Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1881)
- Date
- 1881-11-22
- Page
- Seite 784 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227387--39443-3308759- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Tiefbewegt nahmen die Freunde Abschied von der irdi' schen Hülle des wackeren Genossen. Die Reise -es österreichischen Kronprinzen nach Jerusalem. Bekanntlich hat der Kronprinz Rudolph im vorigen Jahre, noch als Bräutigam, eine Oricntrcise gemacht, und, da, wie nicht minder bekannt, der Kronprinz auch Schriftsteller, diese Reise beschrieben. Aus der Schilderung bringen die österreichischen Blätter verschiedene Kapitel. Ter Prinz reiste nach Kario, dann zu Schiff nach Jaffa und von hier zu Pferde nach Jerusalem. Im Ganzen finden wir in dieser Beschreibung nichts Neues, noch dazu da wir erst jüngst in diesen Blättern Auszüge aus den viel ausführlicheren und anschaulickcrcn Schilderungen des französischen Reisenden Gabriel Charmes gegeben haben. Im dritten Kapitel, nach der Ankunft in Jaffa, spricht der Prinz die Gedanken aus, die in ihm bei dem Betreten des h. Landes entstanden, und da dies die Ansichten des zukünftigen Trägers der österreichischen Kaiserkrone sind, scheint cs uns angemessen, sie hier wörtlich wieder zu geben. „Ter erste Schritt auf dem Boden des gelobten Landes ruft in den Städten die Erinnerung an die geordnete Macht des Judenreiches, an den weifen König Salomo oder auch an die Tage, wo Jesus inmitten seiner Apostel auf den steinernen Stufen der Hauptplätze predigend saß, lebhaft ins Gedächtniß uud am Lande ziehen die Bilder am geistigen Auge vorüber, die uns in Kindcrjahren beim Studium der heiligen Schrift umgaurelten. Abraham der Patriarch, der Nomadenkönig, reich an Heerden, edlen Rossen, schönen Zellen und üppigen Weibern, der sinnige Greis und Gelehrte, der Weise in mystischen Sprüchen, doch voll Lebensweisheit redend, der Stammvater eines edlen Volkes, er konnte nur im Morgenlande, nur in diesen Gegenden hausen. Zeiten haben sich geändert, Religionen in den Formen auch; aus den vielen im Wesen gleichen, in den Hauptgedanken ähnlichen, nur im Ritus verschiedenen Glaubensbekenntnissen und Göttercultuffcn des mnrgenländischcn Alterthums hat sich nur Eine rein erhalten, es ist die hebräische, die Lehre des alten Jehova, seines Propheten Moses. Toch das Volk, das auserwählte Volk der Juden, es hat Heimat und Staatsgewalt verloren und der ewige Jude ist unsterblich, immer Typus und Glauben unverfälscht erhaltend, in alle Länder der Erde vertheilt. Unbewußt rächt er sich durch sein Wesen, bewußt vertritt er eine gewisse Macht, die ihm der scharfe Geist des Morgenländers verleiht. Das Abendland hat ihnen Alles genommen, sie über die Erde verstreut; doch ihr Wesen auszumerzen, war es nicht im Stande, und so lebt das alte, vielgeprüfte Volk noch heute und hat Anspruch auf die unleugbare Gerechtigkeit der Weltgeschichte. Aus dem an Weisheit reichen Glauben der Hebräer entstand das Christenthum; nur ein Land wie Palästina, der Orient allein konnte die Lehren Christi hervorbringen, in vielen Sätzen neu, in Entstehung und Wesen aber die.Fortsetzung der alten morgenländischen Religionen. Im heutigen ins Abendländische übersetzten Christenthnm sind Hauptgedanken und die Geburtsstätte doch immer der Orient. Am meisten und unverfälschtesten in Sitte und Wesen haben sich die alten morgenländischen semitischen Religionen im Islam erhalten. Aus ihnen hervorgegangen, als ihre Fortsetzung für dieselben Völker bestimmt, erlangte er Macht in jenen Landen, breitete sich selbst über Stamme einer ganz verschiedenen Race aus und erhielt durch seine Glaubenssätze und sein Wesen das Morgenland immer auf der gleichen Stufe. Der alte Abraham ist nicht ausgestorben; die fleißigen, gewinnsüchtigen Hebräer des Alterthums leben auch noch; in den Städten, die Araber ihre Brüder, und alle in der Heimat gebliebenen semitischen Stämme setzen das Alterthum fort. Und in den Steppen längs des Jordans haust Schech Ali mit seinen Tausenden von Reitern, frei und ungebunden. Heerden, Rosse, Weiber sind der Rcichthum, Weisheit und die Bücher des Glaubens seine Macht, ein Volk für sich, ein greiser Nomadenkönig an ihrer Spitze, ebenso wie Jene, von denen die heilige Schrift spricht. Im Morgenlande stirbt nichts aus und die fieberhaften Umwälzungen des Abendlandes gehen spurlos vorüber. Alles bleibt sich gleich und wird cs bleiben, so lange die alte Sonne purpurroth über den kahlen Bergen, den gelben Wüsten und grünen Steppen des Orients alltäglich aufgeht, das herrliche Land, die Wiege des Menfchengeschlechtes vergoldend." Im weiteren Verlauf beschreibt der Kronprinz seinen Aufenthalt in Jerusalem. Als er der Stadt nahe kommt, erhebt sich „am Wege ein großer Triumphbogen mit ungarischer Aufschrift. Die Judenkolonie mit Fahnen steht daneben, die Volkshymue singend. Unter vielen Komplimenten, dem üblichen Geschwätz und Lärm umringen uns patriotische Israeliten, echte Juden aus Nord Ungarn in langem Kaftan, hohen Stiefeln, Sammtkappen am Kopfe, geringeltem Bart und den ähnlichen Haarlocken; man hätte sich in irgend ein Karpathendorf versetzt denken können. Selbstverständlich folgte uns von hier an die ganze Judcngemcinde; zu beiden Seiten war der Weg ohnedies mit Menschen dicht besetzt; Juden aus allen Landern, kleinasiatischc Christen, Griechen, europäische Pilger, orientalische christliche Frauen, theils halb, theils gar nicht verschleiert, in den höchst malerischen Kostümen nur mit den Trachten der alten Hebräerinnen vergleichbar, wahre Mariengestalten; daneben wieder Kopten, einige englische Touristen mit ihrem alle Poesie raubenden Aeußern; ferner mohamedanifches Landvolk, verkrüppelte Bettler und undefinirdares