Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1881)
- Date
- 1881-11-15
- Page
- Seite 754 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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denuttzirte hierauf die Juden, ihn mit besudelten Schmähbriefen überschüttet zu haben. Die Versammlung antwortete ihm hierauf mit dem Rufe: „Ausrotten dieses Judenpack! Auf den Scheiterhaufen!" So geschehen in der Haupt- und Residenzstadt Berlin am 28. Oktober 1881, wie nicht blos die liberalen, sondern auch die antijüdischen Zeitungen, z. Bdie „Germania" berichten, und nach dem Erlaß des bekannten Reskripts des Ministers des Innern. Die Versammlung wurde nicht aufgelöst. Stöcker fuhr fort: „Ich frage Sie, kann ein ehrlicher Deutscher noch mit diesen Juden Zusammenleben?" Wenn dies keine Ausreizung gegen eine bestimmte Bürgerklasse ist, so wissen wir nicht, wie eine solche lauten sollte. Die Versammlung verstand dies auch so und antwortete mit dem Rufe: „Nein! Raus aus Deutschland mit diesem Judenpack!" Die Versammlung wurde nicht aufgelöst. Stöcker in seiner bekannten Weise sagte: „Ich bin überzeugt, viele von Ihnen möchten sehr gern für die Sozialdemokraten (in den Stichwahlen) stimmen", worauf die Versammlung in stürmischen Beifall ausbrach und rief: „Lieber einen Sozialdemokraten als einen „Juden!" Man sagt also klar, daß man für die Sozialdemokraten stimmen will, für die durch das Gesetz verpönten Sozialdemokraten! Die Versammlung wurde nicht aufgelöst. Natürlich fuhr Stöcker fort: „Ich kann Ihnen dies auf keinen Fall anrathen. Würden die Sozialdemokraten", sagt er weiter, „mit uns gehen, so würden wir ihnen sehr gern zur gemeinsamen Bekämpfung des jüdischen Fortschritts die Hand reichen." Man versteht diese Redewendungen sehr gut, und weiß also voraus, für wen trotz des Gesetzes diese sich conservativ nennenden Menschen stimmen werden. Stöcker spricht auch sein Bedauern darüber aus, daß „einige junge Leute gestern Abend Hepp, Hepp- Rufe auf den Straßen ausgestoßen haben". Wir wißen, was wir von solchem '„Bedauern" zu halten haben, das einer Aufreizung ganz ähnlich sieht. Nach ihm sprachen Prof. Wagner und Obermeister Meyer, und der Vorsitzende, Pastor Distelkamp kündigte eine andere Versammlung an, in welcher der ebenfalls durchgesallene v. Liebermann sprechen werde, und schloß mit allerhand judengehässigen Redensarten. Am folgenden Abend wurde dieses Versprechen erfüllt, und Liebermann sprach über die Frage: „Warum hat der Jude diesmal noch gesiegt?" Derselbe schimpfte aber noch mehr auf die conservative Presie und Partei und auf die städlischen Behörden als auf die Juden. Dies ergänzte Dr. Förster, der dem freigebigen Rudolph Hertzog, „dem Inhaber des in Europa größten und besteingerichtetsten Geschäfts" ein Hoch ausbrachte. Liebermann schloß die Versammlung mit der Versicherung, daß der Culturkampf gegen die Katholiken sein Ende erreicht habe, aber nun gegen die Juden losgehen solle. — Tie Berichte aus Berlin melden von vielen Unannehmlichkeiten, die man den Juden auf den Straßen und in den öffentlichen Lokalen bereitet. Dies mag denn endlich auch die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde zu Berlin aus ihrer bisherigen Indolenz geweckt haben und die „K. Z." berichtet: „Die Repräsentanten der Berliner Synagoge»« Gemeinde haben beschlossen, gegen die judenhetzerischen Agitationen Stöcker's und Genossen klägerisch vorzugehen, so zwar, daß das staatsanwaltliche Einschreiten durch alle Instanzen gefordert werden soll." Warum, fragt man, warum erst jetzt? warum nicht früher? nicht zu einer Zeit, wo man der Entwickelung dieser schändlichen Agitation noch cntgegentreten konnte? An Beranlasiungen und an Aufforderungen hat es nicht gefehlt. — Wegen eines in dem inzwischen eingegangenen Henrici'schen „Reichsherold" enthaltenen Gedichtes, in welchem zur Vertreibung der Juden aus Deutschland aufgefordert worden, hat die Staatsanwaltschaft beim hiesigen Landgericht I. gegen den Verfasser des Gedichtes, einen gewiffen Herrn Recht, und gegen den ehemaligen Redakteur des „Reichsherold" die Anklage aus Art. j 130 des deutschen Strafgesetzbuches (wegen Anreizung zu ' Gewalthätigkeiten gegen verschiedene Bevölkerungsgklassen) er-! hoben. Die öffentliche Verhandlung wird demnächst stattfinden. — Eine Erklärung für mancherlei Vorgänge findet ^man in einem Artikel der „Voff. Z.", aus welchem wir folgende Stelle hervorheben: I „Andererseits darf es nicht befremden, daß die Antisemiten, die sich so offener Sympathien seitens der officiösen Regierungsorgane und auch, wie man aus ihrer Gemeinschaft mit den sogenannten Conservativen und Gouvernementalen! schließen kann, der Regierung selbst zu erfreuen haben, von i den polizeilichen Executivbeamten für sehr harmlose und anj genehme Leute angesehen werden, die man nicht so scharf auf! das Korn zu nehmen hat, wie die Liberalen, und die über-! Haupt eine beffere Behandlung verdienen. Den Executivbe-! amten wird man einen Vorwurf daraus nicht machen dürfen;!sie sind bemüht, es ihren höchsten Vorgesetzten recht zu! machen; wohl aber kann man daraus erkennen, wie verderb-! lich unsere osficiöse Regierungspresse auf den ganzen Staatsi organismus wirkt. Das ist eine sehr ernsthafte Seite der Sache, die mehr als je diesmal beim Etat für das Preßbureau zur Sprache gebracht werden muß. Stoff dazu haben die letzten Monate in überwältigender Fülle geboten.; — Auswärtigen Blättern conservativer Parteischattirung; wird bereits von hier aus gemeldet, daß die Antifortschrittler i im 4. und 6. Berliner Wahlkreise beschlossen hätten, bei der Stichwahl gegen die Candidaten des Fortschritts, also für die sozialdemokratischen Candidaten zu stimmen. Nach unseren Informationen können wir die Richtigkeit dieser! Mittheilung nur bestätigen, wenigstens was den 6. Wahlkreis anbelangt."