncchte." Nun, wenn ich mir auf der einen Seite die „Judcnknechte" v. Saucken, Richter, Birchow, Träger u. A. ansehc und auf der anderen die Vertreter der „Freiheit" und an ihrer Spitze den Bersündiger christlicher Liebe, der : da sagt, daß er es mit den jüdischen Mitbürgern am Besten! meine - - und wenn er es selbst sagt, so brauchen Sie blos! die Jenenser Faeultät zu fragen, wie wahr das ist (Heiter-! fett) — so schlage ich mich gern auf die Seite der Knechte.! Wenn das Knechtschaft ist und das Freiheit, so zeigt dies eben, wie jetzt vielfach die Begriffe in Deutschland verdreht werden. (Beifall.)" — Cöslin, 21. November. (N. Stctt. Z.) Die unter dem Namen der Jndencrawalle bekannt gewordenen traurigen Vorgänge in Neustcttin, Schivclbein und Bublitz kamen heute vor dem hiesigen Schwurgericht zur Verhandlung. Zunächst ist der auf die Tauer einer ganzen Woche berechnete, unter dem Rubrum „Leu und Genoffen" gehende Prozeß wegen der Schivelbeiner Exceffe zur Aburtheilung gestellt und heute bis zur Beendigung des Gcneralverhörs der 28 Angeklagten gediehen. Zwar zeigt die Liste der Angeklagten 2!» Namen, jedoch mußte das Verfahren gegen die verehelichte Zumach, welche wegen ihrer bevorstehenden Niederkunft nicht erscheinen kann, ausgesetzt werden und wurde dieselbe durch Gerichtsbeschluß dem nächsten Schwurgerichte überwiesen. Obgleich der Prozeß nach dem an der Spitze der Liste der Angeklagten stehenden Namen Leu benannt ist, fällt doch die Hauptrolle nicht dem diesen Namen führenden Arbeiter, sondern dem öl» Jahre allen und sehr vermögenden Rentier Breving zu, welchen die Anklage als eigentlichen Anführer, wenn nicht gar Entrepreneur bei dem Schivelbeiner Exceffe im Auge hat. Im klebrigen lantet die Anklage auf Rädelsführerschaft gegen Arbeiter Leu, Lumpenhändler Lyk, Eigenthümer Wünge, Rentier Breving und Maurergesellen Tetting, und find außerdem diese 4 mit den übrigen 2?, Angeklagten theils des Aufruhrs, des Landfriedenbruchs oder der Plünderung beschuldigt. Behuss Beweisaufnahme find über 100 Zeugen geladen, von denen einige recht weit herkamen, z. B. aus Prag, Mainz u. s. w. Es sind dies Geschäftsreisende, die am Tage des Excesses gerade in Schivclbein verkehrten. — Nach dem Bilde, welches in Verbindung mit der Anklage die heutige Verhandlung gab, hatte der Exceß den im Folgenden beschriebenen Verlauf: Ein Vorspiel war die Erregung, welche sich mehrere Tage vor dem 6. August d. I. der Bevölkerung Schivelbeins in Folge der Neustettiner Vorgänge bemächtigte, und diese wuchs auf's Höchste, als am 6. August der Bürgermeister eine Bekanntmachung erließ, nach welcher Gesellen und Dienstboten von!> Uhr Abends ab im Hause gehalten werden sollten. Am Sonntag den 7. August bildete sich schon Nachmittags ein Auflauf aus meist jungen Leuten, die Schmähungen gegen die Juden ausstießen. Dabei blieb es aber bis Abends gegen halb neun Uhr, um welche Zeit der angeblich zu Einkäufen in die Stadt gekommene Ziegler Rieck verhaftet wurde, weil er mit aufgehobenen Rockfchößen um einen auf dem Markte stehenden Candelaber tanzte, „Hepp, hepp" schrie und durch sein Gebahren die angesammelte Menge noch mehr aufregte. Die Verhaftung Rieck's war das Signal zum Ausbruch; zweihundert bis dreihundert Menschen zogen vor das Rathhaus und erzwangen durch ihr tumultarisches Gebühren, Angriffe auf die Sicherheitsbeamten u. s. w. die Freigabe Rieck's. Hierauf begab die Menge sich schreiend und tobend zum Markte und begann die Läden und Fenster der von Juden bewohnten Häuser zu demoliren. An zehn Localen jüdischer Geschäftsleute zerschlug der rasende Haufen Läden und Fenster, drang in's Innere, riß die Waaren heraus, schleppte sie auf die Straße, zerschlug und vernichtete Alles in blinder Wuth, während auf der Straße meist von Frauen, deren vier auf der Anklagebank sitzen, Freibeuterei getrieben wurde. Bei einigen Kaufleuten wurden die Ladcnkasten erbrochen und beraubt. Besonders schlimm wurde in der Destillation von H. E. Jacobus gehaust, wo die Excedenten sich der vorhandenen Schnapsvorräthe bemächtigten und dieselben auf jede mögliche Weise vertilgten. Vom Markte gings dann nach der Kirchenstraße, wo die Läden und Fenster von vier Geschäften zertrümmert wurden. Vornehmlich aber hatten die jüdischen Kaufleute Abraham und Jtzig Samuel in der Stein - thorstraße durch den rasenden Haufen zu leiden. Es wurden sämmtliche Thüren und lll Fensterscheiben zerschlagen, die Möbel buchstäblich zerhackt und Abraham Samuel selbst thätlich gemißhandelt. Von der Steinthorstraße zogen die Wüthenden wieder nach dem Markte, wo sie noch demolirten, was vorher verschont geblieben, bis der unterdcß aufgebotene mit Gewehren bewaffnete Kriegerverein die Straße säuberte, so daß um Mitternacht die Ruhe wieder hergestellt war. Obgleich bei der allgemeinen Plünderei eine Menge Waaren, Fässer mit Spirituosen, Zeuge rc. gestohlen wurden, ist doch bei stattgehabten Haussuchungen nur wenig vorgefunden worden. Ein Sack mit verschiedenen Manufakturwaaren, Hemden, Chemiffetts u. s. w., ein leeres Faß bilden neben einigen anderen Ueberführungsfrücken, als Knüppel und dergl. alles, was dem Gerichte vorliegt. Der entstandene Schaden ist auf , 15—16,000 Mark berechnet. Vergeblich wurde bis jetzt nach einer Persönlichkeit gesucht, die — eine große durch Ver-