Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1881)
- Date
- 1881-11-29
- Page
- Seite 792 (sequence 4)
- Language
- German
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792 wesen. Bis zu den Fortschritten des Elementarunterrichts in unsren Tagen hatten unsre Bauern keinen einzigen ihrer kleinen gallischen Götter ausgegeben. Die Vielgötterei hatte sich im Gewände des Heiligencultus wieder hergestellt." Renan erinnert hier an Erscheinungen neuester Zeit. Er fährt fort: „Gleiche Nachsicht zeigte sich für viele griechische Borurtheile. Ter Grieche schien sich des jüdischen Ursprungs des Christenthums zu schämen, und that Alles um ihn zu verschleiern. Schon die Gnostiker und der Verfasser der Epistel an Tiognetes assectirten zu glauben, daß das Christenthum spontan entstanden sei, ohne irgend eine Beziehung zum Judenthum. Origines, Eusebius wagen cs nicht zu sagen, denn sie kannten die Thatsachen zu genau. Aber Johann ChrysostomoS und im Allgemeinen diejenigen Kirchenväter, welche eine durchaus hellenische Erziehung erhalten hatten, kennen iricht den lvahren Ursprung des Christenthums oder wollen ihn nicht keimen." Sie verfolgten eine ganze Literatur. „Versuche zu einem unitarischen Christenthum ohne Metaphnsik und Mythologie, zu einem vom rationellen Judcnthum wenig unterschiedenen Christenthum zu gelangen, wie Zenobia und Paulus von Samosata gemacht hatten, wurden von Grund ans abgeschnitten. Diese Versuche hätten ein einfaches Christenthum, eine Fortsetzung des Judenthums, etwa dem Islam gleich, hervorgebracht. Wenn sie gelungen wären, hätten sie wahrscheinlich dem Erfolge von Mahomet bei den Arabern und Syriern vorgebeugt. Wie viel Fanatismus hätte man ans diese Weise vermieden. Das Christenthum ist eine Ausgabe des Judenthums, angeeignet dem indo-europäischen Geschmacke; der Islam ist eine Ausgabe des Judenthums, angeeignet dem Geschmacke der Araber." — Als eine weitere Folge der großen Bekehrungen im IV. und V. Jahrhundert erkennt Renan die immer weiter eintretende Trennung zwischen Clerus und Volk, da „die unwissenden Massen nur hören konnten." Tie Wirkungen dieser Trennung schildert er im weiteren Verlaufe. „Das Schicksal des Christcnthums, sagt er, war daher, sich zu verdunkeln fast in seinem Siege, wie ein Schiss, welches umzuschlagen droht durch die Massen der Passagiere, die sich darauf stürzen." Er schildert die Unterschiede zwischen dem primitiven und dem späteren Christenthume. „Ter größte Jrrthum, den man in der religiösen Geschichte begehen kann, ist, zu glauben, daß die Religionen durch sich selbst in absoluter Weise gelten (vak-nt). Die Religionen gelten durch die Völker, die sie annehmen. Ter Islam war nützlich oder schädlich nach den Rassen, die ihn angenonnnen haben. Bei den entarteten Völkern des Orients war das Christenthum eine sehr mittelmäßige Religion, die iehr wenig Tugenden einslößte. Bei unsren oceidentalischen Rassen, den celtischen, germanischen uud italischen, war das Christenthum wahrhaft fruchtbar." Er versucht nun, nachzuweisen, das; bei diesen das Christenthum wirklich „arisch" geworden. (Man kennt die Vorliebe Renan's für die großen Rassenunterschiede und daß er zur Verbreitung dieses Dogma's sehr viel beigetragen, eines Dogma's, das, da es sich doch nur auf das Vorhandensein von Urtypen der Sprache stützt, durch die thatsächliche Vergleichung, z. B. der Inder und Perser mit den Engländern und Franzosen, in große Schwankung geräth, wenigstens zu wirklicher Charakteristik den Boden verliert.) Von hier aus wirft der Verf. einen Blick auf die Ursachen, aus welchen in neuerer Zeit ein Kampf gegen das Christenthum entsprungen sei. Er führt hier zunächst das Wiedercrwachcn des Nationalgcistes im 19. Jahrhundert an. Bor 15. Jahrhunderten haben die Nationalitäten vor dem Christenthum die Segel gestrichen. Wir waren aber Zeugen des Wiedererstehens der gleichsam todten Rassen, die mit einer gewissen Beschämung die ''Abstammung des Christenthums vom Judenthum betrachten, sie, die auf Adel und Orginalität in allen Dingen Anspruch machen und sich nun gerade „in der Religion als Vasallen einer verachteten Familie" sehen. Tie Germanisten, die Celtomanen, die Griechen erblicken gegenwärtig in der Annahme des Christenthums durch ihre Vorfahren eine Apostasie von ihrer ursprünglichen Religion. Cr sagt: „Man erwägt die Fehler Israels zur selben Zeit wie seine Größe; man schämt sich, sich zum Juden gemacht zu haben, wie die exaltirten germanischen Patrioten sich verpflichtet glaubten, das französische 17. und 18. Jahrhundert um so schlimmer zu behandeln, jemehr sie ihm verdankten." Sicherlich liegt in diesen Auslassungen eine nicht geringe Uebertreibung. Es giebt Viele, welche vorziehen, den Ursprung des Christenthums aus dem Judeuthum zu leugnen. Es giebt Andere, welche das Christenthum gerade in den Theilen angreifen, in welchen es mit dem Judenthum nicht übereinstimmt; und endlich zeigen viele Erscheinungen, daß sich in gewissen Nationen das Nationalgefühl gerade mit dem! Christenthum zu identifiziren sucht. — Als die zweite Ursache! erkennt Renan an: die Verneinung des Uebernatürlichen,! sowohl des Dogmas der Offenbarung als der Wunder. In! bündigen Zügen zeichnet er, wie die Entdeckungen der Wissen-! schaft so unwiderstehlich wurden, daß selbst die weltliche Macht sie nicht mehr im Dienste der Kirche unterdrücken konnte. Im 18. Jahrhundert meint er, triumphirte die Vernunft. 1 Eingetretene Reactionen blieben ohne Wirkung. „Das Ueber-; natürliche verliert jeden Tag einen seiner Anhänger." Die; Reformation sei auf halbem Wege stehen geblieben. In den; großen Städten würden die Kirchen immer leerer und die j bloßen Civiltrauungen immer häufiger und dies breite sich > auch bereits auf das Landvolk aus. Es lag nahe, daß Renan! von dieser Meinung aus einen Blick in die Zukunft warf. Er entwirft ein Programm derselben. In dieses mischt er aber so viel Sentimentalität und betont die Pietät für alles