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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-11-08 · Heft 45 (8.11.1881) · p. Seite 738

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 45 (8.11.1881)
Date
1881-11-08
Page
Seite 738 (sequence 2)
Language
German
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738 durchgefallen. Ebensowenig haben die Antisemiten in Breslau, Dresden und Leipzig einen Erfolg gehabt. In Dresden Neustadt brachte es der Antisemit Pinkert zu — 124 Stimmen unter ca. 8000 Stimmenden. Stöcker war bekanntlich in Dresden-Altstadt aufgestellt und fiel mit 2074 Stimmen unter ca. 24,000 Stimmenden durch. In Frankfurt a. O. unterlag Stöcker mit 1107 Stimmen unter ca. 5000 Stimmenden. Dagegen kommt Stöcker in Siegen und Minden in die Stichwahl; an ersterem Orte hat er keine Aussicht, in letzterem allerdings. — Im Allgemeinen glaubt man, daß der Reichtag keine sehr veränderte Physiognomie haben werde. Allein es haben doch schon jetzt die Conservativen gegen die Liberalen Sitze verloren (z. B. in Königsberg), und alle ihre Anstrengungen gegen bedeutende Führer der Liberalen sind erfolglos geblieben; Eugen Richter ist zweimal gewählt (Berlin und Hagen), ebenso Rückert, auch G. v. Bunsen ist wieder gewählt. Der ganze, mit so ungeheuren Anstrengungen und zum Theil mit schmählichen Mitteln geführte Feldzug gegen die Liberalen hat Jenen nichts geholfen. Bemerkenswerth ist, daß die Fortschrittspartei bedeutende Siege errungen, besonders gegen die Nationalliberalen. Ter Reichstag wird also eine größere entschiedene Partei in seinem Schoße haben. Hieran schließt sich von selbst die Frage an: wird durch diese Niederlage der Antisemitismus sich verlaufen? Wir glauben, diese Frage nicht geradezu verneinen zu dürfen. Die antisemitischen und conservativen Blätter jubiliren über die großen Minoritäten, die ihre Partei in Berlin erreicht habe. Allerdings hatten die Conservativen 1878 nur 16,043, diesmal 47,229 Stimmen, wogegen der Fortschritt nur von 85,424 auf 89,154 gestiegen ist, und die Socialdemokraten von 56,147 auf 40,043 zurückgegangen sind; auch die „Zersplitterten", worunter namentlich die Ultramontanen, stiegen von 1,647 aus 2,263. Im Ganzen haben die Conservativen in Berlin jedoch nur 47,000 von 168,000 erzielt, also ungefähr ein Viertel der Stimmen. Hierbei muß man aber erwägen, daß diese 47,000 sich aus den verschiedensten Elementen zusammensetzen, aus Conservativen, Gouvernementalen, Schutzzöllnern, Zünftlern, Staatssocialisten, anderen Frondeurs und Antisemiten. Diese Zusammensetzung bestimmt selbst die „Germania" zu sagen, daß durch diese, sowie durch die Mittel und Wege, welche verwendet wurden, „der conservative Gedanke nicht vorwärts, sondern zurückgegangen sei". Bilden nun die Conservativen im Reichstage eine ansehnliche Partei und befinden sich unter denselben entschiedene Antisemiten, wie z. B. Kleist-Retzow, so sind wir noch lange nicht sicher, daß nicht Anträge aus Beseitigung der Gleichstellung gestellt werden. Andererseits darf nicht übersehen werden, daß bereits zu viele Personen in Berlin ein Geschäft aus dem Antisemitismus machen, um nicht mit allen Kräften darnach zu streben, ihn immer wieder anzufachen, und daß dieser in den sog. gebildeten Kreisen allzu viele Anhänger gesunden. Diese sind durch die Niederlage nur um so erbitterter und dies zeigte sich z. B. am Abend und in der Nacht nach den Wahlen in Aufläufen, die nur durch das nachdrückliche Einschreiten der Sicherheitsbehörde vereitelt wurden. Es wurden wegen Widerstandes an 60 Personen arretirt, die sämmtlich der sog. gebildeten Klaffe angehörten. Keiner, wie die Berliner Blätter sagen, dem Janhagel.') Da nun endlich die Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhause in kurzer Zeit bevorstehen, so rüsten jene sich bereits zu einem neuen Feldzuge. Jndeß werden sie wirkliche Siege nicht erzielen, da sie dies auf der jedenfalls eben erreichten Kampfeshöhe nicht vermochten und der sog. Fortschrittsring nicht gebrochen werden konnte. Die Auswanderung. II. Wir haben in Nr. 40 unsere Ansichten über die Auswanderung russischer Juden dargelegt und begründet, und finden jetzt zu unserer Befriedigung, daß das Central-Comite der Alliance isr. Tiniv., das in dem eben erschienenen Monatsbericht für August und Sept. 1881 sich ausführlich über diesen Gegenstand ausläßt, ganz zu denselben Motiven und Schlüffen gelangt ist. Da das Comite hier den Plan seiner Thätigkeit auseinandersetzt, Hallen wir es für nützlich und intereffant, die Hauptstelle wiederzugeben. Nachdem kurz gesagt worden, warum die Einwanderung in Spanien und Palästina unstatthaft erscheint, fährt er fort: „Es erübrigt also nur die Auswanderung nach Amerika, diesem immensen, reichen und freien Lande, wo Alle, welche arbeiten können und wollen, ihre Existenz finden. Die Alliance war zu der Unterstützung der Auswanderer nach diesem Lande um so mehr ermuthigt, als sie zu wiederholten Malen von dem Board of Delegates zu New - Jork, dieser hohen und ausgezeichneten israelitischen Administration in den vereinigten Staaten, die Versicherung erhalten hatte, daß die amerikanischen Israeliten stets diejenigen israelitischen Emigranten, welche Aussichten auf Erfolg darbieten, gern aufnehmen und thätig unterstützen würden. Im Jahre 1878 ließ uns der Board durch eines seiner Mitglieder, H. Myer 1) Wir heben hier von den vielen Vorkommnissen in dieser Nacht nur folgende zwei hervor, welche den rohen und gemeinen Character dieser ganzen Agitation bezeichnen. Bor dem Hanse des Abg. Ludwig Löwe sammelte sich ein Haufen Antisemiten, stieß ,die schmählichsten Ruse aus und versuchte das Thor zu sprengen, wovon er nur durch das Herraneilen einer zahlreichen Schutzmannschaft verhindert wurde. In einem Locale der Potsdamer Straße ging ein „Reichstreuer", wie Augenzeugen versichern, so weit, daß er einem älteren jüdischen Herrn trotz seiner annähernd 70 Jahre ohne jedwede Provocation eine Ohrfeige appliciren zu dürfen meinte. Das Einschreiten Dritter verhinderte weitere Ausschreitungen des Herrn, der sich, zur Legitimation gezwungen, als Geh. expedireuder Secretair im Kriegsministerium entpuppte.

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