Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 126 (20.10.1838)
- Date
- 1838-10-20
- Page
- Seite 509 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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309 (er als die Zektungsredactoren. Denn Tausend gegen Eines, wenn einem Juden die Fenster eingeworfen worden, klingt die zerbrochene Scheibe von einem deutschen Gau zum andern, habt ihr aber etwas Erfreuliches für Juden zu melden, hat etwa ein Jude durch die Befreiung seiner Sklaven einer ganzen Insel ein leuchtendes Beispiel gegeben, so wird keine, keine deutsche Nedaction einen Laut darüber verlieren. Vae victisl 4. Da giebt es jetzt junge Leute, welche sich nicht entblöden, Männer, die den Geist der Geschichte belauschend und mit der Entwickelung des Juoenthums in seinen drittehalb Jahrtausenden vertraut und in ihr gestärkt, es verschmähen, schöne Tiraden wider seine wesentlichsten Institutionen zu werfen und den wohlfeilen Ruhm eines kühnen Umwälzers zu gewinnen, Männer, welche die geheimen Operationen und Proceffe des Geistes von dem marktschreierischen Treiben zu unterscheiden verstehen, und das Judenthum nicht blos in dem äußerlichen Gewände und etwanigem Flickwerk schauen, als solche zu bezeichnen, welche ,,es mit keiner Parthei verderben wollen, und ihre Meinung nicht offen zu sagen sich getrauten/' Ein Anderes ist es, sich heuchlerisch einer Parthei dienstbar machen, welche dem Geiste der Zeit, dem schönen Streben der Veredlung, der hohen Fortbildung des Judenthums mit Gewalt den Rücken kehrt, und blind gegen alle Zeichen der Zeit, das Vergängliche vom Unvergänglichen nicht -trennen will — ein Andres, mit allen seinen Kräften den unbeholfenen Evolutionen der ihrer selbst nicht bewußten Masse sich als Hebel unterlegen, seine Sorgen, seine Mühen, seines Lebens schönste Pulsschläge ihrem Heile weihen, und von diesem großen Standpunkte aus an kleine Hindernisse vergessen, kleine Resultate verschmähen, kleine Abweisungen ertragen, um Geist und Leben in den ganzen Geist und "as ganze Leben zu gießen. Ein jeder junge geistreiche, wahrhaftige Israelit kommet in seinem Leben an einen Moment, wo ec sich fragt: wem willst du folgen? Willst du Orthodoxer oder Reformer sein, oder vielmehr, was mußt du sein? Wohl dem, dessen Geist und Herz einen höheren Schwung nehmend, begreift, daß das Judenthum, dieses Gebilde, an dem schon drittehalb JVchrtausende arbeiten, nichts Abhängiges ist von den Fragen des Augenblicks, die nur die Außenseite berühren, sondern etwas in sich Einiges und sich Fortbewegendes mitten durch die Bewegungen der Gegenwart — wohl dem, der sich dann darauf (eget, dieses Einige zu fassen und zu erkennen, er wird gefördert werden durch alle Parteien, denn er sieht sich in den Mittelpunkt versetzt, er wird aber auch mit Verachtung hinabschauen auf die, welche von ihm sagen, er will es mit Keinem verderben. In seinem Herzen wird er sie aber Alle tragen, und seine Sorge werden Alle sein, selbst die thörichten Jünglinge, die ihn schmähen! Corresporrdenzeri, Auszüge, Repliken. Aus Baiern, August. (Schluß.) IV. Ueber das Verhaltniß der Rabbinen zu den Gemeinden. SDer, gewählte und von der Äreiöregi'erung bestätigte Rabbine kann nach der geseickichen Bestimmung des Edikts von 1813 ohne. Zustimmung der Kreisregierung nicht entlasten werden. Die Leitung d.v Gottesdienstes, so wie überhaupt die Leitung aller rein religiösen Angelegenheiten steht eivzig und allein dem Rabbine oder dessen Substituten zu. Bei dem Stängel einer ONrlirchenbehörde laßt eö sich leicht denken, daß in den verschiedenen Diplikten verschiedene Ansichten sich geltend machen und durchgeführt werden, da jeder einzelne R'abbuie in feinem Distrikte sich als Autokrat in religiösen Angelegenheiten betrachten kann. _ D'e geringen , unbedeutend scheinenden Differenzen, welche selbst bei den bei CultuSverbesserungen von gleichen Prmcipicn ausgehenden Männern sichtbar werden, wären, wenn sie nicht irorhrvendig in Localitätvverhälrniffen ihren Grund haben, gänzltch hinwcgzuwünsehen, weil wegen der verschiedenen 'Nuancen in den verschiedenen Distrikten die Veränderungen und Verbesserungen den Gemeinden alö beliehig erscheinen. So ist z. B. in 'Ansehung der abzuhaltenden Predigten eine merkliche, nicht lobeuSwenye Verfchiedenheir sichtbar. Viele der Neuzeit angehorenden Rabbinen halten, wenn nicht besondere Verhinderungsfälle ein treten, fast jeden Sailisiag erbauliche Vorträge, wahrend andere nur alle vier 2Lochen predigen. Viele bedienen sich auf der Kanzel, wie cS sich wol geziemt, nicht der schriftlichen Vorträge, wie ein Polizeidiener die Befehle feiner Obern, vom Papier ablcscn. Dadurch wird aber die Predigt noch lange nicht den gebührenden Rang im jüdischen Gottesdienste einnehmen, weil eben die herrschende Unregelmaßigkett in Abhaltung derselben sie nicht alö wesentlich und nothwendig in den Augen der Geineinde erscheinen laßt und der verwerflichen Neigung der Jehrden, die in der Predigt nicht viel mehr alö angenehme Unterhaltung suchen und finden will, vielfachen Vorschub leistet. Daö Verhältinß der Rabbinen zu den Gemeinden gestaltet sich mehr oder minder erfreulich, je nachdem jene in genannter Beziehung den Wünschen dieser entsprechen. In andern snnagogalen Einrichtungen und Verbesserungen herrscht schon mehr Harmonie und Gleichheit. Allenthalben wird auf Ordnung und Anstand in der Smiagoge gedrungen; in vielen Landgemeinden, wo noch vor wenigen Jahren ein wildeö Geschrei die Synagoge erfüllte, ertönen je^t wohlgeordnete Chöre; Confirmarionen werden regelmäßig abgchalten, Leichenordnungen entworfen iint> gehandhabr, überhaupt zur Nealisirung der Zettbedürfnisse kräftig Hand angelegt. Man muß aber auch erwähnen, daß die baierifcben Israeliten, wenigstens in mehren Kreisen, der Reform nicht abhold sind, wenn diese sich in bchimntten Kreisen bewegt und nicht jugendlich brausend und arrogant sich an kündigt. So haben schon viele Gemeinden, selbst gegen den Willen ihres orthodoxen Rabbi-