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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-11-08 · Heft 45 (8.11.1881) · p. Seite 749

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 45 (8.11.1881)
Date
1881-11-08
Page
Seite 749 (sequence 13)
Language
German
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749 schlechtes durch Energie und Gewandtheit wie durch Charakterfestigkeit so glänzend behauptet hat. Bor neunzehn Jahren beschloß ihr Gatte, ein wenig bemittelter Mann, die Herausgabe eines Berlosungsblattes, „der Mercnr", aber schon nach dem Erscheinen der ersten Nummer verfiel er in eine unheilbare Krankheit, an der er auch bald starb. Die Wittwe wurde dadurch in die ihr ganz neue Laufbahn einer Zeitungsherausgeberin gedrängt. Ihre rastlose Thätigkeit, ihre nie erlahmende Entschlofienhcit, im Vereine mit rasch erworbener Sachkcnntniß, gestattete cs ihr, der Ungunst der Berhältnifse zum Trotz, ihrem Blatte zu einer sehr bedeutenden Auflage zu verhelfen. Sie schritt auch bald — eine vollkommen' alleinstehende unbemittelte Frau — an die Gründung des Bank- und Wechsclgeschäftcs, das es zu großer Ausdehnung und Bedeutung gebracht hat. Man mußte diese Frau sehen inmitten einer Schar von Buchhaltern und Komptoiristen gebietend, sie, die Frau, welche den Männern durch ihre geschäftliche Tüchtigkeit und strenge Redlichkeit gar mächtig inponirte. Diese seltene Frau genießt die hohe Achtung, welche dem Talent und dem fieckcnlosen Charakter gebührt und bleibt das Musterbild eines unternehmenden Weibes. Am 17. d. M. starb in London in dem hohen Alter von 81 Jahren Herr Gabriel B. Worms, einer der Gründer des ehemaligen Bankhauses Gebrüder Worms u. Co. Einen großen Theil seines jährlichen Einkommens widmete der Dahingeschicdene der Mildthätigkeit und hat in seinem Testamente die verschiedenen Synagogen Londons zn Gunsten der Armen reichlich bedacht. Er erwarb sich auch große Berdienite um die Förderung der Wohlsart von Ceylon, wo er große Anpflanzungen von Kaffee, Thee, Vanille ff. gegründet hat. , Einer orthodoxen Gemeinde in London hat er 4000 Pf. St., einer Reformgemeinde l OoO Pf. St., den Predigern Marx und Green je 1000 Pf. St. hinterlasscn. — Der älteste englische Baronct ist der ehrwürdige und weltbekannte Sir Moses Montefiorc, welcher am letzten Montag das patriarchalische Alter von 97 Jahren erreichte (er ist am 24. Oktober 1784 geboren.) Sir Moses war im Jahre 1787 Scheriff von London und Middlesex, wurde am 9. November desselben Jahres bei Gelegenheit des ersten Besuches der Königin nach ihrer Thronbesteigung in die City, in der Gnildhall mit der Ritterwürde belehnt und empfing sein Baronets- Patent im Jahre 1846. Ieuilteton. Von Jericho zum Tabors) Herr Gabriel Charmes ging von Jericho nach Bethel, einen Weg, den die Reisenden gewöhnlich nicht nehmen. Er hatte einen Gebirgszug zu übersteigen, der an Steilheit und Dürre Alles übertraf, was er bis jetzt Derartiges gesehen. Schöne Aussichten auf die Jordansau und das Todte Meer belohnten ihn. Hat man den Kamm überstiegen, so tritt man in eine traurige, ja düstere Gegend, die im Sommer schrecklich sein muß, denn die Dürre hat dann jede Vegetation zerstört. Im Frühling ist Alles mit Blumen bedeckt, und einige Hirten beeilen sich, ihre magere Heerde das verzehren zu lasten, was ein schneller Wachsthum für eine kurze Zeit giebt. Die Hirten bewohnen mit ihren Familien die Höhlen der Felsen und führen ein elendes und schmutziges Leben. „Im Allgemeinen", sagt der Verfasser, „erschien mir die Bevölkerung von Judäa häßlich und erbärmlich. Abgesehen von den Beduinen, die bewunderungswürdig sind, sehen alle anderen Racen krankhaft und verkommen aus. Die Thiere sind nicht kräftiger als die Menschen. In Samarien und Galiläa findet man hier und da schöne Thiere, in Judäa sind die Ochsen wie unsere Kälber in Europa. Sie haben auch wie in Aegypten keine Hörner. Im alten Aegypten war dies, wie die Malereien beweisen, anders (auch i) S. Nr. 36. 40. im alten Judäa, wie Schriftstellen beweisen." Redakt.-) Sobald man Judäa verläßt, um in Samarien einzutreten, verändert das Land seinen Anblick. Die Unfruchtbarkeit des Bodens verschwindet, die Berge werden niedrig und Hügel von graziösen Formen; die Thäler grünen und sind mit Feigen-, Oel- und anderen Fruchtbäumcn gefüllt. Man kommt zn der Meinung, daß diese Gegend lachend sein könnte, wenn die Mißbräuche einer abscheulichen Verwaltung sie nickt unfruchtbar machten. Bethel ist die Grenze der Steinregion. Wenn aber der Prophet Ainos sagte: „Suchet nicht Bethel auf, denn es wird zu nichts verkehrt" , so ist diese Prophezeihung buchstäblich ciugetroffen. Tie Lage ist wild, traurig, nackt. Man steigt nach Jifna, einem Torfe, hinab in der Mitte eines angenehmen Thals. Von da ab find die Höhenzüge steril, aber man kommt durch eine Reihe von 2) Herr Charmes laut sich von seiner Abneigung gegen den jüdischen Stamm zu d"v Behaupiung verleiten, daß die allen Israeliten von einer großen Habgier beherrsch! gewesen, die sie zu den Anstrengungen brachte, aus dcm Boden die möglichsten Reichthümer ' zu ziehen. Das ist doch wohl der sonderbarste Schluß, der aus dem; Fleiße einer bäuerlichen Bevölkerung gezogen werden kann! Ein i Volk, das 15 Jahrhunderte in einem beschränkten Pinnenlande ohne i Handel und Schifffahrt lebte und unter einem Gesetze, das, wie! Charmes selbst zugiebt, jede Anhäufung von Reichlhümern uumög-! lich machte, das weder glänzende Bauten noch pomphafte Feste aus- | iübrte, vielmehr in den einfachsten Sitten lebte, und dessen materielle Genüsse in „Milch und Honig" ihr Ideal fanden — ein solches j Volk der Habgier zu zeihen, dazu gehört die höchste Verblendung I des Borunheils. Hatte man doch im ganzen Lande kein Bergwerk,! und kamen die Metalle nur von außen.

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