Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1881)
- Date
- 1881-11-29
- Page
- Seite 800 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Familie empfanden, auf die Einzelbeiten der Lage eingehen und entscheiden, ob Repatriirung oder Expediruug stattzusinden habe. Mit diesen Rotizen kommt der Ucberbringer in da^ Bureau 3, in welchem die Männer empfangen, die Billct? aufbewahrt und entweder die Unterstützungen zur Rückreise oder rothe Karten zur Expedition verabreicht werden. Da? vierte Bureau, da? nöthig sein wird, kann erst' in cinigen Tagen eröffnet werden; ich habe nämlich einige Damen gebeten, sich mit mehreren Herren der Stadt als Komitü zu : touslituiren, um die Pflege der blinder zu überwachen, deren Schicksal mich am meisten rührt; ich wünsche, daß man namentlich für diejenigen Kinder, deren Eltern nach Rußland zurückkehren werden, Etwa? thun könnte, um sic zu hüten oder in Familien unterzubringen oder, wa? weiß ich, von einigen Gemeinden adoptircn zu lassen. Ich komme nun zu den Flüchtlingen im Allgemeinen. E? giebt darunter Reiche und Arme; wenn ich sage Reiche, so meine ich solche, die es vor den Ereignissen vom April waren und von denen manche bis zu 2<)00 Rubel gerettet baden; Andere besitzen nicht einmal soviel, um ihre Kinder zu bekleiden; es giebt darunter unverhciratbcte und verheiratbete Leute, Kaufleute, Studireude, Handwerker. Mau muß jeden einzelnen Fall untersuchen, da? Vermögen bewachen, die Schwachen zurückschicken, ohne Rücksicht daraus, ob sie Familie haben oder nicht. Aber cs genügt nicht, die Personen nach rechts oder links zn expediren, man muß sich besonders auch mit der Jugend, mit den Kindern beschäftigen, für die eben das vierte Bureau bestimmt ist; wir werden niemals verlegen fein, Menschen zu machen aus diesen Kindern, die schöner und intelligenter sind, als man sie sich bei Leuten, die au? Rußland kommen, denken könnte. Was man auch immer, selbst in Deutschland, hierüber gesagt habe, mau hat sich über die Bevölkerung, die jetzt unsere Hilfe sucht, ganz außerordentlich getäuscht. Die Männer tragen weder Püot noch Kaftan; es sind schöne, große, saubere, intelligente Männer. Tie Amerikaner werden von den beiden ersten Zügen, die sie empiaugen haben, entzückt gewesen sein. Die Frauen sind fast elegant; ich habe eine kennen gelernt, die sich sehr nett französisch auszudrücken wußte. Tie gewöhnliche Sprache dieser Leute ist russisch; wenn sie deutsch svrechen, so sprechen sie es mit dem russischen Accent; nur Wenige bedienen sich des jüdisch polnischen Jargons. Unter den Knaben sind viele, vielleicht die Hälfte, Zöglinge von Gumnasien, welche man unter dem Borwande, das; kein Platz mehr vorhanden, entlassen hat. Nachdem man ihnen vorgeworfen, daß sic sich nicht assimiliren wollen, findet man jetzt, daß sie sich zu sehr assimiliren. Ter vierte Thcil der jungen Männer sind Handwerker, die aus den Werkstätten vertrieben wurden, sei es von ihren christlichen Meistern, sei cs von den anderen Arbeitern, oder denen ihre israelitischen Meister, welche im April ruinirt worden sind, gekündigt haben. Ich habe auf meiner Liste Lastträger, welche von griechischen Lastträgern aus dem Hafen von Odessa vertrieben worden sind. Endlich giebt es Handlungsdiener, die keine Beschäftigung mehr haben, nachdem die israelitischen Kaufleute, bei denen sie in Stellung waren, ruinirt sind. Ich habe einige Kaufleute aus Elisabethgrad gesehen, welche mit den Trümmern ihres Vermögens zugleich ihr früheres Personal mitführen. „Wir sind", sagte mir Einer von ihnen, indem er mir seine beiden Commis vorstellte, „in den guten Tagen vereint gewesen, wir wollen es auch in den bösen Tagen sein." Es giebt unter den Flüchtlingen gctvesene Soldaten, die mehrere Male mit Tapferkeitsmedaillen decorirt worden sind. Das sind die Männer, welche die russische Regierung aus einem Lande jagen läßt, das so mangelhaft ist in allen Elementen, die es bewohnen. Man brachte mir einen graubärtigen Mann, der während seiner 21 Dienstjahre o Medaillen auf den Schlachtfeldern errungen hatte und der aus Kiew verwiesen worden war, weil er nicht zu der Kategorie der Privilegirten gehörte. Man sagte mir, daß diese Unglücklichen sich dieses Alles durch ihre Wuchergeschäfte rc. zugczogen hätten. Ich erklärte, daß nicht Einer von denen, die ich bis jetzt geprüft habe, mir diesen Vorwurf zu verdienen scheint und daß sie Alle lediglich Opfer der abscheulichsten der Verfolgungen sind, ohne den Schatten eines anderen Grundes, als desjenigen ihrer Religion. Es ist der deutsche Antisemitismus, der sich nach Rußland verpflanzt hat, und auch der Wodka, der wilder ist, als das Bier. Ich komme zu den Details: Wir haben Anfangs beschlossen, nur junge Männer zu expediren, dann wieder, mehr Familienväter zu begünstigen; ich glaube, daß man sich nicht streng daran halten kann, sondern die Leute nehmen muß, wie sie kommen, daß man sie nach ihrem persönlichen Werthe prüfen muß, und daß wir das Beste thun müssen, da wir nicht Alles thun können. Principiell habe ich für den Familienvater mehr Sympathie, aber es fehlen uns Hilfsmittel; es müssen Alle, die geben können, geben, was sie können. Es ist eine immense Calamität, die man nur durch eine immense Anstrengung parircn kann; es gehören Millionen dazu, um diese Millionen der Sclaverei zu entziehen, vor der sic die Flucht ergreifen. Könnten unsere Reichen ihre Millionen besser verwenden, als hier? Wir werden, indem wir hier unsere Pflicht erfüllen, der Welt die jüdische Barmherzigkeit in Action zeigen; das wird ein sehr lehrreiches Schauspiel sein. Wir dürfen es uns nicht verhehlen! Die Bewegung hat erst begonnen; ich fürchte, daß wir werden überfluthet werden; ich wollte, daß Alle, welche zaudern, nur auf 24 Stunden hierher kämen, daun wäre unsere Sache gewonnen.