Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1881)
- Date
- 1881-11-08
- Page
- Seite 739 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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739 Stern, die Bedingungen kennen lernen, unter denen er btej Emigration unterstützen könnte. Er beklagte sich lebhaft darüber, daß verschiedene europäische Gemeinden greise, ge-! brechliche, schwächliche und arbeitsunsähige Personen nach Amerika schickten. Derselbe wiederholt uns jetzt, das solche. Auswanderer in trauriger Weise zum Betteln verurtheilt find, daß die Noth in Amerika groß ist und daß es allein! in New - Jork eine israelitische Bevölkerung von 10,000 j Seelen giebt, welche lediglich von Almosen lebt; man solle! daher mit der größten Sorgfalt die Auswanderer nur unter j den jungen, kräftigen, gesunden, arbeitsfähigen Männern und! ganz besonders aus denjenigen wählen, welche ein Handwerk! betreiben können; solche, aber auch nur solche Auswanderer erklärte sich der Board bereit, aufzunehmen, da er überzeugt ist, daß sie den Gemeinden nicht zur Last fallen und dem amerikanischen Judenthum nicht durch Bettelei und Bagabondage zur Schande gereichen würden. Als der Board die Mittheilung der Alliance erhalten hatte, ging er sofort ans Werk und wurde hierbei von der einstimmigen Gesinnung der amerikanischen Israeliten ermuthigt. Er richtet an Letztere einen warmen Auftuf, in welchem er sie bat, Localcomites zu bilden, um zu den Kosten der Aufnahme und Unterbringung der Emigranten beizutragen, und ihm alle für die Unterbringung derselben in den verschiedenen Staaten nützlichen Mittheilungen zu machen. In diesem Augenblicke prüft derselbe die Mittel zur Unterbringung einer Anzahl von Emigranten in Texas oder anderen Agriculturländern Amerikas. Unter Mitwirkung der amerikanischen Israeliten und ihrer hohen Leitung ist dieses Hilfswerk zu prosperiren berufen." „Die Aufgabe der Alliance war nun die Emigranten gut auszusuchen, die Transporte zu organisiren, die Reisekosten bis nach NewDork zu bestreiten und dem Board verhältnißmäßige Zuschüsse zu den Kosten der Unterbringung derselben in New-Dork oder in entfernten Staaten zu leisten. Dank dem Ertrage der russischen Subscription, der gegenwärtig die Summe von Francs 435,076,54 erreicht hat, Dank insbesondere einem Geschenke von ganz außergewöhnlicher Bedeutung i), war das C.-Comite im Stande, in ziemlich großem Umfange die Auswanderung ins Werk setzen zu können. Dennoch wird ohne Zweifel die Zahl der nach Amerika transportirten Personen im Berhältniß zu der hilfsbedürftigen Bevölkerung, die Zurückbleiben muß, schwach sein; aber die sowohl von der Alliance selbst, i. I. 1869, als von Auswanderungsgesellschaften früher gemachten Erfahrungen beweisen, daß jeder arbeitsfähige Auswanderer gewöhnlich nach einer gewissen Zeit Angehörige oder Freunde 1) Es kann hiermit nur die Million Frcs. gemeint sein, die Baron Hirsch zu diesem Zwecke gespendet hat, eine Gabe, die zugleich eine Beschämung für andere reiche Juden ist. Redakt. nach sich zieht und eine Art von Anziehungscentrum wird, welches die Auswanderung verlängert und die Wirkungen derselben vervielfältigt. Die von der Alliance unternommene Emigration kann ziemlich lange, vielleicht Jahre lang dauern, sie kann eine verhältnißmäßig beträchtliche Anzahl von Personen umfassen, und wenn sie, wie wir hoffen, gute Resultate liefert, so ist kein Zweifel, daß sich durch unsere Bemühungen ein constanter Auswanderungsstrom von Rußland nach Amerika einrichten wird. Dieses ziemlich lange methodisch und beharrlich fortgesetzte Hilfswerk wird ganz gewiß einen wahlthätigen Einfluß auf das Schicksal der Israeliten von Rußland ausüben." „Der Erfolg hängt, wie gesagt, von der guten Auswahl der Emigranten ab; die Elemente zu einer guten Auswahl fehlen nicht; die Israeliten von Südrußland sind im Allgemeinen schöne, kräftige und gesunde Menschen und vielfach Handwerker; ihr Betragen und ihre Erziehung sind sehr bemerkenswerth. Tie mit der Auswahl von Emigranten beauftragten Personen haben am häufigsten keine andere Verlegenheit, als diejenige, welche ihnen die Ueberfülle von Bittgesuchen bereitet. Diese Auswahl ist es überhaupt, auf welche die Alliance die allergrößte Sorgfalt verwendet. Bereits länger als einen Monat weilt im Aufträge der Alliance eine vertrauenswürdige Person in Brody, an der russischen Grenze, wohin sich 3 bis 4000 russische Israeliten geflüchtet haben, und nimmt daselbst die Auswahl der Emigranten vor; ebenso hat sich neulich das Mitglied des C.- Comites, H. Charles Netter, dessen hingebungsvoller Eifer auf der Höhe dieser großen Aufgabe steht, auch seinerseits nach Brody begeben, um den Gang dieser Operationen zu überwachen und zu reguliren. Letztere haben Anfangs September e. begonnen und sind seitdem ununterbrochen fortgesetzt worden. Bis jetzt sind 4 Expeditionen bewerkstelligt worden und eine 5. ist bereits in der Bildung begriffen; die Gesammtzahl der Emigranten, inclusive dieser 5., beträgt 451. Alle verstehen ein Gewerbe oder ein Handwerk; am häufigsten sind unter ihnen: Ackersleute, Gärtner, Maurer, Schmiede, Dachdecker, Glaser, Vergolder, Stubenmaler, Klempner, Tischler, Schlosser, Schuhmacher, Schneider, Seiler, Hutmacher, Buchbinder, Uhrmacher, Goldschmiede, Lithographen, Brauer, Fleischer, Bäcker, Erdarbeiter rc. Die Emigranten werden mit der Eisenbahn von Brody nach Antwerpen befördert und von hier zu Schiss nach Liverpool transportirt, wo sie die großen Schisse einer englischen Compagnie besteigen. In Amerika werden sie vom Board empfangen, der sie unterzubringen sucht. Mit Unrecht hat man nach Briefen, die fälschlich der Alliance untergeschoben wurden, veröffentlicht, daß dieselbe in Amerika Landstrecken erworben habe, um sie an die Emigranten zu vertheilen, und daß sie ihnen ein Capital zur Cullivirung dieser Ländereien gebe." 45*