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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-11-29 · Heft 48 (29.11.1881) · p. Seite 801

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 48 (29.11.1881)
Date
1881-11-29
Page
Seite 801 (sequence 13)
Language
German
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801 Freitag vor 14 Tagen und vor 8 -Lagen haben wir Lebensmittel in größeren Portionen vertheilt; ich mußte gestern diese Bertheilungen einstellen, weil sie durchaus nicht in angemessener Weise bewerkstelligt werden konnten; wir geben jetzt nur in den allerdringendsten Fällen. Ich habe außerdem wissen lassen, das; wir hier durchaus kein Bettlerdepot errichten wollen und daß lvir nur Diejenigen zur Emigration nach 'Amerika ausnehmcu können, die uns einen Eassenbestand zeigen, der zum Lebenstlnterhalt bei ihrer Ankunft in Amerika hinreicht; natürlich müssen anch vielfach Ausnahmen gemacht werden, aber man muß das Prinzip feststellen. Außerdem entfernen wir hierdurch alle polnischen Israeliten des russischen Bezirks von Brodp. Es ist hart, nach einem Lande zu reisen, dessen Sprache man nicht kennt, wo man eine neue Laufbahn beginnen soll und gezwungen sein kann, von einem Ort zum anderen zu reisen, ehe man den zu dauernder 'Niederlassung geeigneten Platz findet. Ihre Depeschen und meine inncrn 'Neigungen haben jedoch diese Bedenken in den Hintergrund gedrängt. Ich bitte Sie, mich davon zu befreien, daß ich Ihnen regelmäßig schreibe; ich komme nur selten dazu, einen Augenblick der Ruhe zu finden. Wir beginnen osficicll um 8 Uhr Morgens und enden osneiell mit Sonnenuntergang, aber osfieiös ist cs anders; um 6 Uhr Morgens höre ich schon das Gemurmel der vor der Thür und im Hose angchäuften Menge; ich stehe aus und schreibe in Eile einige Briete, die! ich zu beenden keine Zeit finde und die ich am andern Tage i wieder beginne, um es am folgenden Tage ebenso zu machen.; Ich steige die Eorridore hinab, trete zu meinen Gehilfen ein, deren Zimmer bereits von Bittstellern gefüllt sind. Es ist noch nicht das Schlimmste, wenn man es mit Männern zu : thun hat, aber wenn es Frauen find, Mütter, welche Kinder; in ihrem Schooße halten! Ich gebe im Hotel gar keine Audienz mehr, und wir haben drei ziemlich weit von einander und vom Centrum der Stadt entfernt gelegene Bureaus. Aber Jeder findet seine Lage als die dringendste, Jeder will der Erste sein, und man verliert umsoviel mehr die Zeit beim Sprechen, als mau sie zum Handeln braucht. An einem anderen Tage gab es vor meinem Bureau eine solche Menge, daß ich fast eine Stunde brauchte, um hineinzukommen; gestern Abend habe ich mich erst sehr spät in die Straßen wagen können, um etwas Luft zu schöpfen; bei meiner Rückkehr fand ich den Cvrridor voll von Menschen und mußte die Arbeit wieder anfnehmeu. Diese Leute gaben Etwas den Bedienten, den Wächtern, den Gensdarmen, welche die Polizei täglich schickt, um die Straße für den Berkehr frei zu halten, und wenn man glaubt, das; das Haus leer sei, giebt es immer noch einige Dutzende. Man würde manchmal lachen, wenn man nicht mitten in diesem Elend daS Herz voll Mitleid hätte. Herr Rabb. Dr. Laudsberg zu Llegnrtz kchrewt aus Breslau vom 4. 'November: „Der Empfang des gestrigen Emigrantenzuges in Breslau war der schönste und erfreulichste, den ich bisher dort mitgemacht habe. Ein großer, dicht beim Bahnhofsgebäude gelegener, für den Pvstdienst bestimmter Eppeditionsschuppen war zum Wartesaal nmgewandelt worden; er war taghell mit Gas erleuchtet und sehr angenehm durchwärmt; vier lange Reihen von Tischen und Bänken waren für die ca. MO0 Reisenden ausgestellt, während vor der Thür im Freien sich eine rituelle Küche ctablirt hatte, wo man Hunderte von Würsten kochte. Ich hatte Borsorge getroffen, um den Emigranten, die über * Stunden in Breslau zu bleiben haben, die nöthige Ber pfleguug angedeihen zu lassen. Bei meiner 'Ankunft fand ich den ungeheuren Raum mit Emigranten gefüllt und außerdem, nächst einer bedeutenden Anzahl von Zuschauern, Herren und : Damen eines neuen größeren HiliSeomit.'-s anwesend, das sich inzwischen unter Leitung des H. IulinS Wohlaner gebildet hatte. Man fervirte gerade den Kaffee, und ich begab mich! sofort ans Werk, da man mich bereits erwartete; ich hatte mehrere Stunden zu thun. Der Zug war nämlich etwas eilig von Brodp abgegangen, H. Netter hatte nicht Alles ordnen können und hatte mich fpeeiell beauftragt, an die Emigranten zu den Reisekosten eine gewisse Geldsumme zu vertheilen, die je nach den Bedürfnissen und der Lage eines Jeden variiren sollle. Es war dies eine sehr mühsame Operation; ich habe nur die Summe von 4">o Mark vertheilt, da ein Theil der Reisenden schon von dem Zugsbegleiter Geld erhalten hatte. Hierbei hatte ich von 'Neuem Gelegenheit, die Emigranten kennen zu lernen, und kann nur wiederholt meine, für diese braven Leute durchaus günstige Ansicht bestätigen. Es waren größtcntheils Handwerker und Feldarbeiter, auch ein 'Apotheker und ein Marinesoldal war darunter. Alle kräftig, gesund und muthig, im Alter von 18 bis 40 Jahren. Unter den Frauen befand sich eine achttägige Wöchnerin mit ihrem Kinde, eine Wittwe mit 2 Töchtern und eine junge Frau, die sich ihrem Manne von selbst angeschlosseu, um nicht allein zurückzubleiben, obgleich H. 'Netler sie nicht hatte mitreisen lassen wollen. Auch eine große 'Anzahl von Rcisenven war dabei, die aus eigene Kosten mit nach Hamburg fuhren. Gegen <» Uhr servirte mau ihnen warme Wurst und Bier; im Ganzen wurden verabreicht: o50 Glas Bier, 5oo Semmeln, 250 Paar Würstchen und ebensoviel Tassen Kaffee. Besonders interessant war die Bertheilung von Kleidungsstücken, welche das Breslauer Comit»'- gesammelt hatte: man hatte ein wahres Kleider¬ und Wäsche-Magazin errichtet, und tvir haben unser Möglichstes gethan, um den Bedürfnissen Aller zu genügen; Biele sind sehr anständig complet bekleidet worden. Tie Untersuchung der Füße behufs Bertheilung des Schuhwerks brachte manchen amüsanten Scherz. Bi au begnügte sich nicht bloß

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