Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1881)
- Date
- 1881-11-29
- Page
- Seite 802 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227388--39462-3308779- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
802 mit Vertheilung von Stiefeln und Schuhen, sondern gab auch, namentlich den Kindern, Filzschuhe. Erwähnenswerth erscheint mir auch, daß ich einem jungen Manne seine Tefilin auslösen mußte, die er bei einem Anderen für 3 Mark versetzt hatte. Gegen 0 Uhr fand eine zweite Bewirthung statt, und zwar auf Kosten des Breslauer ComiteS: Thee für die Frauen und Kinder, Grogg und Liqueure für die Männer, für Alle Saucißchen, verschieden von den früheren, und außerdem für die Frauen und Kinder Tafeln Chocolade und Tüten mit Zuckcrwerth; auch 700 Stück Cigarren wurden vertheilt. Sie können sich denken, welch' ein Geräusch und welche Aufregung jetzt in dieser Menge entstand, die von vielen Zuschauern noch vergrößert wurde, obgleich die Polizei die Letzteren zurückzuhalten suchte. Trotzdem, als rch um Ruhe bat, um mitten in diesem betäubenden Lärm ein Paar Worte zu sprechen, hörte das ganze Geräusch auf. Ich dankte vor Allem im Namen der Alliance den Mitgliedern des Breslauer Comir,'-s und richtete sodann einige Abschiedsworte an die Emigranten, die ich wieder an die Auswanderung Abrahams aus seinem Baterlande erinnerte, indem ich hinzufügte, daß, wenn nach der Bemerkung unserer Rabbinen, für Abraham seine Auswanderung die erste schmerzliche Prüfung seines Lebens war von allen den Prüfungen, die er noch bestehen sollte, wir wünschen und hoffen, daß ihnen, den Emigranten, diese Auswanderung die letzte Prüfung sein werde von allen denen, die sie bereits in Rußland bestanden haben. Ich forderte sie auf, der Alliance Ehre zu machen in dem Lande, in das sie jetzt ziehen und das für sie das gelobte Land sein wird. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, welche Empfindungen und Aufregungen sich meiner Zuhörer bemächtigten, lvährend ich sprach, und sich kundgabeu. als ich endete. Einer der Emigranten, der mit schöner Stimme begabt war, bestieg nun einen Tisch und trug aus einem Gebetbuch, das er 6ct sich hatte, das Gebet für den deutschen Kaiser vor und machte! sodann Mischefierach». zuerst für die Alliance, sodann für H. Netter und den Bicepräsidenten der Alliance. H. S. H. Goldschmidt, den die Emigranten zu meinem Erstaunen alte zu kennen schienen; die Umstehenden begleiteten diese Gesänge im Chor; es war eine Art von gottesdienstlicher Improvisation, deren rührenden Eindruck ich Ihnen nicht wiedergebcu kann und die mich tief bewegt hat. Ein Wohlthäter, der in der Versammlung sich befand, versorgte die Auswanderer auch noch für die Reise mit Lebensmitteln, und der Zug ging ohne Störung ab." Bis jetzt wurden folgende Expeditionen ausgeführt: Bon Antwerpen-. 10. Sept. 46 Personen, 14. Sept. 32, 17. Sept. 41, 1. SDct. 132, 22. Set. 255, 20. Set. 213; von Hamburg : 30. Set. li>2, Rov. 243, zusammen 1124 Personen. Äuch ein Luriosum. Erlangen, im November. Wir entnehmen den „Blättern für den häuslichen Kreis" lJahrg. 1871 Nr. 22, S. 323) folgende gewiß intereffante Stelle aus den „Amerikanischen Skizzen I." von Otto Reventlow: „Andere haben den Beweis zu liefern versucht, daß die amerikanischen Indianer die Abkömmlinge der verlorenen Stämme Israels sind. Sie beziehen sich, um dies zu erhärten, zunächst auf folgende Stelle im zweiten Buch Esra's: „Dahingegen siehest du eine andere friedliche Menge; es find die 10 Stämme, welche aus ihrem Lande in die Gefangenschaft geführt wurden zur Zeit Hoseahs, welchen Salmanaffer, König von Assyrien, gefangen mit sich sortführte, und er führte sie über die Gewässer, so kamen sie in ein anderes Land. Sie beschloffen unter einander, daß sie die Menge der Heiden verlassen und in ein fernes Land gehen wollten, worin nie Menschen gewohnt, damit sie aufrecht erhalten könnten ihre Einrichtungen, welche sie nie in ihrem eigenen ' Lande (Assyrien) erhielten und sie hatten einen weiten Weg! zu gehen, nämlich ein Jahr und ein halbes." Es ist dies die letzte Nachricht, welche wir über die i Zerstreuung der Stämme in die Städte Mediens haben, j Dieser Esra, welcher im ersten Jahrhundert nach Ehr. schrieb, > wurde für apokryph erklärt und man sindet selbst in den-! jenigen Ausgaben der Bibel, in welchen die übrigen apoi kryphen Bücher ausgenommen sind, selten mehr als das erste Buch Esra. Indessen haben Männer wie Tertullian, Clemens Alexandrinus, Pieso de la Mirandola u. A. ihn für einen sehr zuverlässigen Schriftsteller gehalten. Nach einer annähernden Schätzung belief sich die Zahl derer, welche, wie Esra erzählt, Medien und Assyrien verließen, auf 300,000. Sie wären vom Euphrat nach den Nordostküstcn Asiens marschiert, über die Behringsstraße gegangen, hätten das amerikanische Festland erreicht und sich im Berlansc von 2000 Jahren bis nach Cap Horn verbreitet. Diese Conjektur will man durch folgende Thatsachcn begründen: Tie Indianer glauben, wie die Juden, an einen einzigen Gott, den großen Geist. Sie theilen das Jahr in I vier Jahreszeiten, entsprechend den jüdischen Feiertagen, dem Blumenfeste, dem Bersöhnungsfeste, dem Laubhüttenfeste und anderen Festtagen (??), haben eine Bundcslade, errichten Altäre, scheiden sich in Stämme mit einem Häuptlinge oder Groß-Sachem an der Spitze. — Ferner stimmen sie mit den Israeliten überein in ihren Gesetzen über Opfer, Waschungen,; Ehe; in ihren Kriegs- und Friedensgebräuchen, den Verboten gewisser Speisen, ganz nach Art der mosaischen Gesetze; in ihren Traditionen, in Geschichte, Charakter, äußerer Erscheinung, Aehnlichkeit der Sprache mit der hebräischen u. s. w. Während die alten Heiden eine Menge Götter verehrten, ver-