Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1881)
- Date
- 1881-12-06
- Page
- Seite 807 (sequence 3)
- Language
- German
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Anrecht der Hilfsbedürftigen auf die Ecken der Felder, auf die Nachlese in Feld, Obstgarten und Weinberg, auf den dritten Zehnten, was allerdings im Chriftenthume keine Nachj ahmung fand, von wo aus aber der Geist der Wohlthätigkeit, j der brüderlichsten Barmherzigkeit ausgegangen war. Während? also hier Renan die Anlehnung an das Judenthum ausdrücklich j hervorhebt, bemerkt er, daß auf einem anderen Gebiete das t Vorbild des Judenthumcs vom Chriftenthume verlassen worden, I nämlich was das Sklavcnthum betrifft. Er sagt S. 605: j „Das Ziel des Christenthums war durchaus nicht die Berj vollkommnung der menschlichen Gesellschaft, noch die Verj mchrung der Summe des Glücks der Individuen. Ter Mensch versucht, sich so wenig Uebcl wie möglich auf der j Erde eiuzurichten, wenn er die Erde und die paar Tage, r die er auf ihr verbringt, ernst nimmt. Aber wenn man zu s ihm sagt, daß die Erde auf dem Punkte steht, unterzus gehen, daß das Leben nur die Prüfung eines Tages sei, die j unbedeutende Vorstufe eines ewigen Ideals, wozu dann es s verschönern? Man bceifert sich nicht auszuschmücken, bequem; zu machen eine Ruine, wo man nur einen Augenblick | wartet. Es ist besonders in dem Verhältniß des Christen- | thums zur Sklaverei, wo dies deutlich zu Tage trit. Tas I Christenthum trug ganz besonders dazu bei, den Sklaven zu trösten; aber cs arbeitete nicht daran, die Sklaverei zu unter- 1 drücken. Tas Christenthum sagte niemals: „Die Sklaverei; ist ein Mißbrauch." Die Aufhebung der Sklaverei wäre j ein revolutionärer Akt gewesen, und das Christenthum nahm ] in der Gesellschaft Alles willig an, was nicht den Götzenj dienst betraf. „Die Menschenrechte sind durchaus nicht eine f christliche Sache. Schon Paulus erkennt vollständig die Gesetzlichkeit des Besitzes des Herrn an. „Die Zahl der Sklaven und der Freigelassenen war sehr beträchtlich in der Kirche. Niemals rieth diese, dem christlichen Herrn, der christliche Sklaven hatte, sie freizulafscn; sie untersagte nicht einmal die körperlichen Züchtigungen, welche die fast unvermeidliche Consequcnz der Sklaverei sind. Später befaß die Kirche Sklaven und behandelte sie wie alle Welt, d. h. recht hart." (Selbstverständlich bringt Renan für alle diese Sätze eine Menge Belegstellen heran. „Schon das Judenthum", fügt er weiterhin hinzu, „hatte über die Sklaverei vcrhältnißmäßig humane Grundsätze bekannt. Es hatte so weit wie möglich die Pforte der Freilassungen geöffnet. Unter den Hebräern war die Sklaverei sehr gemildert. Tie Essäer und Therapeuten gingen noch weiter: sie erklärten die Knechtschaft als dem natürlichen Rechte zuwider und ließen für sich durchaus keine Sklavenarbeit zu." Tie Hauptsache ist, daß das mosaische Gesetz die Sklaverei dadurch so gut wie aufhob, daß cs sie zu einer Bermiethung auf einige Jahre machte. Mit Recht hebt zwar Renan hervor, daß die Gleichheit vor Gott und bei dem Gottesdienste die Sklaverei!' v sehr mildern mußte; daß jedoch auf diesem Wege die Beseitigung der Sklaverei nicht erreicht ward, erweist der Bestand derselben bis auf die neueste Zeit. Andererseits trat innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft die Leibeigenschaft an die Stelle der Sklaverei und zwar vorzugsweise in den christlichen Ländern. — Wir nehmen hiermit von dem Werke Renan» Abschied, das jedenfalls ein bedeutendes Denkmal großer Geistesbegabung und Gelehrsamkeit ist. Das Ludenthum und der Prediger pischon. II. Wir sahen uns veranlaßt, den Herren Wahrmund und Pischon in der Augsburger A. Z. selbst, wo der betr. Artikel gestanden, zu antworten, und ist unsere Entgegnung in dem Hauptblatte vom 21. Nov. (S. 4761) abgedruckt. Es erscheint uns daher überflüssig, liier noch weiter auf die Sache einzugehen, und geben wir nur den Schluß unserer Entgegnung, den Talmudismus betreffend, hier wieder. t Selbstverständlich mußten wir uns in dieser Entgegnung ' möglichst kurz und rein sachlich halten. „Was nun Herr •: Dr. Wahrmund von der „aberwitzigen Selbstvergörrernng"; und dem „fragmentarisch denkenden Talmndisinns" sagt, kann er nur aus trüben Ouellen, etwa aus Eisenmenger und > Rohling, geschöpft haben, obgleich es bereits viele Hülismittel giebt, woraus der Talmudisinns kennen gelernt werden kann. f Obschon das Product von ungefähr sieben Jahrhunderten, hat doch der Talmudismus eine Tendenz, ein System und eine sehr consequent durchgeiührte Methode. Seine Tendenz ist: während der Mosaismus alles Reckt zu Religion machte, alle Religion zu einem jus zu machen, und diese Tendenz ist cs, welche das moderne Judenthum durchbrochen har. Sein System, welches in dem Ausspruch wurzelt: die wichtigste Stelle der Thora sei (1. Mos. 5, 1 ,: „Ties ist das Buch der Geschlechter des Menschen u. s. w.", weil hieraus die Einheit und Brüderlichkeit des Menschengeschlecht» hervorgehe, und was in dem Ausspruch gipselr: „Tie Gerechten aller Völker sind verewigen Seligkeit theilhaftig." Dieses Susteni kann schwerlich „Ausschließlichkeit und Menschenhaß u. s. w." zum Inhalt und Zweck haben. Tie Methode endlich beruht auf ganz bestimmten logischen Regeln, von deren Anwendung nicht abgewichen werden durfte, um innerhalb der easuinii'chen Rcchtsentfaltung zu einer Schlußfolgerung zu gelangen. „Fragmentarisch" denken die Talmudisten durchaus nicht; aber der Talmud ist nichts als eine Sammlung von Protokollen über die Bcrathungen der Talmudisten mit kurzer Bezeichnung der Meinungen, oft mit, oft ohne Angabe der Gründe. Diese Beschaffenheit ist cs, wolche den Einduck des Fragmen tarischen bewirkt. Ich begnüge mich hier mit diesen Andeutungen, Details stehen zu Diensten. Möge es dem einseitigen, Rubriciren und Formuliren nicht gelingen, die gründliche deutsche Forschung zu verdrängen." u»*