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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-12-06 · Heft 49 (6.12.1881) · p. Seite 806

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 49 (6.12.1881)
Date
1881-12-06
Page
Seite 806 (sequence 2)
Language
German
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806 Nissen dies unter der <vovm eines engen synagogalcn Lebens ans, von dem das christliche Leben nichts als die ascetische Umgestaltung ist." — Renan sührt uns nun den damaligen Standpunkt der heidnischen Religionen und der stoischen Plnlosophic vor. Angustus hatte den Kultus der Laren und besonders den Roms, des Staates und des Kaisers zur Slaatsreligion gemacht; aber diese konnte nicht sür die Tauer die Geister beherrschen; „dies konnte nur, wie Renan sagt, die Religion sein, welche Rom so oft vernichtet zu haben glaubte, die Religion Jehovas." Der Stoicismus vermochte nichts im Volke, weil er die Vergebung der Sünde j nicht kannte. Am gesäbrlichsten sür das Christenthnm waren! die fremden Religionen, die der Isis und des Mithras. Aus i der ausführlichen Schilderung ihrer Riten zeigt es sich, wie viel spater die christliche Kirche davon angenommen hat. ■ Damals aber habe das Christenthum sür die aufgeklärtesten; Geister zwei Vorzüge gehabt; die Abwesenheit aller Bilder! und der blutigen Opfer. In letzterem habe es sich an die : Propheten und Psalmistcu angcschlossen. Hierbei hat Renan übersehen, daß bereits seit anderthalb Jahrhunderten die, blutigen Opfer auch im Judcntbnme auf gehört hatten. Niemals bat sich seit der Zerstörung des Tempels bei den Juden das Vedürsniß geregt, den Opferkultns wieder herzustellen; schon lange vor dem Ente des Opferkultus hatte der Gebetkultus ihn iin Volksgeiste dermaßen verdrängt, daß sein Aufbören das religiöse Bedürfniß gar nicht tangirte, und die Rabbincn ioiort zu dem Grundsatz kamen, daß das Gebet das Opfer ersetze, ja einen höheren Werth habe als das Opfer. Wurde im Ritus noch das Gebet eingeschaltet um Wiederherstellung der Lpfer im Tempel, so war dies blos eine Aeußerung des jüdischen Konservatismus und der Pietät für das mosaische Gesetz. Tie Abwesenheit der Bilder beim Gottesdienste war sicherlich jüdisch und wurde später von der christlichen Kirche wieder beseitigt. Renan sagt daher weiterhin (,S. „Tie Religion, welche Rom fortan verbreiten sollte, war gerade die, welche es am heftigsten bekämpft hatte, das Judenthum unter christlicher Form." Es ist merkwürdig, wie oft Ideen und Ansichten, welche bei ihrem ersten Auftreten nicht sowohl bekämpft als sogar vcr-' spottet wurden, sich später als die Ergebnisse weiterer und unabhängiger Forschungen Geltung verschaffen. So erging es I. Salvador, als er in seinem „Rom und Jerusalem" diese Anschauung, die jetzt selbst Renan so entschieden darlegt, znm ersten Male aussprach. Renan hätte daher Salvador wohl ansührcn sollen, dessen Schriften ihm nicht unbekannt sein können. Ersührt weiter aus, daß das Christenthnm auch die ganze Basis des römischen Staatslebens angegriffen habe, indem es die Theokratie an die Stelle des Staalsrechtes setzte, was ebenfalls im Islam und Buddhismns geschah, so daß die Theokratie das ganze Mittelalter beherrschte und erst vom modernen Staate worden ist. Zwar hätten schon die ersten Lehrer des Christenthums, die Apostel, jede revolutionäre Bewegung untersagt und die unbedingte Unterwerfung unter die weltliche Obrigkeit, da diese von Gott sei, anempfohleu; auch hatten sich die palästiuiensischen Christen weder an dem Freihcitskampsc, noch an dem Aufstande des Bar-Kochba betheiligt. Dagegen waren die Christen gegen das Kriegerhandwcrk eingenommen und wollten die Waffen nur zur Bertheidigung, iusondcrs des Glaubens führen lassen; ebenso zogen sie sich von der Magistratur zurück und verachteten den Reichthum, von dem sie verlangten, daß er zum größeren Theil den Armen und der Kirche geopfert werde. Es entstand, wie Renan ausführt, ein Kamps zwischen den Armen und Reichen, und die Armen siegten. Nach dem Vorbilde des mosaischen Gesetzes wurde das Zinsnehmen untersagt, das Kapital unfruchtbar gemacht, die Industrie hörte auf, noch dazu da die Künste, namentlich die plastischen, verworfen wurden. Renan findet hierin die Ursache, daß die Civilisation ein Jahrtausend lang in Stillstand gerieth. Tics ist jedenfalls nur einseitig. Tie Uebersluthung der barbarischen Völker hat sicherlich das Meiste bcigetragen, da durch sie der Landbau die vorzugsweise Thätigkeit wurde, und der Feudalfiaat nur noch Herren und Leibeigene kannte. Ter große Fehler der Griechen, die Arbeit zu verachten, wurde von den Christen beseitigt, bei denen der Arbeiter, der Tag sür Tag sein Brod erwirbt, am höchsten in Ehren stand. Renan hätte hierfür ansühren müssen, daß sie hierin nur der aus Palästina mitgebrachten Richtung folgten, denn das alte Israel war lediglich ein ackerbauendes Arbeitervolk, dem sein Gesetz die Arbeit an sechs Tagen vorschricb. Was das Christenthum hochstcllte, das war das Almosen. „Das Almosen", sagt Renan (S. 600) „wurde als eine strikte Pflicht betrachtet. Das Judenthum hatte schon daraus eine Vorschrift gemacht. In den Psalmen und den prophetischen Büchern ist der Ebion der Freund Gottes und dem Ebion geben heißt Gott geben. Almosen ist im Hebräischen synonym mit Gerechtigkeit (Zedaka). Man mußte den Eifer der frommen Leute, sich aus diese Weise religiöses Verdienst zu erwerben, einschränkcn; eine der Borschristen von Uscha untersagte den Armen mehr als ein Fünftel seines Vermögens zu geben (Talm. Jer. Peah. I, 1). Das Christenthum nahm vollständig die Idee an, daß der Reiche, wenn er nicht seinen Ueberfluß abgiebt, so gut ist wie einer, der einem Anderen sein Eigenthum vorenthält." Man muß sich verwundern, daß, während Renan Stellen aus den Psalmen, den Apokryphen und dem Talmud anführt, er auf das mosaische Gesetz nicht zurückgeht. Hier ist eben außer dem Almosen, das mit freudigem Herzen zu geben, vorgeschrieben wird, noch vielmehr gesetzlich bestimmt, nämlich das

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