Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1881)
- Date
- 1881-12-06
- Page
- Seite 810 (sequence 6)
- Language
- German
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810 hieran thut dem vielen Guten, das er sagt, Eintrag. Deshalb tritt auch ein klares Bild von dem, was er unter „praktischem Judenthum" versteht, nicht hervor. Er richtet seine Diatribe besonders gegen die jüdische Jugend, die dem religiösen Jndifferentismus verfallen und, in völlige religiöse Unwissenheit versunken, aus Abwege gcräth. Er hat sicherlich Recht und übt scharfe Kritik. Aber wir mögen dabei nicht verhehlen, daß auch viele der jüngeren jüdischen Theologen und theologischen Schriftsteller an der Unkenntniß der jüdischen Literatur der letzten 50 Jahre leiden, und sehr wohl daran thäten, diese Lücke bei sich auszusüllen, bevor sie das Werk sortsctzen wollen. Es genügt nicht, Heine und Börne zu kennen und dann eine Reihe von Namen, ohne deren eigentlichen Werth, gefaßt zu haben. Wir haben in den letzten Jahren erstaunliche Beispiele dieser Unkenntniß erfahren. — Was müssen wir Juden thun? Bon Iudäus. (Zürich, Trüb'sche Buchhandlung, 1**1.) In aphoristischen Sätzen mit großer Schärfe und bisweilen glücklichem Witze behandelt der anonyme Vers.: „Tic Ursachen der Hetze und die Klatschbascreicn der Antisemiten", „Unsere wirklichen Fehler", „Heerschau über die Falstaff-Armee der Antisemiten", „Die ernsten Ausgaben des Judenthums". Nachdrücklich erklärt sich der Vers, gegen die vorwiegende Neigung der Juden zum Handel und sucht die zukünftige Ausgleichung darin, daß die auswachsenden Generationen sich anderen Berussthätigkciten zuwendcn. Der Vers, hat gewiß Recht, und wir haben dies seit Jahrzehnten gepredigt. Jndeß zeigt es sich, daß die antisemitische Gesinnung in keinem Berufe der Juden dulden möge. Das eklatanteste Beispiel geben die Studenten. Besonders schwingt er auch seine Geißel gegen die Kriecherei der reichen Juden, besonders Jüdinnen vor der Aristokratie. Wir empfehlen die Lectüre dieser Broschüre, obschon wir sie und die bisweilen über das Maß gehende Ausdrucksweise an manchen Stellen nicht billigen. — Die Leiden und Verfolgungen der Juden und ihre Beschützer in chronologischer Reihenfolge. Von Pharao 1650 vor Christi Geburt bis zur Gegenwart. Von H. E. (Budapest, 1882, Samuel Zilahy.) Der Titel besagt hinlänglich, was wir hier zu suchen haben. Der Berf. zog sein Material aus hebräischen und deutschen Geschichtswerken. Erfreulich ist ein solches Werk nicht, denn es weist zu sehr auf die Nachtseiten der Geschichte hin. — Der Apostel Stöcker, seine Jünger und der deutsche Bürgerkrieg. Ein Beitrag zur Eutwickelungsgeschichte der antisemitischen Bewegung. Von Dr. L. Kleist. (Berlin 1881, Stuhr.) Der Vers., vom edelsten Geiste der Humanität und des Rechts beseelt, entwirft, auf Grund der Thatsachen, ein Bild von dem Verlaufe der Agitation Stöckers und seiner Genoffen. Daß dieses Bild keine für die Portraitirten schmeichelhafte Züge hat, dafür haben eben sie selbst gesorgt. Zum Schluffe fordert er, der Christ, den christlichen Theologen zur Umkehr und Beffernng aus. Wir wünschten wohl, daß dieser Aufruf Eindruck mache, glauben es aber nicht. — icpinacjjvt cf^tevu Deutschland. Berlin, 25. Nov. (Privatmitth.) Bei der Wahl des. Präsidiums hat sich die klerikal-conscrvative Verbindung faktisch erwiesen, sowie, daß sie die Mehrheit, und zwar noch keine absolute, nur durch die Polen, Welfen, Protestler und Dänen erhalten hat, eine Hülfe, die bei wirklichen gouvernementalen Fragen schwerlich Stich halten wird. Bemerken will ich nur, daß der durch diese Coalition gewählte Präsident, Herr v. Lcvezow, sich in seiner Wahlrede entschieden gegen den Antisemitismus erklärt hat. — Wir dürfen unsere Partei nie unterschätzen. Tie conservativ-christlich-soziale Partei hat bereits ein Grundstück erworben, um Massenversammlungen zu halten, und steht eben im Begriff, ein zweites an sich zu kaufen. So große Geldmittel stehen ihr zu Gebote'. Bon der Gegenseite hat man Derartiges noch nicht vernommen. Dagegen scheint die hiesige liberale Presse endlich eingesehen zu haben, daß cs sehr unklug ist, durch lange Berichte aus den Reden der Herren Stöcker, Henrici ff. diesen eine allgemeine Verbreitung zu verschaffen, was zumeist zu dem Bekanntwerden dieser Leute beigetragen hat. Wozu auch? Man weiß längst genug von ihnen, und pikant ist es auch nicht mehr. — Dock dürfen wir uns nicht verhehlen, so beklagenswerth es ist, daß, während im Volke der Antisemitismus seinen Boden hier ziemlich verloren hat, er bei der studirenden Jugend noch immer grassirt. So feierte dieser Tage der „Deutsche technische Studentenverein", der aus den Studirenden der technischen Hochschule besteht, seinen Antritts- Commers, und war hierzu — der Prediger Hapke, der bekannte Gehülfe Stöcker's, als Ehrengast eingeladen. Hiermit war die Tendenz des Vereins gekennzeichnet, wie denn auch ein Student das Kyffhäuserfest als „den Anfang einer neuen Aera" pries. In Erstaunen setzte nur, daß der Rector der Hochschule, Pros. Winkler, sich nicht allein eingefunden hatte, sondern auch seine Uebereinstimmung mit den Tendenzen des Vereins erklärte. — Zur Charakteristik der deutschen Reichshauptstadt in der Gegenwart dient es, wenn die „Boff. Z." sich bewogen fühlt, folgende Erklärung zu veröffentlichen. „Im 3. Wahlkreise verbreiten die Gegner des liberalen Candidaten, Herrn Rechtsanwalt Munckel, derselbe sei Jude