Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1881)
- Date
- 1881-11-22
- Page
- Seite 773 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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_IT scheinen ließen, so daß wir einige Stellen nicht mit Stillschweigen übergehen können. Die Schrift ist 1870 zur Preisbewerbung bei der „Haager Gesellschaft zur Verteidigung des; Christenthums" abgefaßt und hat die große silberne Medaille dieser, in ihren Tendenzen wohlbekannten Gesellschaft erhalten.! Herr Pischon ist acht Jahre als Geistlicher der preußischen Gesandtschaft in Konstantinopel gewesen und hat auch Kleinasien, Syrien und Palästina bereist. Hat er durch den letzteren Umstand den Bortheil der Autopsie für sich, so wissen wir doch, wie die letztere, wenn die Beobachtungen von einem bestinnnten einseitigen Standpunkt aus gemacht werden, eher verblendet als aufklärt. Katholiken und Protestanten leben in sehr enger Berührung mit einander und dennoch hört man gegenseitige Beurtheilungen, die von Vorurtheilen und Eingenommenheit strotzen. Unter allen Umständen hat daher derjenige, welcher die objektive Wahrheit sucht, die Urtheile gerade dessen am ernstesten zu prüfen, der sich auf seine persönlichen Beziehungen beruft. Ter Berf. und der Referent sagen nachdrücklich, daß der Islam im „unaufhaltsamen Niedergang" begriffen sei. Wenn die Herren hiermit die politische Macht der Mohamedaner verstünden, hätten sie sicherlich Recht. Das Uebergewicht der europäischen Waffen schließt die Türkei in immer engere Grenzen ein, und bemächtigt sich der nordafrikanischen Küstenländer. Marokko und Persien sind Staaten zweiten Ranges, die des Eroberers harren. Was aber den Islam als Religion betrifft, so ist die Behauptung jener Herren eine durchaus falsche. Tie Bekenner des Islam bieten nicht allein dem Christenthume eine nnübcrschreitbare Schranke und trotz der Herrschaft christlicher Staaten fällt nur selten ein Mohamedaner vom Islam ab; sondern dieser macht auch in Indien, Westchina und Jnnerafrika reißende Fortschritte und entzieht dem Buddhismus und Fetischismus ganze Bölkermaffen, während alle christlichen Missionen zusammen verhältnißmäßig nur sehr geringe Fortschritte auszuweisen haben. Dies ist so notorisch, daß man sich wundern muß, wie vom „unaufhaltsamen Niedergang der islamitischen Religion" gesprochen werden kann. Doch wir haben nicht vor, aus die, den Islam betreffenden Behauptungen Pischon's und Wahrmund's näher einzugehen, vielmehr nur aus das, was sie vom Judenthum aussagen. Der Islam hat, wie Bers. und Res. meinen, nur „eine leere Vorstellung von der Einheit Gottes" und ist daher gar nicht monotheistisch. Wir kommen daraus zurück. „Unser christlicher Monotheismus, fahren sie fort, hat sich in den der griechischen Philosophen, insbesondere den Platonisch- Aristotelischen hincingcbaut, wobei er sich allerdings der Figur des Jahveh als der persönlichen Form bediente." Für jeden wirklichen Kenner der griechischen Philosophie ist es unzweifelhaft, daß gerade der Monotheismus derselben ein völlig leerer Begriff, eine metaphysische Formel ohne allen Inhalt ist, und wenn cs wahr wäre, daß sich der christliche Monotheismus in die platonisch-aristotelische Philosophie hineingebaut und den Jahveh nur als eine Figur benutzt hätte, so würde er demselben Schicksal anheimgesallen sein. Tie Herren bringen nur eine klingende Phrase vor, um leugnen zu können, daß das Christenthum seinen Gottcsbcgriff in den des Judenthums „hineingebaut", oder vielmehr aus ihm herausgebaut hat, was doch sonst in der christlichen Welt allgemein anerkannt wird. Sie wollten selbst auf diesem Gebiete lieber den griechischen Philosophen etwas zu verdanken haben, als dem Judenthumc. Ter Kürze wegen verweisen wir aus unsre ausführliche Abhandlung: „Die Aus- ° spräche der griechischen Philosophen über Gott" in unsrer! „Israelitischen Religionslehre" (Leipzig, Baumgärtner 18*;i) Bd. I. S. 177—201, und beschränken uns aus einige Worte über den Aristotelischen Gott. Bon der Natur ausgebend und mit einer außerordentlichen Geistesschärfe die Begriffe analysirend, macht Aristoteles Gott zu einer nüchternen, dialektisch gefundenen Desinition. Er setzt Gott in gar keine Beziehung zur sittlichen Welt; bei ihm ist weder von der göttlichen Vorsehung, von göttlichem Geist, noch von Gott als Ideal der Sittlichkeit die Rede: Gott ist ihm nur eine Idee von spekulativem Interesse. Aristoteles theilt die Dinge in veränderliche und unveränderliche, jene sind entweder vergänglich oder unvergänglich. Es giebt aber nur ein unveränderliches Wesen: Gott, und ein unveränderlich unvergängliches: der Himmel. Er setzt also: Gott, den Himmel und die Wesen. Gott ist das erste Bewegende, das erste Bewegte der Himmel, alle weitere Bewegung geht vom Himmel aus, der alle Kräfte der Körper aus Erden regiert und bestimmt. Gott ist das vollkommenste Wesen; er bedarf keines Handelns, um einen Zweck zu erreichen, da er Selbstzweck ist. Sein Denken kann nur sich selbst zum Gegenstand haben, so daß sein Denken das Denken des Denkens ist. Gott ist also nichts als der Urheber der Bewegung, er hat diese Bewegung zuerst im Himmel hervorgebracht und dieser in allen sublimarischen Wesen. Um den sich ewig bewegenden Himmel besteht das Unbewegliche als Grenze des Himmels. Gott ist also dem Aristoteles der urkörperliche, raumlvse Raum des Universums, darin das Universum ist.') Ties genügt, um die Behauptung jener Herren, daß der christliche Monotheismus sich in den der griechischen Philosophen „hineingebaut", zu beleuchten. Ter Gott der griechischen Philosophen, insbesondere des Aristoteles ist „die leerste Vorstellung von der Einheit Gottes", eine „Figur", welche dem „Jahveh" de Alten Testaments und des Judenthums überhaupt schnurstrack gegenübersteht. Pischon und Wahrmund behaupten ferner, „daß der jüdische Jahveh nicht als ein umfassender Einheits- 1) Wie ciliren nur einige Bettstellen: de coelo 11. S 1. , Mcteorol. 1. J. de cuelo 11. l'J § 4. Xletajdi v.s. IX, Ü. iD in