Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1881)
- Date
- 1881-11-08
- Page
- Seite 746 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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746 seine Freunde und Feinde kennen zu lernen. Zu unseren! Freunden gehört die „Gartenlaube", dieses illustrirtcl Familicnblatt, das den Liberalismus aus seine Fahne geschrieben, nun einmal nicht. Während die ganze liberale; Presse Europas voll Entrüstung über die schmachvolle Judenhetze ist, beobachtet die „Gartenlaube" ein vornehmes Schweigen. Endlich erschien ein Artikel: „Ein Tag aus der Berliner Augustconsereuz"; also endlich, dachte ich, bricht auch die „Gartenlaube" ihr Schweigen, denn nun wird sie Lcm gn* mal gr<> über Stöcker und Genossen sich äußern müssen. Ich hatte mich auch nicht geirrt. Sie kann cs Stöcker nicht verzeihen, daß er auch ihr „die Ehre erweist", sie zu der liberalen „Schandpresse" zu zählen. Und wie denkt sie über die Judcnfrage, über die am 2. Tage der Conferenz gestellte und angenommene Resolution gegen die Juden? „Ter Herr Referent war leider verhindert, den Verhandlungen des zweiten Tages beizuwohnen", bemerkte die Redaktion in einer Note. Wir wissen uns zu trösten und wollen nur constatiren, daß die „Gartenlaube", welche übrigens, beiläufig gesagt, sich von Jahr zu Jahr immer mehr verflacht und ihrem Inhalte nach, längst ausgehört hat. ein „Familienblatt" zu sein, zu der liberalen Presse nicht zählt. Essen, 27. Oktbr. (Privatinitth.) Wenn man setzt die ultramoutane Presse durchmustert, so wird man finden, daß sie zwar nicht judensreundlich austritt, aber jene fanatische, kein Mittel scheuende Bekämpfung der Inden, die sie fünf Jahre hindurch betrieben, ausgegebcn hat. Wir können aus ultramontancm Munde sogar Aenßerungen citiren, welche die Juden in Schutz nehmen. So sprach aus einer am 23. Okthicrselbst stattgesundenen großen Versammlung der Centrumspartei der Pfarrer Schulte aus Erwitten, nachdem er über das Verhältnis; der Protestanten zur katholischen Kirche gesprochen: „Man greift, fürchte ich, fehl, wenn man den Culturkampf als eine vorübergehende Verirrung des großen Staatsmannes bezeichnet, zu welcher die Liberalen und die Juden gehetzt hätten. — Tie Juden sind, nebenbei gesagt, lange nickt so schlimm, als gewisse protestantisch-orthodoxe Kreise annehmcn; sie tragen keineswegs die Verantwortung für alle die Zustände und Verhältnisse, die man auf ihr Conto setzt, um andere Leute zu entlasten; auch scheint cs, daß in Preußen und Deutschland viele Tinge weit nothwendigcr wären, als unchrist'.ichc Jndcnhctzen." — Möchte sich diese Erkenntnis;, die doch so offen zu Tage liegt, daß die Juden nicht die geringste Schuld am Kulturkämpfe tragen, im ganzen katholischen Volke verbreiten! Fricdetcrg «Neumark), im Letober. «Privatmitth. Verspätet.) . In einer Zeit, wie die gegenwärtige, thut cs wahrlich zwiefach wohl, auch auf entgegengesetzte Erscheinungen den Blick lenken und Thatsachen registriren zu dürfen, die trotzdem und alledem von dem fortschreitenden Siege der Humanität erfreuliche Kunde geben. Vor Kurzem beklagten wir in unserer Gemeinde den Tod eines um seiner Redlichkeit und Biederkeit, so wie um seines Gemeinsinnes in allen Schichten der Bevölkerung hochgeachteten Gemeindemitgliedes, des Kaufmanns I. Labus. Schon Jahre lang war er in der Gemeinde wie in der Stadt mit wichtigen und einflußreichen Aemtern betraut. In der Cultusgemeinde hat er in seltener Treue und Gewissenhaftigkeit viele Jahre das Amt des Vorstehers bekleidet und namentlich mit rührender Humanität als Leiter der „ Chewra Kadischa" gewirkt. In der städtischen Corporation hatten ihm seine Mitbürger das Amt eines Stadtverordneten übertragen, bis er später zum Stadtrathe erwählt wurde; er erwarb sich um die Stadt so hervorragende Verdienste, daß ihm die städtischen Behörden vor einigen Jahren das Diplom eines Stadtältesten übereichten, eine seltene Auszeichnung, deren er sich erfreuen durfte. Sein Leichenbegängnis war denn auch ein überaus imposantes. Alles, Hoch und Niedrig, die Spitzen der Behörden und ein großer Theil der hiesigen Bewohner aller Confessioncn hatte sich eingesunden, um dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Der Bürgermeister der Stadt sandte in das Trauerhaus einen prachtvollen Blumenkranz mit einer seidenen Schleife, auf der die Worte imprägnirt waren: „Dem Vater der Stadt für seine Verdienste um die Stadt." Man würde indessen irren, wollte man annehmen, daß unsere städtische Vertretung frei von Antisemiten sei. Daß dem nicht also, erfuhren wir durch einen, vor einiger Zeit bei den bürgerlichen Collegien eingebrachten Antrag, die Verlegung eines unserer Wochenmärkte auf den Sonnabend betreffend. Wie sehr dieser Antrag im Falle seiner Annahme unsere religiösen und materiellen Interessen geschädigt haben würde, bedarf wohl kaum eines näheren Nachweises. Glücklicherweise gelang es nun aber dem thatkräftigen Eifer der beiden israelitischen Stadtverordneten B. Jacobus und E. Frank den Unheil drohenden Plan unserer Antisemiten zu vereiteln. Schließlich wollen wir noch eines Factums erwähnen, das den humanen Sinn unserer Behörde characterisirt. Zu dem erwähnten Stadtverordneten B. Jacobus, zugleich Mitglied des Kreistages, kam vor Kurzem der hiesige, der streng conservativen Richtung angehörende Landrath eigens in's Haus, um sich zu erkundigen, auf welche Zeit das Laubhüttenfest falle, damit er nicht eine demnächst anzuberaumende Sitzung des Kreistages auf einen Festtag ansetze und ihm, dem israelitischen Kreistagsmitgliede, hierdurch die Theilnahme unmöglich mache. Gossels. Sondershauscn, 20. Octbr. (Privatmitth.) Wenn von unserem großen Lehrer Moses nur eine Tugend, die der Bescheidenheit, namentlich hervorgehoben wird, so sollte das gewißlich eine bedeutungsvolle Mahnung zur Nacheiferung für alle seine Jünger und Bekenner seiner Gotteslehre für