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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-11-29 · Heft 48 (29.11.1881) · p. Seite 790

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 48 (29.11.1881)
Date
1881-11-29
Page
Seite 790 (sequence 2)
Language
German
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wollen wir noch einige Bemerkungen hinzufügen. Statt der im vorigen Reichstage befindlichen 8 Abgeordneten jüdischer Religion sind cs diesmal nur 7: Laster nnd Bamberger iSecessionisten), Ludwig Löwe, Röe, Max Hirsch (Fortschrittler), Sonnemann (Demokrat) und Kapser (Soeialdemokrat). Bon diesen sind zwei neugewählt: R^e und Hirsch. Dagegen sind .'Z unterlegen: Mendel, Freund (beide Fortschrittler) und Wolfson tRationalliberaler) und als ein neuer Land. Moses Oppenheimer (Soeialdemokrat), der erstere in der eigentlichen Wahl, die drei anderen in der Stichwahl. Unsere Leser wissen,, daß wir nur um des Prinzipes willen ein Gewicht darauf legen, daß Inden in die Parlamente gewählt werden. Das Judenthum und die Juden haben nur ausnahmsweise irgend eine Förderung von den jüdischen Abgeordneten zu erwarten. (Sine Ausnahme machten nur Rießer, Kosch und Sir Francis Goldsmid, sowie jetzt noch Simons und de Worms im englischen Parlament. Aber das Prinzip stand unter den gegenwärtigen Zuständen in Deutschland in Frage, und ist durch die Wahl dieser sieben Abgeordneten - numerisch kämen nur 4 aus die deutschen Juden — glänzend bekräftigt worden. — Zu einer besonderen Niederlage des Antisemitismus ist die Wahl des Lh-, Max Hirsch in Gera (Reuß j. L.) geworden. Ihm stand gegenüber der nationalliberale Pros. Marquardsen aus Erlangen. Wir hallen uns überzeugt, daß es ohne Wissen Marquardscn's geschehen, aber vor der Wahl haben die Nationalliberalen zu Gunsten des Pros. Marquardsen und gegen Di-. Max Hirsch ein Flugblatt verbreitet, welches an Judenheyc Alles übertrifst, was in dieser Beziehung bisher von Stöcker und Genossen geleistet worden ist. Dazu kommt, daß es im ganzen dortigen Wahlkreise überhaupt nur *>i» Juden giebt. Das Flugblatt führt nun aus, daß, wenn Di-. Max Hirsch in Gera in den Reichstag gewählt würde, alle Juden in Preußen denken würden, das Fürstenthum Reuß j. L. sei das gelobte Land, und sie würden dann in hellen Hausen dorthin auswandern. Tie Inden aber machten Geldgeschäfte u. s. w. u. s. w. Wähle man den De. Max Hirsch, so käme alles Unglück über Reuß j. L. „Tie Juden", so schließt das Flugblatt, „saugen Euch aus bis aufs Blut; sie werden sich von der Arbeit Eurer Hände und von Eurem Schweiß mästen." — Also betrieben die Rationalliberalen für ihren Candidaten Prof. Marquardsen die Judenhetze. Abg. Eugen Richter hielt gerade an dein Tage, wo dieses Flugblatt verbreitet war, im Geraer Schützen- Hause vor vielen Tausenden einen Bortrag über die dortige Stichwahl. Er appellirte an die Ehrenhaftigkeit des nationalliberalen Eandidaten Prof. Marquardsen. Wenn derselbe nicht noch vor der Wahl erkläre, daß er dieses von seinem Comit^ in -10,< ()() Exemplaren verbreitete Flugblatt für eine Nichtswürdigkeit halte, so könne kein anständiger Mensch auch unter den Nationalliberalen mehr dem Pros. Marquardsen irgendwo seine Stimme zum Reichstag geben. Man müsse sich als Liberaler schämen, daß dergestalt zum ersten Male in Deutschland für eine liberale Candidatur solche Mittel in Anwendung gebracht würden." Man sieht hieraus abermals, wie wenig wir auf die Nationalliberalen vertrauen können. — Wenn Stöcker zwei mal, in Minden und Siegen, gewählt worden, so hat er dies durchaus nicht seiner Führerschaft im Antisemitismus zu verdanken. Ist er in der Hauptwahl in Berlin, Dresden und Frankfurt a. O. durchgcfallen, so hat er in der Stichwahl theils durch die außerordentlichen Anstrengungen der orthodoxen evangelischen Pastoren, die iu ihm den besonderen Vertreter zur Erlangung hierarchischer Geltung sehen, und die von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus eilten, besonders aber iu der Grafschaft Ravensberg noch großen Einfluß besitzen, gesiegt, theils und am meisten durch die Katholiken. Tie „Germania" bemerkt: „Die Katholiken haben für Stöcker gestimmt auf Grund einer von ihm im Lübbecker „Kreisblatte" abgegebenen Erklärung, in der er sagt: „Den Cultur kampf wünsche ich von ganzem Herzen beseitigen zu helfen und fordere die Wiederherstellung der BersassungSparagraphen, welche die Freiheit der Kirche garantiren." Windthorst hat direkt zur Wahl Stöckers ausgesordert. Nicht wenig trug aber auch dazu bei, daß die entschieden; liberalen Wähler sich nicht entschließen konnten, für den! schutzzöllnerischen und in politischen Fragen ganz unzuver- 1 lässigen bisherigen Abgeordneten Kreutz einzutreten. Vom; eigentlichen Antisemitismus ist also in dieser Wahl wenig zu finden. Dagegen sind mehrere bisherige Führer der! Eonservativen in der Wahl unterlegen, so der Landrath v. i Rauchhaut, der sich in seiner Wahlrede offen als Antisemit j bezeichnete. — Und so erflehen auch wir, daß dieser Reichstag dazu beitrage, unserem theueren Baterlande den inneren Frieden j n>ieber,5U8cl)en und da es einmal in jedem conftitutionellen Staate Parteien geben muß, die schroffen Gegensätze derselben zu mildern nnd so das Heil Deutschlands zu fördern. Mögen die frechen Wühler verstummen, und so sie ihren Mund ausreißen, keinen Anklang und keinen Anhang finden! Marc-^urel von Ernst Lenau. In Frankreich ist das Erscheinen eines Werkes von Renan ' ein Ereigniß. Früher war es auch so in Deutschland. Aber 'Renan ist im Verlause seines großen Werkes immer mehr hinter der deutschen Kritik zurückgeblieben und die Schwankungen, denen er der Natur seines Geistes nach ausgesetzt ist und die nicht selten die Ergebnisse seiner Kritik wieder verschleiern, haben ihn der deutschen Wissenschaft entrückt. Man

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