Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1881)
- Date
- 1881-12-06
- Page
- Seite 808 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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808 Toleranz etwas zu Gute thut, sondern in der einfachsten und selbstverständlichsten Art. Das Leben Lessings war ein sehr bewegtes, ein fortwährender Kampf mit der Ungunst der Zeit- und Familienverhältnisse, sowie mit den eigenen Neigungen, die ihn auf alle Gebiete des Wissens und Denkens, des Forschens und Urtheilens trieben und zu freier Bewegung anhielten, während die Bedürfnisse des Lebens und einer seiner Natur entsprechenden Wirksamkeit ihn zur Erlangung eines festen Amtes drängten. Die genauere Kenntniß seines Lebens ist daher ein wahres Erforderniß, sowohl weil uns darin ein bedeutendes Stück Kulturgeschichte, besonders der deutschen, geboten wird, als auch zum Berständniß seiner Werke; nicht als ob Lessing den Anstoß zu diesem immer aus seinen Erlebnissen und etwaigen Umgebungen gezogen: in der Werkstatt seines ewig bewegten Geistes entfalteten sich seine Richtungen auch in voller schöpferischer Freiheit — sondern weil doch stets ein innerer Zusammenhang zwischen seinen öffentlicht worden: Lessing's Leben von Heinrich Düntzer.! psychologischen Zuständen und seinen Arbeiten sich erkennen « Leipzig, E. Wartig. 1782«. Das 688 Seiten fassende Buch > läßt, wenn auch oft nur in dem Aufringen seines Genius ist mit einer Eleganz ausgestattet, wie selbst in neuerer Zeit! aus den Miseren drückender Lebensverhältnisie. Bon diesem Literarischer Wochenbericht. Bonn, 23. Nov. Das deutsche Volk hat aus die jüngsten Ausbrüche der Intoleranz und Berfolgungssucht wiederholt und entschieden geantwortet. Es hat auf den Antisemitismns mit den Wahlen zum Reichstage entgegnet. Auf die wühlerischen Reden gewisser Pfaffen und Junker gab es dadurch Antwort, daß es Lessing in Hamburg eine Statue errichtete und bedeutende Geldsammlungen veranstaltete, um ihm in Berlin selbst eine solche errichten zu lassen, Sammlungen, zu denen es in so reichem Maße steuerte, wie noch zu keinem Bildwerk für einen seiner Gcistesheroen. Endlich auf die Schmähungen, die eine entartete Feder auf Lessing's Person und Werke häufte, erwiderte es nicht nur durch eine neue Ausgabe der umfassenden Biographie Lessings von Tanzel und Guhrauer «s. S. 36. 127"!, sondern auch durch ein neues und ausgezeichnetes biographisches Werk, das in diesen Tagen verin Deutschland nicht häufig, und mit „authentischen Illustrationen" bereichert, nämlich mit 46 Holzschnitten, welche Lessing in verschiedenem Lebensalter und alle bedeutenden Zeitgenossen, mit welchen er in Berührung kam, nach vorhandenen Bildern trefflich darstellen, und mit 8 Facsimilen. In der That ist ein jedes solcher Werke zugleich ein Protest gegen Standpunkte aus erhält nun die vorliegende Biographie ihren besonderen Werth. Wenn Stahr nur dillettantisch für das große Publikum eine biographische Skizze entworfen hat, welche immerhin das Verdienst besitzt, das Leben Lessings dem größeren Publikum nahegebracht zu haben, wenn Danzel und Guhrauer das ganze biographische und literarische Madie Unkultur, die Vorurtheile und Gehässigkeiten, die man terial in tüchtigem Detail herangebracht haben: so vernachder deutschen Nation wieder imputiren wollte, ist die Befriedij lässigt Düntzer dies letztere durchaus nicht, aber das Hauptgung eines innersten Bedürsniffes, festzustellen, daß auch das! Moment seiner Arbeit bilden das psychologische Leben unseres heutige Deutschland noch auf den Fundamenten der Humanij großen Denkers und Dichters, alle Lebensverhältnisie bis ins tat, der Gewiffensfreiheit und der Gleichberechtigung Aller Kleinste und die warme und glänzende Darstellung. Der steht, welche seine Geisteshelden und Klassiker im vorigen Literarhistoriker wird das zu zweitgenannte Werk nicht ent- Jahrhundert mit so großen Anstrengungen und glücklichen behren können; wer sich aber fortan mit dem Menschen und Erfolgen gelegt und befestigt haben. Lessing hat den seltenen dem Autor Lessing bekannt machen und beschäftigen will, dem Vorzug, daß er die großen Ideen, die er hegte, und in seinen Schriften, besonders seinen Dichtungen, zum Ausdruck brachte, auch in seinem Leben verwirklichte. Bei ihm waren Theorie und Praxis nicht unterschieden. Seinen Freisinn, seine tiefempfundene, vorzugsweise ethische Religiosität bewährten sich in seinen Handlungen und Worten. Ja, sie waren ihm so natürlich, daß er sich dieser Besonderheit gar nicht bewußt war, sondern sic in der vollkommensten Unbefangenheit übte. Er war vorurtheilslos und besonders judenfreundlich nicht blos in seinem dramatischen Jugendwerk „Die Juden", das er zu einer Zcir schrieb, wo er noch kaum einen Juden kennen gelernt, nicht blos in der vollendetsten Frucht seines arbeitswird diese neue Arbeit des verdienten Düntzer eine volle Befriedigung schaffen. Wir können nicht sagen, daß er ein tieferes Urtheil, ein vollständiges Berständniß für die Schöpfungen Lessings heranbringt; aber er strebt uach objektiver Ausfassung und dies ist immer ein großes Genüge für die biographische Bearbeitung eines so großartigen Stoffes. Wir empfehlen das treffliche Werk für jede größere Familienbibliothek. — Bonn, 24. Nov. Es liegt wieder eine ganze Reihe von Broschüren vor, bezeugend, daß selbst ein im Erlöschen begriffenes Feuer noch lange Funken und Rauch in die Luft ausstreut. Wir heben hervor: La question juive en Allevollen Lebens, dem „Nathan", zu dem er den Plan seit seiner magne. (Paris, Jules Gervais, 1881.) Der Inhalt dieser Bekanntschaft mit Moses Mendelssohn viele Jahre mit sich herumtrug, sondern auch in allem Umgang und Verkehr, und zwar nicht etwa in jener vornehmen Weise, die sich auf ihre Broschüre hatte früher in dem französischem Blatte Le Correspondent gestanden. Wir hatten im Laufe der antisemitischen Wühlereien mehrmals Gelegenheit auf die Auslastungen fran-