Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1881)
- Date
- 1881-12-06
- Page
- Seite 809 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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809 zösischer Blätter über jene hinzuwcisen. Die vorliegende! sucht dem Gegenstände von geschichtlicher Seite beizukommen! und über Ursprung und Verlauf zu referiren. Wir wollen! hierbei eine Bemerkung nicht unterdrücken. Selbstverständlich; sind wir in diesem Blatte den Kämpfen der jüngsten Zeit, sowohl was die Literatur und die Versammlungen als auch: was die Vorgänge und Ereignisse selbst betrifft, in möglichster; Ausdehnung gefolgt. Wir hatten dabei in erster Linie die! Bekämpfung aller gegen uns vorgebrachten unwahren und unlauteren Behauptungen, die Abwehr der unaufhörlichen Angriffe im Auge. Dann aber war es unsere Absicht, für die künftige Geschichtsschreibung oder für spätere Vorkomm-! niffe ein reiches Material zu sammeln und auf diese Weise j zu fixiren, was sich sonst mit dem Tage verflüchtigt oder in! zahllosen Blättern und Broschüren zerstreut ist. Daß wir j die letztere Absicht erreicht haben, ist aus obigem französischem! Schristchen zu erkennen, da es mit Ausnahme einiger weniger anderen Quellen seine Informationen aus der „A. Z. d. Jud." zieht und diese mehrmals auf jeder Seite citirt. Wie es in der Natur der Sache liegt, konnten die Angriffe unserer Gegner niemals aus unserer Darstellung wegbleiben, und wenn daher der Vers, einen umfänglichen Gebrauch von unseren Mittheilungen machte, so ist damit nicht gesagt, daß er cs in völlig günstiger Gesinnung gethan. Der Vers, ist ein Franzose, der früher längere Zeit in Deutschland zuge-! bracht hat. Daß er kein Deutscher, ersieht man aus der! Art, wie er über die Elfäffer spricht, und auch aus mehr-1 fachen Frrthümern, z. B. daß die „Boss. Zeit." antisemitisch,! der Schriftsteller Sacher-Masoch ein Jude sei, u. dergl. Er! ist Christ, und zwar in strengem Sinne, denn seine Meinung! läuft darauf hinaus, daß, wenn erst das Volk wieder christ-; lich geworden, es die von den Juden ausgehenden Uebelstände vermeiden würde." Wenn wir klar sehen, so fließt seine Antipathie gegen die deutschen Antisemiten mehr daraus hervor, daß sie Deutsche, als daß sie Antisemiten sind. Er stellt in einem langen Artikel diejenigen Beschuldigungen dar, welche die Antisemiten gegen die Juden losgelassen haben und zeigt sich dabei sehr vertrauensvoll auf deren Angaben, z. B. auf die Otto Glagau's; im folgenden Artikel will er die Juden „vertheidigen", thut dies aber nur hinsichtlich der Leugnung ihrer deutschen Nationalität, die er möglichst begründet. Am heftigsten und wiederholt schlägt er auf die Nationalliberalen los, welche theils, wie v. Treitschke, den Angriff leiteten, theils stillschweigend dem Kampfe zusahen und damit erwiesen, wie wenig sie ihre liberalen Prinzipien Hochhalten, und daß es ihnen mehr um die Macht als um die Freiheit zu thun sei. Daß in Frankreich Niemanden eine „Judenfrage" in den Sinn kommen könne, setzt er als unzweifelhaft voraus, obschon daselbst die Juden nach ihrem numerischen Berhältniß eine viel größere Rolle spielen als in Deutschland. Uebrigens hält er schließlich die Juden für Deutschland ganz unentbehrlich. Die Broschüre ist geschrieben einerseits vor jenen schrecklichen Ereignissen in Rußland und den Attaken in Pommern, andererseits vor den Wahlen zum deutschen Reichstage. Der Vers, sieht daher das Ganze nur als ein „Strohfeuer" an, welchem die Regierung ruhig zugeschen habe, nur besorgt, daß kein Gebäude davon ergriffen würde; er hält daher auch dafür, daß die Agitation sich bereits verlaufe. „Aber," sagt er, „der erste Zwischenfall kann sic wieder wecken, wie jene schlecht gelöschten Feuersbrünste, welche der geringste Windstoß wieder anfachen und furchtbar machen kann. Tic Broschüre wird wegen der mannichfachen Thatsachen, die sie anführt, unseren Nachbarn jenseits der Vogesen interessant sein; für uns hat sie nach ihrer Tendenz einen zweifelhaften Werth. Führen wir nur noch einige Bemerkungen des Vers, an. Für die eigentlichen Gegner der Juden hält er die lutherisch-orthodoxe und die katholische Partei. Diese beiden : Gruppen repräsentiren ihm die „loyale, ernsthafte aufrichtige! Gegnerschaft. Der Rest der Gegner stellt nur Jnrcresseneid oder! boshafte Eifersucht dar." Auch er erkennt an, daß die liberale Presse „die ausgezeichnete Ungeschicklichkeit gehabt, den Stöcker'- l schen Versammlungen und Reden einen großen Wiederhall zu schaffen". Bei dem Standpunkte, den er einnimmt, wundert es uns nicht, daß er die Feindseligkeit der katholischen Presse gegen die Juden dem Umstande zuschreibt, daß sie „allen Maßregeln, gegen die katholische Kirche im Namen des Kulturkampfes gefaßt, applaudirt hätten." Wir haben diese Behauptung schon so oft als irrig erwiesen, daß wir hier nicht wieder darauf eingehen wollen. Der Verf. widerspricht sich aber selbst, da er kurz vorher den Antagonismus der katholischen Partei gegen die Juden als einen natürlichen, sich von selbst verstehenden bezeichnet hat. p. 39 behauptet er, daß im alten Israel der Fremdling zwar die bürgerlichen, nicht aber die politischen Rechte habe erhalten können. Wir wären sehr begierig, von dem Verf. zu erfahren, aus welcher Stelle der h. Schrift er es ziehen wolle, daß ein solcher Unterschied zwischen bürgerlichen und politischen Rechten schon im alten Israel vorhanden gewesen? Er will alle, ihm entgegengestellten Schriftstellen (vgl. z. B. unsere Israelitische Religionslehre, Bd. III, S. 157s nicht gelten lassen. So muß er jedenfalls den Beweis für seine Behauptung führen. — Der beschränkte Raum uöthigt uns, der übrigen Broschüren nur in Kürze zu gedenken. „Praktisches Judenthum. Ein Wort zur Verständigung insbesondere an seine Glaubensge noffen gerichtetvon M. Fricdeberg." (Leipzig, Friese, 1**1.) Der Verf. besitzt eine rülnnenswerthe Sprachgewaudheit, eine anzuerkennende Verve und einen warmen Eifer für das Judenthum. Wonach er aber noch zu streben hat, ist die Kunst der Gruppirung, den logischen Zusammenhang sestzuhalten und nach einem übersichtlichen Plane zu arbeiten. Ter Mangel