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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-11-22 · Heft 47 (22.11.1881) · p. Seite 772

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 47 (22.11.1881)
Date
1881-11-22
Page
Seite 772 (sequence 4)
Language
German
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772 Mob, der überall mitthut, wo er bezahlt wird, der in Berlin vielleicht etwas roher, aber im Ganzen doch weniger zahlreich ist, wie in anderen Städten. Wie Fürst Bismarck nichr die Juden überhaupt, sondern gewisse Juden meinte, so hatte seder der Theilnehmer an der schmachvollen Agitation eine ganz bestimmte Klasse der Juden im Sinn: nur hielt man es für besser, im Namen des reinen christlichgermanischen Bolksthums auszurücken. War der Sieg da errungen, dann hieß es natürlich „the spoil belongs to the vietors“ — die Beute gebührt den Siegern, wie die amerikanischen Professionspolitiker sagen. Daß dem so gewesen ist und nicht anders, zeigt der überraschende Ausfall der deutschen Wahlen vom 27. Oktober am besten. Man denke einmal an den heillosen Lärm, den das Gesindel, welches Herrn Stöcker auf den Schild gehoben, durch ganz Deutschland machte und vergleiche damit das Resultat der Wahlen! Wohl zu merken das Resultat von geheimen Wahlen, welche mit dem allgemeinen, gleichen Stimmrecht vollzogen wurden, das ist bei einem System, welches den Bauern und Arbeitern und den anderen angeblich am härtesten ausgebeuteten Klassen die sichere Majorität giebt. Ueberall, wo sie sich zu zeigen wagte — und in den meisten Bezirken wagte sie gar nicht, sich zu zeigen — ist die antisemitische Bande schmählich unterlegen: Herr Stöcker selbst ist an drei Orten geschlagen worden und erwartet jetzt sein Heil von einer Stichwahl. Eklatanter konnte die deutsche Bolksstimmung nicht zum Ausdrucke kommen und wenn nichts anderes durch die Wahlen erreicht worden wäre, diese Eine Erscheinung würde einen genügenden Ruhmestitel für das deutsche Volk abgeben. Jetzt ist es zisiermäßig erwiesen, wie viele Menschen es unter den 40 Millionen Deutschen gibt, die bei jener völligen Freiheit, welche die geheime Abstimmung garanlirr, geneigt sind, sich mit Herrn Stöcker zu verbinden. Angesichts dieses Ereignisses hat der Fürst Bismarck die Uebereinsrimmung mit dem Antisemitismus abgelehnt. Es hieße ja das leuchtendste politische Genie dieser Zeit arg verkennen, wenn man glauben wollte, Fürst Bismarck habe jemals an den Blödsinn geglaubt, den der famose Hofprediger verkündete. Wohl aber scheint es, dag er die Intelligenz des deutschen Bolkes unterschätzte und daß er dasselbe fähig hielt, in größerer Maffe der Fahne der politischen Anthropophagie zu folgen. Es zeigt sich, daß sie nicht einmal die Bedeutung einer Fraktion haben zu erlangen vermocht. Sentimentalität hat den Kanzler weder bei seinen äußeren, noch bei seinen inneren Allianzen jemals geleitet. Die antisemitische Bewegung war ursprünglich eine anti-bismarckische Agitation; das hinderte nicht, daß der Fürst sie mit freundlichen Augen sah, sobald sie geeignet schien, seinen Zwecken zu dienen. Nun hat sie sich als unzweckdienlich erwiesen, man giebt ihren Führern also den Laufzettel. Es ist kein schönes Ende das; aber es ist ein Ende, wie es einer Schaar von Narren und Missethätern gebührt. Denn, jetzt ist es zu Ende. Der antisemitische Schwindel hat ausgetobt. (?) Ob Herr Stöcker wirklich von seinem Predigeramte davongejagt wird oder nicht, das hat nur für ihn noch eine persönliche Bedeutung; cs bedeutet nichts mehr für die Sache. Bon dem deutschen Volke mit Verachtung abgewiesen; vom Hofe und von der Regierung verleugnet: hat der Antisemitismus seine infame Rolle ausgespielt. Er kann noch stellenweise einige Unordnung schaffen, denn eine Epidemie verlischt ja nicht an einem Tage; aber wenn das Gesindel sich noch einmal als der Ausdruck des reinen Deutschthums geberdet, wird es für seine Produktion nur Mitleid und Hohn finden. Sie haben die Gelegenheit gehabt zu zeigen, was sie im deutschen Volke bedeuten, und nun ist die Wahrheit darüber vor aller Welt klar. Es zeigt sich da eben wieder, daß bei einem gesunden, tüchtigen und gebildeten Volke wie das deutsche, die ekelhafte Gistflanze des Fanatismus nicht lange gedeihen kann." Das Iudenthum und -er Prediger Pi schon. I. Der Fluch unserer modernsten Wiffenschaft ist die jetzt wieder obwaltende Neigung zum Rubriciren und Formuliren und daß man dann diese einseitigen Formeln für richtige, wiffenschastlich begründete Erkenntniffe ausgiebt und als solche auch popularisirt, während sie von vornherein aus einseitigen Motiven, aus vorausgefaßten An- und Absichten hervorgegangen sind. Seit alter Zeit wiederholt man den Ausspruch: durch Kampf kommen wir zur Wahrheit. In der gegenwärtigen Zeit bewährt sich dieser Satz wenig. Denn bei der Schroffheit, mit welcher die Parteien sich gegenüberstehen, bei dem Mangel an Gewiffenhastigkeit und unbedingter Wahrheitsliebe verrennen sich die Extreme in die hohlsten Formeln, in die rücksichtslosesten Behauptungen, und laffen von diesen nicht ab, was ihnen auch erwidert und widerlegt worden. So entspringt aus dem Kampfe nichts, als daß jede Partei bei ihrer Ansicht verbleibt und für die objektive Wahrheit kaum noch eine Stätte mehr gefunden wird. Zu diesen Gedanken, die sich uns seit Jahrzehnten aufgedrängt, gelangten? wir jüngst tvieder, als wir in der „Beilage zur Allgemeinen! Zeitung" vom 28. October ein ausführliches Referat des Dr. , A. Wahrmund über die Schrift: „Der Einfluß des Islam j auf das häusliche, sociale und politische Leben seiner Bekenner.! Eine kulturgeschichtliche Studie von Karl Nathanael Pi schon." > (Leipzig, Brockhaus 188l) lasen. Es versteht sich, daß ge- , rade diese Besprechung in der weitverbreiteten „A. A. Z." uns die darin enthaltenen Aussprüche um so wichtiger er-

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