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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-11-22 · Heft 47 (22.11.1881) · p. Seite 770

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 47 (22.11.1881)
Date
1881-11-22
Page
Seite 770 (sequence 2)
Language
German
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T kanzler abgeschickt, in welchem Hilfe in Aussicht gestellt wird, „bei der ebenso schweren, wie wichtigen Ausgabe, Berlin von seiner chronischen Krankheit zu befreien und die gemeingefährlichen Bestrebungen der Fortschrittspartei unschädlich zu machen". Daraus ist umgehend folgende Antwort eingetrofsen: „An I)r. Bernhard Förster; Berlin, Lützowstraße 85b. Ich danke für den Ausdruck Ihrer Zustimmung und für die Zusage Ihres fortgesetzten Beistandes im Bertheidigungskampfc für Kaiser und Reich und theile Ihr Vertrauen auf das schließliche Gelingen. v. Bismarck." Dies fällt um so mehr ins Gewicht, als Dr. Bernhard Förster dem Reichskanzler, dem er die Antiscmitenpetition übersandte, nicht unbekannt sein konnte, und wir hier eine authentische Aeußcrung des Reichskanzlers vor uns haben, während jene Tischrede erst durch Vermittelung, wenn auch eines Ehrenmannes, in die Leffentlichkeit gelangte Wenn wir so auf das eigentliche Moment, die verfassungsmäßigen Rechte betreffend, das Hauptgewicht legen, so ist es intereffant zu beobachten, wie die verschiedenen Parteiorgane die Mittheilungen des Herrn Behrend behandelten. Die antisemitischen Blätter, wie das „D. Tagcbl.", suchten zuerst Zweifel über die Richtigkeit jener zu erheben. Daun aber als diese nicht aufrecht zu erhalten waren, raisonnirte man, wie die antisemitische „Schles. Ztg.", es sei die ganze Aeußerung nur eine Höflichkeitsphrase gegen den jüdischen Gast gewesen. Ter Fürst möge immerhin die Ueberschreitungen und Uebcrtreibungcn Stöckers und Henrici's mißbilligen, „die Bestrebungen derjenigen Kreise dagegen, die cs mit der Judenfrage ernst nehmen und die sich aus den angesehensten Bürgern, aus Beamten, Künstlern, Gelehrten, Sffizicren :c. zusammensetzen und zu denen ein großer Theil der Studirenden Beziehungen unterhält, seien vom Fürsten Bismarck nie mißbilligt worden. Nicht wenige, die mit dem Kanzler zuweilen in Berührung kommen, sogar Leute, die ihm näher ständen, seien sogar der festen Ueberzeugung und machen daraus auch gar kein Hehl, daß Fürst Bismarck, obgleich ihm die Bewegung vielfach unbequem geworden, gewisse Forderungen als durchaus berechtigt anerkenne. Man wisse, daß nicht nur der Kanzler, sondern auch der Justizminister das massenhafte Eindringen der Juden in die richterliche Laufbahn als eine große Calamität ansehe, und schon das sorgsame Fcrnhalten jüdischer Aspiranten aus der Verwaltungscarri.rc zeige, daß man an maßgebender Stelle auch in demjenigen Punkte mit der vielbesprochenen Petition einverstanden sei, der von autoritativen Aemtern handelt. Fürst Bismarck — das mögen sich gewisse heut so laut jubelnde Herren gesagt sein lassen — sei wahrlich der letzte, der die Erwerbung höherer Staatsämter für ein Naturrecht oder ein nicht zu verkümmerudes „verfassungsmäßiges Recht" deutscher Staatsbürger erachte. Auch die Schäden unseres wirthschaftlicheu 0 Verkehrs und den Anthcil, den speciell die Juden an demselben haben, verkenne man an jener Stelle keineswegs, hier aber wolle Fürst Bismarck durch die allgemeiue Gesetzgebung Hilfe schaffen." Hiermit erklärt sich auch die „Germania" in Uebereinstimmung. Wer den Wortschwall der „Schl. Z." näher prüft, ersieht daraus, daß es auf nichts Anderes hinausläuft, als auf die alte Praxis, die Paragraphen der Verfassung bestehen zu lassen, deren Ausführung aber durch die Verwaltung zu sistiren. Dies brachte schon 1856 des Mantcuffcl'sche Ministerium vor, das sich jedoch dabei auf den § 2 des Zudengesetzes vom 23. Juli 1347 stützte, welches trotz der Verfassung als Spczialgcsetz noch in Geltung sei. Ein solcher Borwand aber ist durch das Reichsgesetz unmöglich gemacht. Mit welchem Rechte das antisemitische Blatt auch den Justizminister Friedberg in die Antipathie gegen das bestehende verfassungsmäßige Gesetz hereinzicht, ist uns nicht bekannt. Aber auch von der anderen Seite sucht die fortschrittliche „Boss. Z." jene Mittheilungen zu disereditiren, da sie durchaus unverbindlich seien, „gelegentlich aus zweiter Hand in die Preffe lancirt". Sie schließt: „Bis der Reichskanzler officiell Gelegenheit genommen hat oder veranlaßt woroen ist, sich über die antisemitische Agitation und seine Stellung zu derselben zu äußern, so lange scheint es uns räthlich, wenn man nicht durch unwiderlegliche Thatsachen eines Besseren belehrt werden sollte, aus der Skepsis bezüglich der Stellung des Reichskanzlers zur Antisemitenagitation nicht herauszugehen. Vor der Hand scheint der Reichskanzler es noch nicht für nützlich und angemessen zu halten, die Zweifel, zu denen seine Stellung in der Judenfrage Anlaß giebt, in ofßcieller und unzweideutiger Form zu zerstreuen." Wie wenig durch jene Mittheilungen aus dem Munde des Reichskanzlers unsere Situation innerhalb der verschiedenen Parteien sich verändert hat, davon giebt die früher freiconscrvative, jetzt gouvernementale „Post" einen Beweis. Sie bringt einen Artikel, in welchem sie berichtet, daß der Reichskanzler an seine Demission denke. Sie beginnt mit dem Satze: „Der Undank der Juden, oie gerade seiner Reichspolitik ihre Gleichstellung verdanken, wird ihn vielleicht weniger kränken als die Thatsache, daß die große Majorität der deutschen Presse ihn politisch und persönlich : anfeindet und seine Absichten verleumdet, und daß die Mehrzahl der deutschen Wähler sich durch eigene Feindschaft oder durch wahrheitswidrige Agitationen bestimmen läßt, Gegner zu wählen u. s. w." Das „D. Tagebl." will sogar aus Bismarck's Munde selbst die Klage über „den Undank der Juden" gehört haben. Daß das Bundesgesetz, welches die Gleichstellung aller Staatsaugehörigeu im norddeutschen Bunde und dann im deutschen Reiche ausspricht, unter Mit-

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