Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-11-15 · Heft 46 (15.11.1881) · p. Seite 762

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 46 (15.11.1881)
Date
1881-11-15
Page
Seite 762 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227386--39420-3308735
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

762 die Humanität gefeiert, aus welcher die Stiftung geflossen und darauf hingewiesen, daß in solchen Einrichtungen die wahre Lösung der sozialen Frage enthalten sei. Bei dem Festmahle brachte Rabb. llr. Leimdörfer den ersten Toast, und zwar aus dem Kaiser in begeisternder Rede aus. Man spricht jetzt in gewissen Kreisen soviel vom „praktischen Christenthum"; hier haben wir eine That des „praktischen Judenthums"! Jena, 1. Nov. (Privatmitth.) Bei der nun Jahrelang dauernden Agitation gegen die Juden in Deutschland ist es unsere besondere Ausgabe, für den zukünftigen Geschichtsschreiber alle Zuge zu sammeln, welche den Charakter der Urheber und Führer dieser Wühlereien näher bezeichnen. Bekanntlich hielt Stöcker zu Eisenach eine Rede, in welcher er die hiesige theo logische Fakultät auf's Heftigste angriff, und in Folge dessen erklärte eine „Thüringer Confcrenz", daß die Jünger der in Jena gelehrten „modernen Theologie" von Kanzel und Katheder verdrängt werden müßten. Auf die Bertheidigung der Fakultät und auf eine erschienene Gegenschrift erklärte Stöcker, er habe in die Verhandlungen gar nicht eingegriffen und seine Anhänger beschuldigten die Fakultät, sich an einem „Attentat gegen Stöcker" betheiligt zu haben. Hiergegen erläßt nun unter dem 29. Okt. die hiesige theologische Fakultät eine Erklärung, in welcher sie die Zeugen aufführt, welche erhärten, daß Stöcker allerdings bei den Verhandluugen gesprochen und somit jene Rechtfertigung eine Unwahrheit sei. Es ist immer schlimm, wenn ein Geistlicher, sei es aus Mangel an Gedächtniß, sei es absichtlich das so oft leugnet, was er vorher gesagt oder gethan hat. Oesterreich-Ungarn. Pest, 31. October. (Privatmitth.) Franz Chorin, ein Enkel des Araber Oberrabbiners Aron Chorin, wurde bei den Nachwahlen im Bezirk Baksa mit großer Majorität zum Reichstagsabgeordneten gewählt. Chorin war in früheren Sessionen Vertreter seiner Geburtsstadt Arad; er gehört der gemäßigten Opposition an. Die maffcnhaste Auswanderung der Juden aus Rußland scheint der russischen Regierung, nachdem sie zuvor Alles gethan hat, um die Dinge soweit zu treiben, nunmehr selbst recht unbequem zu werden. Die Petersburger Regierung, will, wie dem Pester Ll. geschrieben ward, es versuchen, der Emigration Einhalt zu thun, und den Israeliten ein großes ttolonisationsterrain auf russischem Gebiete offeriren. Die Juden haben aber zu den Zusicherungen der russischen Regierung ganz und gar kein Vertrauen. Mittlerweile nimmt die Emigration nach Amerika unausgesetzt ihren Fortgang Und manche Ortschaften in Südrußland, in welchen bisher reger Handel und lebhafter Verkehr herrschte, sind jetzt wie ausgestorben und total entvölkert. Prag, 30. October. (Privatmitth.) In der Nü. 43. der Allg. Z. d. I. v. 25. Oct. macht Ihr Wiener Correspondent folgende Mittheilung. „Am 13. Dezbr. feiern die Protestanten in Oesterreich das hundertjährige Jubiläum des Toleranzpatentes. Eigenthümlich genug giebt es im Kaiserstaate jüdische Gemeinden, welche diesen Tag festlich begehen wollen, in der Meinung daß auch das Toleranzpatent Joseph's II. für die Juden vom obigen Tage datirt, was unrichtig ist. Letzteres trägt das Datum vom 2. Januar 1762." Diese Mittheilung bedarf durchweg der Berichtigung. Ob das „13. Dezbr." ein Jrrthum des Correspondenten, oder nur ein Druckfehler in Ihrer Zeitung ist, mag dahin gestellt bleiben^ thatsächlich haben sämmtliche Protestanten sowohl Augsburger wie helvetischer Confession das Jubiläum der Freigebung ihres Gottesdienstes am 13. October d. I. schon gefeiert, und mit Recht, denn das Gesetz, welches diesen Gottesdienst in Oesterreich wieder gestaltet, trägt dieses Datum. Aus der mir vorliegenden, vollständigen und amtlich beglaubigten Sammlung der Gesetze, aus den Jahren 1781 u. 82 geht aber auch hervor, daß es ein Toleranzpatent weder für Protestanten, noch für Juden gar nicht giebt. Wenigstens trägt kein einziges der von Kaiser Joseph II. m. p. gezeichneten Gesetze den Titel „Toleranzpatent" oder den daneben häufig gebrauchten „Toleranzedict. Es sind vielmehr eine ganze Reihe von Gesetzen die Juden betreffend im Laufe der Jahre 1781 u. 82 publizirt worden, von denen das erste, unter dem Titel: „Gubernial-Jntimatum als allerhöchste Willenserklärung Sr. Majestät rc." am 12. Weinmonat (October) 1781 kund gemacht wurde. Dieses Gesetz hebt die damals zu Recht bestehende Verpflichtung der Juden, beim Erscheinen auf öffentlicher Straße ein Abzeichen am Kleide zu tragen, auf. Die folgenden gewähren den Juden theils Positive Rechte, theils legen sie ihnen Verpflichtungen auf. Da nun mit dem ersten die mittelalterliche Schmach von den Juden genommen wurde, so verdient der Tag seiner Kundmachung, beim Wiedererscheinen nach 100 Jahren, als Jubiläum gefeiert zu werden. Der 12. October 1781 siel aber auf das Azerethfest 5542. Demzufolge haben die Prager Synagogen, und wie die Zeitungen melden, fast alle jüdischen Gemeinden in Böhmen am Azerethfeste das Jubiläum zu Ehren Kaiser Joseph II. gefeiert. Es wird freilich Nichts verschlagen, wenn die, mit dieser Feier noch ausstehenden Gemeinden dazu ein Datum der später erlassenen Gesetze wählen. Dr. A. Stein. Prag, 4. Nov. (Privatmitth.) Es wird vielen Lesern t noch erinnerlich sein, daß hier vor zehn Jahren unter dem Namen „Afike Jehuda" ein Verein, „Zur Förderung und j Verbreitung der Wissenschaft des Judenthums" gegründet! wurde. Derselbe ließ Vorträge über jüdisch-wiffenschaftliche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.