Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1881)
- Date
- 1881-11-08
- Page
- Seite 745 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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745 synodc eine göttliche Institution ist. Nein, wie die ganze! Kirchenverfassung mangelhaftes Menschenwerk ist, so sitzen auch j in der Generalsynode Menschen und keine geheiligten Per-! sonen. (Beifall.)" Ferner: „Als ferneren Punkt einer Ge-! fahr für das Vaterland hat Herr Stöcker plötzlich entdeckt, daß die Juden nicht national, sondern deutschfeindlich und international sind. Ich bin fest überzeugt, daß Stöcker selbst nicht daran glaubt, denn würde er es glauben, dann würde er sich einfach lächerlich machen. (Beifall.) In unserem Staate haben die Juden noch nirgends gezeigt, daß sie antideutsch sind, und cs ist lächerlich, den Staat mit Eclat vertheidigen zu wollen, wo Niemand da ist, der ihn angreift. (Beifall.)" — Auch der Abg. Ludwig Löwe hat im ersten Wahlkreise am 24. d. seine letzte Wahlrede gehalten. Gerade gegen diesen Abg. hat sich die Wuth der Gegner am meisten und am gemeinsten gerichtet. So wurde unter Anderem verbreitet, Löwe habe die Sozialdemokraten mit englischem Gelde erkauft, und sein Gegencandidat, der aus der Armee entlassene Lieutenant von Liebermann, unterfing sich sogar, dies in einer Wählerversammlung öffentlich auszusprechen und anzudeuten, daß er es von dem Polizeipräsidenten von Madai gehört habe. Dieser aber erklärte in einem Schreiben an Löwe es für völlig unwahr, und ebenso Bebel in den Zeitungen, daß nicht einmal der Versuch gemacht worden, Stimmen der Sozialdemokraten zu erkaufen. Es war daher nicht schwer für Löwe, seiner Verachtung solcher schmutzigen Jntriguen Worte zu lachen. Er erntete übrigens außerordentlichen Beifall. — Man hat übrigens kaum einen Begriff von all' den Kniyen und Mitteln, welche die Conservativen in Berlin zu Wahlzwecken verwenden. So liegt ein Aufruf vor, der unter den Wählern des 3. Reichstagswahlkreises verbreitet wird für die Wahl Julius Schulze's. Als conservative Parole für die morgige Rcichstagswahl im 3. Wahlkreise der Residcnz- und Hauptstadt des Staates der Intelligenz gilt der Ruf: hie Christ, hie Jude und Judengenosse! Wir begnügen uns damit, nur eine Prachtblüthe aus dem ronservotiv-antiscmitischen Bouquet dieses Aufrufs für unsere Leser zu pflücken. Es heißt darin: „Das auf die schändlichen Lehren des Talmud gegründete Judenthum hat in Paris eine Centralregierung errichtet zur Eroberung der Welt durch die Juden. Es ist dies die berüchtigte Alliance israelite. Sie will nach ihrer eigenen Angabe ein neues messianisches Reich errichten an Stelle der Kaiser und Päpste." Nach dieser einen Probe scheint es uns wenig rathsam zu sein, dem Verfasser dieses Aufrufs am Wahltage auf Bißweite nahe zu kommen. — Sie wollen übrigens ihr Geschäft mit den Wahlen zum Reichstage nicht aufgeben. Dazu leben schon zu Viele von diesem Geschäft. — Die Antifortschrittler wollen nächsten Sonnabend in allen 6 Berliner Wahlkreisen Versammlungen abhalten, in welcher über die Agitationen für die nächsten Eommunal- und Landtagswahlen verhandelt werden soll. Berlin, 21. Oktober. (B. B.) In der gestrigen Trauerloge für den Prinzen der Niederlande verlas Professor Moitzner den letzten Brief des Verstorbenen an die Brüder, worin er diese ermahnt, auf dem Wege der Tugend und Gesittung fortzuschreiten und die Brüder ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses zu achten und zu lieben. Mit markigen Worten betonte darauf der deutsche Kronprinz unter herzlichem Dank für die „goldenen Worte" des Redners seine völlige Uebereinstimmuug mit diesen Gefühlen, welche jedes Menschen Brust durchziehen müßten. Ter Prinz der Niederlande war es, welcher die Gleichheit aller religiösen Bekenntnisse in der Freimauerei anbahnte. Berlin, 23. Oct. Tie „Stat. Corresp." enthält einige intereffante Angaben über die Bewegung der Bevölkerung in Preußen im Jahre 1860, welche auf Grund der Standesregister zusammengestellt sind. Unterscheidet man die Bevölkerung nach Confessionen, so kamen auf 100,0- 0 Einwohner am 1. Dezember 1880 34,738 evangelische, 33,7 72 katholische , 176 sonst christliche resp. dessideutische und 1335 jüdische. Nun wurden aber von 100,< Ü0 Geborenen, wenn man die Confession der Mutter zu Grunde legt, 63,758 evangelische Kinder, 34,080 katholische, 106 dissidentische und 1056 jüdische geboren; gestorben sind 63,756 evangelische, 35,161 katholische, 174 dissidentische und 000 jüdische. Tie natürliche Vermehrung betrug auf 103,000 65,437 evangelische, 34,935 katholische, 243 dissidentische und 1385 jüdische Einwohner. Ter katholischen und disfidentischcn Bevölkerung wurden also mehr Menschen durch Geburt zugeführt und mehr durch Tod entrissen, als ihr Vcrhältniß zur Gesammtheit voraussetzen läßt. Besvnderc Beachtung verdient der Umstand, daß die innere Vermehrung der evangelischen Bevölkerung langsamer von Statten geht, als die der übrigen Confessionen, sic betrug bei ihr nur 1,217 Proe., bei den Katholiken 1,285 Pror., bei den Dissidenten 1,1*4 Proe., bei den Juden 1,292 Proe. Es geht auch aus den mitgetheilten Zahlen hervor, daß die natürliche Vermehrung der Juden durchaus nicht so groß ist, als man gewöhnlich annimmt. Die Geburtsfälle sind sogar geringer, als das Verliältniß der jüdischen zur Gesammtbevölkerung vorausfetzen läßt. Ties wird aber ausgeglichen dadurch, daß auch die Sterbefälle ver hältnißmäßig noch viel geringer sind. Daß die Zahl der unehelich geborenen, der todtgeborenen und der unter 15 Jahren gestorbenen Kinder bei den Juden am kleinsten ist, ist anerkcnnenswerth. Hierin liegen gerade die sittlichen Momente, welche die statist. Zahlen ergeben. Leipzig, im October. (Privatmitth.) In einer Zeit, wie die, welche wir jetzt wieder erleben, ist es immer gut, 4ä