Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1881)
- Date
- 1881-12-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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erneute Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. i itioie Zeitung erscheint wöchentlich. Preis BiertcljLtirig 9 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitun.iS^iste Nr. 92) und Lesterrcich bei nllen Postämtern. außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Nabbiner Dr. Ludwig Philipplon in Bonn. Expedition und Berlag: Baunrgartner's Buchhandlung in Leipzig.! In redaelionellen Angelegenlieiren! wende man sich an I>r.U. Pliilipvion in j l Bonn direct, in allen übrigen au die ,! Berlagsbeuidlu g- Beilagen it^cbiilir 12 M .! sind glcirbialls an lentere cnizusenden. 45. Jahrgang.' Leipzig, den 6. December 1881. JVo. 49. Inhalt. Leitende Artikel: Marc-Aurel von Ernst Renan. II. — Das Judenthum und der Prediger Piichon. ll. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Cöslin. — Oesterreich-Ungarn: Wien. Trennen. Brody. — Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg.— Türkei: Konstantinopel. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Zur Feier des Toleranzpatentes Kaiser Joseph II. — Tie Juden in Tunis. — Vermischtes: Ein theurer Spaß. LeileirOs Llrl'ilral. Bonn, den 30. November. Marc-Aurel von Ernst Renan. II. Niemand wird Renan eine außergewöhnliche Belesenheit, namentlich auch in den Kirchenvätern absprechen dürfen. Niemand eine scharfe ulid gesunde Kritik. Niemand eine vorzügliche Begabung, auf Grund der gefundenen Thatsachcn ein kulturhistorisches Bild vergangener Zeiten in den wärmsten Tönen ltnd klarsten Formen zu entwerfen. Was ihm vorzuwerfen wäre, ist, daß er sich von seiner fruchtbaren Einbildungskraft verleiten läßt, die Farben stärker aufzutragen als die Factcn ihm darbieten, und daß er in einer, wenn auch an sich liebenswürdigen Jnconsequenz, nachdem er zu einem scharfen und entschiedenen Urthcil gelangt ist, als ob ihm dies wehe thäte, es zu mildern, oder gar umzudrehen sucht. Wenigstens geschieht ihm dies häufig wie unter der Hand. Es ergievt sich daher, daß sein nun vollendetes großes Werk, „Die Geschichte des Ursprungs des Chriftenthums", kein abschließendes genannt werden kann, jedoch für alle Zeit von großer Bedeutung bleiben und auf die Gegenwart einen gewichtigen Einfluß üben wird, wie es dies auch seit mehr als einem Jahrzehnt gethan. Haben wir im vor. Art. das Schlußkapitel des ganzen Werkes analysirt, so müsien wir heute einige Kapitel zurückgehen, und zwar zu dem 31.: „Ursachen des Sieges des Ehristenthums". Zeichnet er hier die Zustände der römischen Welt im 2.—4. Jahrhundert und zeigt, warum gerade innerhalb dieser dem Christenthum ein so unermeßlicher Sieg geworden, so weist er wiederholt darauf hin, daß das Christenthum hierbei von den Richtungen ausgegangen, die ihm das Judeuthum gegeben. Er sagt im Anfang dieses Kapitels: „Die Welt bedurfte einer moralischen Reform; die Philosophie gewährte sie nicht: die in den griechischen und lateinischen Ländern bestehenden Religionen waren von der Unfähigkeit betroffen, die Menschen zu verbessern. Unter allen religiösen Institutionen der alten Welt erhob das Judenthum allein gegen die Verderbniß der Zeiten einen Schrei der Verzweiflung. Ewiger und einziger Ruhm, der mancherlei Thorheiten und Gewaltsamkeiten vergessen machen muß! (Renan hätte wobl daran gethan, wenn auch nur kurz diese „Thorheiten und Gewaltsamkeiten" näher zu bezeichnen. Wahrscheinlich meinte er damit den Aufstand des Bar-Kochba und die Tendenz der Talmudisten, die Abgeschlossenheit des Judcnthums zu verstärken. Aber feine eigenen Aussagen über den Verlauf der christlichen Entwickelung würden diese Bezeichnungen Lügen strafen.) Tie Juden sind die Revolutionäre des ersten und des zweiten Jahrhunderts unserer Acra. Achtung vor ihrem Fieber! Eingenommen von einem hohen Ideal der Gerechtigkeit, überzeugt, daß dieses Ideal sich auf dieser Erde verwirklichen müsse, nicht zulassend jene Fristen, mit denen sich diejenigen so leicht begnügen, welche an Paradies und Hölle glauben, haben sie den Durst nach dem Guten und 49