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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-11-29 · Heft 48 (29.11.1881) · p. Seite 791

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 48 (29.11.1881)
Date
1881-11-29
Page
Seite 791 (sequence 3)
Language
German
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791 hat Renan nachgesagt, daß er als Geschichtsforscher zu sehr auch Dichter, als Kritiker zu sehr Philosoph sei. Dieses harte Urtheil ist nicht ganz unverdient, darf jedoch nicht als voll giltiger Maßstab an die Schriften Renans angelegt werden. Wenn man scharfen Geistes genug ist, um die Abirrungen seiner Phantasie und die pietätvollen Regungen seines GcmütheS von dem Kern seiner Untersuchungen und Resultate abzustreifen, so wird man immer noch sehr bedeutende Erfolge in seinen Schriften vor sich haben. Dazu kommt die vollendete Schönheit seines Styls, feine stimmungsvolle Darstellung, die uns die Lektüre seiner Werke so überaus anziehend und dem allgemeinen Publikum zugänglich macht, während dieses von den Arbeiten der deutschen Kritik sich abgestoßen fühlt. Auch kann man bemerken, daß Renan aus früher von ihm ausgesprochene und als irrig erkannte Ansichten verzichtet und sie, wenn auch nicht widerruft, doch durch anders geartete Auslassungen ersetzt. Dieses Schicksal haben insbesondere wir Juden bei ihm gehabt. In diesen Tagen erschien nun der 7. d. i. letzte Band von Renan'S Werk: ..Histoire des Origines du Christiunisme“. welches den Ursprung und die Entwickelung des Christenthums von Jesus bis zum Siege des Christenthums über das Heidenthum verfolgt. Früher verlautete, Renan wolle auch einen Band dem Talmud widmen. Dies hat er unterlassen, und gewiß mit Recht. Tenn einerseits besitzt er tvohl nicht die umfassende Kenntniß des Talmuds, um ein gründliches größeres Werk darüber zu schreiben, andererseits sind die Beziehungen des Talmuds zum Christenj thum sehr gering, nnd hat man sich erst überzeugt, daß bte j Evangelien in einem großen Theile ihres Inhalts aus der! Schule der Agada entsprossen sind, so bleibt nicht viel übrig,! was im Talmud an das Christenthum oder in diesem an > jenen erinnere. Die Fortentwickelung des Talmuds ging im j Innern des Orients, die des Christenthums im Innern des! Oecidents vor sich; die eine hatte oder nahm von der anderen keine Notiz und empfing keinerlei Einwirkung vom andern. Wichtiger wäre eine Vergleichung des talmudischcn mit dem römischen Rechte und für beide von starker Beleuchtung. — Dieser letzte Band Renan's ,Marc-AurM« et la tin du Monde antique" ( Paris. Calmann Levy. 18^2.) behandelt den schließlichen Sieg des Christenthums über die antike Welt. Wir verzichten heute aus das vielfach Interessante und Bedeutungsvolle, welches dieser Band enthält und richten nur die Aufmerksamkeit unsrer Leser aus das letzte Kapitel: Transfonnations ulten eures, welches die allgemeinen Schlußfolgerungen der ganzen Arbeit und zugleich einen Blick in die Zukunft enthält. Auch hier läßt sich die etwas zweifache Natur Renans nickt verkennen. Er fällt die schärfsten Urtheile und spricht sie in unzweideutiger Weise aus, nimmt sie aber theilweise wieder zurück und zwar aus Gesühlsrücksichten, wesl">.lb es auch an Widersprüchen nicht fehlt. Die Uebersetzung des dennoch sehr glänzenden Kapitels ins Deutsche wäre aber gegenwärtig nicht rathsam, am wenigsten von jüdischer Seite, da Beispiele gezeigt haben, wie leicht man auf diesem Gebiete mit dem Strafrichter in Conflikt kommt. Wir beschränken uns daher auf eine Analyse, die ja auch den Zwecken dieses Blattes mehr entspricht. Das Kapitel beginnt mit folgenden Sätzen: „Sv tvurde eine Religion, geschaffen für die innere Tröstung einer ganz kleinen Anzahl Auserwählter, durch ein unerhörtes Glück die Religion von Millionen Menschen, die den thätigsten Theil j des Menschengeschlechts ansmachen. Es ist jedoch in den Siegen religiöser Ordnung, wo man sagen muß, daß die; Besiegten den Siegern Gesetze vocschrciben. Tie Massen, wenn > sie in die kleinen Kirchen der Frommen eintreten, bringen in dieselben ihre Unvollkommenheiten, bisweilen ihren Schmutz! mit. Eine Rasse, indem sie einen CultuS annimmt, der nicht! für sic geschaffen ist, gestaltet denselben nun nach ihrer Einbildungskraft und nach ihrem Herzen." Zunächst erweist! Renan, daß dieser Umstand zum MönchSthum führen mußte,! weil nur da daS Ideal der evangelischen Sittlichkeit Platz (zu greifen vermochte. Er fährt fort: „Eine mittelmäßige Moralität und eine natürliche Neigung zum Götzendienste, dies waren die traurigen Dispositionen, welche die Massen in die Kirche brachten, die man in diese eintreten ließ, zum Theil durch Gewalt seit dem Ende des IV. Jahrhunderts. Ter Mensch ändert sich nicht in einem Tage; die Taufe hat nicht sofortige wunderbare Wirkung. Die heidnischen Mafien, kaum evangelisirt, blieben das was sie am Tage vor ihrer Bekehrung gewesen: im Oriente böse, egoistisch, corrumpirt; im Occidente grob und abergläubisch". „Ter Wechsel in der Religion ist im Allgemeinen nur scheinbar. Der Mensch bleibt dem ersten Cultns treu, den er ausgeübt und mehr oder weniger geliebt hat. Eine Menge Götzendiener, im Grunde gar nicht verändert und ihren Kindern dieselben Jnstinctc einflößcnd, trat in die Kirche ein. Ter Aberglaube! begann in vollem Maße in die religiöse Gemeinde einzudringen, welche bis dahin ganz und gar frei davon gewesen. lDer Christ, der Jude konnten fanatisch sein; abergläubisch > waren sie nicht, wie cs der Gallier, der Paphlagonier war. 1 Bei jenen keine Amulette, keine heiligen Bilder. Tie bekehrten Heiden konnten sich nicht aus eine solche Einfachheit beschränken. Der Cultus der Märtyrer war das erste Zugeständniß, entrissen durch die menschliche Schwäche der Nachgiebigkeit eines Clerus, der sich Allem hingeben wollte, um Alle zu gewinnen." „Die celtischen und italischen Raffen, welche die Grundlagen der Bevölkerung des Oecidents bilden, sind die abergläubischesten Rassen. Eine Menge von Glaubenssachen, , welche das erste Ehristenthum gotteslästerlich gefunden hätte, drangen so in die Kirche ein". „Tie Welt im VI. bis zum Xl. Jahrhundert wurde die grobheidnischeite, die jemals ge- ' > 48

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