Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1881)
- Date
- 1881-11-22
- Page
- Seite 771 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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771 Wirkung des Reichskanzlers zu Stande gekommen, werden wir stets mit Dank anerkennen, und zwar um somehr, als in den Jahren 1 84 7,184 H und 1850 Herr v. Bismarck in den preußischen Landtagen sich energisch gegen die Gleichstellung der Juden erklärt hatte. Wenn aber in den letzten Jahren die Inden gerade in Preußen schmählich mißhandelt worden, ohne daß von Seiten der Regierung, sei cs im administrativen, sei cs im gerichtlichen Verfahren das Geringste zur Abmehr geschehen, als bis Personen und Eigenthum angegriffen worden waren, so kann man cs doch schwerlich „Undank" nennen, wenn sie sich dahin flüchteten, von wo allein ihnen eine kräftige und beredte Vertheidigung geboten wurde. Wir weisen daher die Aeußerung der „Post' nicht allein ent schieden zurück, sondern erkennen auch den Beweis darin, daß die judcnfeindliche Strömung der gouverncmcntalcn Presse durch jene Mittheilungen und trotz der darin vorgctragenen Aeußerungen in nichts abgcändert worden. Nach den neuesten Nachrichten haben auch Di-. Max Hirsch für Gera und der Sozialdemokrat Kayser in Freiberg in der Stichwahl gesiegt, so daß jetzt 7 Abgeordnete jüdischer Religion gewählt sind. Pest, 7. November. Ein ungarisches Urlhei!. Der „Pesther Loyd" bringt einen Leitartikel, der als eine unparteiische Beurtheilung aus Ungarn und weil er mit Sachkenntniß abgefaßt ist, hier wiedergcgcben werden muß. Wir haben nur aus naheliegenden Gründen einige zu scharfe Stellen und Ausdrücke weggelasfen. Er lautet: Als im Jahre 1870 jene bekannten fünf Artikel der „Kreuzzeitung" erschienen, welche den Ausgangspunkt für die ganze deutsche Judenhetze abgegeben haben, da richtete sich der giftigste Theil des Angriffes eigentlich gegen den Fürsten Bismarck, als gegen das Haupt und die oberste Kraft dessen, was für das Junkerthum die „Jndenregicrung" hieß. Der Verfasser jenes Pamphletes gab z. B. zu verstehen, daß die „intimen Beziehungen" des Reichskanzlers zu gewissen Financiers noch aus der vorministcriellen Zeit des Fürsten stammten, aus der Zeit, da derselbe, „um mit spärlichem preußischen Gesandteugehalte und ohne erhebliches Vermögen feinen Souverän in Petersburg. Paris und Frankfurt repräsentiren zu können, allerdings guten Rath in ffnanziellen Dingen haben mußte." Dem Reichskanzler wurde damals u. A. außer der Freundschaft des Herrn v. Bleichröder, die Parteigenoffenschaft von drei Juden, die Lasters, Bambergers und Oppenheims zum Vorwürfe gemacht. Den Urhebern der abscheulichen Agitation galt als> Fürst Bismarck für eine Art von Ehrensemite» und dem ent sprechend wurde er auch behandelt. Geht man etwas weiter in der Geschichte zurück, so findet man, daß diese drei Juden die Ersten in Deutschland waren, die in eindringlicher Weise auf die soziale Gefahr hingewiescn haben, welche das Börsentreiben mit sich führte. Laster brachte mit unerbittlicher Gewalt den Eisenbahnschwindel im preußischen Handelsministerium zu Falle — und was für ein Fall war das! Nicht Semiten, sondern Mitglieder der allerobersten Gesellschaftsschichten verfielen an jenen: Tage der öffentlichen Mißachtung. Ein anderer Jude, Bamberger, hatte Deutschland über den wahren Werth des Milliardensegens aufgeklärt und der seither verstorbene Oppenheim — ein Mann, der Heine's Witz mit einer bewunderungswerthen Gründlichkeit in volkswirthschaftlichen Angelegenheiten und mit einer nie angczwcifelten Integrität des Charakters verband — er hatte während der glanzvollsten Periode des ,/Aufschwunges" den Mnth besessen, die Axt an den „Giftbanm der Börse" zu legen. Zur selben Zeit, da die adeligen Nrmen auf den Prospekten aller „jüdischen" Gründungen figurirten, traten diese drei jüdischen Politiker und Schriftsteller auf gegen die Ausbeutung der Arbeit durch die Spekulation, gegen die unreelle Staats- und Privatwirthschaft, gegen das, was man später die „semitische Weltherrschaft" genannt hat. Obgleich seither erst weingc Jahre hingezogen sind, hat man diele Dinge in unserer ereignißreichen Zeit doch schon fast völlig vergessen. Doch ist cs gut, die Wahrheit wieder sestzustellen. Diese Wahrheit aber lautet: Der Anfang der Judenhetze war nicht in dem Börscntrciben gegeben, von dem allerhand Kreise, zuweilen die „besten" gern, ihre Prontchen nehmen, sondern in dem mannhaften Auftreten einiger Juden gegen die Korruption und deren hocharistokratische Träger. Tann wendete sich freilich das Blättchen. Als Fürst Bismarck sich täglich in neue wirthschaftliche Pläne stürzte und zwei der obengenannten Juden — denn der geniale Oppenheim war inzwischen schon krank und fast arbeitsunfähig geworden — in der vordersten Reihe Teri jenigen standen, welche die neue Politik des Fürsten Bismarck j bekämpften: da trat die Saat der Kreuzzeitung an's Licht, ( die Judeuhetze ging los, aber wieder waren in den maßgebenden Kreisen nicht die Religion und nicht der Stamm gemeint, sondern man wollte die zwei jüdischen Parlamcntsredner treffen — waren sie tobt gemacht, dann gab es für den Fürsten Bismarck keine Judenfrage mehr. Der süße Pöbel faßte die Sache freilich anders auf — aber nur der Form nach, nicht im Wesen. Die Treitschke und Genossen wetterten gegen die jüdischen Professoren; die Journalisten vom Schlage Marr's wollten sich des einträglichen Zeitungsgefchäftes bemächtigen; allerhand halbbankrotte Kanfleute wollten den jüdischen Händlern zu Leibe, dann kam der