Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1881)
- Date
- 1881-10-25
- Page
- Seite 716 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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716 Rußland. Petersburg, 6. Oktober. Bekanntlich hat sich neulich den: russischen Minister des Innern Gras Jgnatieff, eine aus mehreren angesehenen russischen Juden bestehende Deputation vorgestellt und sich für die gegenwärtig in Rußland so bedrängten und verfolgten jüdischen Unterthanen des Kaisers Alexanders III. verwendet. Daraufhin meldeten einige russische Blätter und auch die Wiener „Politische Korrespondenz", daß Graf Jgnatieff die jüdischen Deputirten auf das freundlichste empfangen, dieselben wahre russische Staatsbürger geheißen und ihnen versprochen hätte, daß die russische Regierung die Judenfrage bald zur allgemeinen Zufriedenheit auf Grund des Rechtes und der Humanität lösen werde. Diese ganze Mitthcilung über die Art und Weise des Empfanges der jüdischen Deputirten durch den Grafen Jgnatieff erklärt nun ein dem letzteren nahestehender Petersburger Korrespondent des „Xouorossffslcij Del^rat' („Neurussischer Telegraph") für total erfunden, indem Graf Jgnatieff der jüdischen Deputation wörtlich erwidert habe, daß es „vollkommen zweck- und nutzlos sei, an ihn (Jgnatieff) und den K aiser Alexander Deputationen zu entsenden, da die russische Regierung ohne besondere Vermittelung im Stande sein werde, die jüdische Frage im Interesse des ganzen Staates und nicht einer besonderen Nation zu lösen, und dann, daß die Entsendung einer besonderen Deputation von Seite der Juden in Rußland geradezu ungesetzlich sei, da letztere keinen besonderen Stand bilden und daher unbestimmt von wem gewählte Deputationen: nicht entsenden dürfen." „Falls die Juden in Rußland wirklich irgend welche Leiden haben," bemerkte der russische Minister der jüdischen Deputation zum Schluffe wörtlich, „io mögen sie, die Juden, das durch gesetzlich eingesetzte Organe und nicht auf willkürlichen Wegen zur Kennt niß der Regierung bringen." Tie Deputation, welche auf eine so schroffe Antwort von Seite des geschmeidigen Grafen gar nicht gefaßt war, stand wie vom Blitze getroffen ganz verblüfft da und wußte anfangs gar nicht, was weiter zu reden. Graf Jgnatieff benutzte aber diesen Moment der Rathlosigkeit der jüdischen Deputation, um sich derselben rasch zu empfehlen und ebenso rasch in einer Seitenthür zu verschwinden. »Dies ist sehr erklärlich, weil die Juden 8 Millionen durchaus wehrloser Menschen sind. Tie jüdischen Finanziers fragen danach nicht.» Petersburg, 7. Okt. Am 26. v. M. wurden, wie der „Kijewlianin" schreibt, die Bürger der kleinrussischen Kreisstadt Perejaflaw im Gouvernement Poltawa zum Bürgermeister berufen. Tort wurde ihnen mitgetheilt, daß der Gouverneur den Beschluß der Bürger vom U Juli d. I.. daß die Inden aus Perejaflaw behördlich auSgeiviesen werden mögen, zurückgewiesen habe und die Bürger aufmersam machen lasse, es würden solche Beschlüsse künftig als Aufruhr betrachtet und bestraft werden. Die Folge dieser behördlichen Kundmachung war, daß etwa 40 Personen einen neuen Cravall in den Gaffen von Perejaflaw provocirteu und sehr vielen Juden die Fensterscheiben einschlugen. Erst eine Abtheilung Militär zerstreute die Menge und heute wird jeder jüdische Laden von je zwei Soldaten bewacht. Die Erbitterung der Bürger ist sehr groß. Rumänien. Bukarest, im Okt. Der erste jüdische Bürgermeister in Rumänien ist vor Kurzem gewählt und von der Regierung dessen Wahl bestätigt worden. Der Name des Bürgermeisters ist Josef Teiler, der des Wahlortes Moenesti bei Bacau in der Moldau, wo Teiler Besitzer eines großen Gutes ist. Bonn, 17 Okt. (Notizen.) Am 7. d. starb zu Manchester im 72. Lebensjahre der bis 1876 in Schwerin (Mecklenb.) wirksam gewesene und rühmlichst bekannte Advokat ür. L. Marcus. Wir haben, als er sich aus Schwerin zu seinen Töchtern in England begab, im Jahrg. 1876. S. 682 ff. ausführlich die Verdienste Marcus' und die ihm damals gewordene Anerkennung geschildert, und verweisen deshalb darauf. — Am 11. Oktober wurde zu Wien auf dem jüdischen Friedhöfe ein ausgezeichneter Journalist, Julias Hirsch, bestattet, der einen ganz vorzüglichen Ruf mit iu's Grab nimmt. Zeugniß legte die lange Reihe bedeutender Männer ab, die den Verstorbenen zur letzten Ruhestätte geleiteten. Denn er hatte seine vorzüglichen Geistesgaben benutzt, uiu vielfaches Gutes und Edles zu stiften. An seinem Grabe sprachen Rabb. 1>r. Güdemann, der Viee-Präs. Lecher und der Chefredacteur der „Presse" A. Nassau. Wir kommen noch einmal darauf zurück. — An der Thür der Synagoge in Nizniow und an den Mauern dieses zumeist von orthodoxen Juden bewohnten Ortes ließ der dortige Gemeindevorstand Baruch Zahler- Plakate des Inhalts anschlagen, daß über Moses Lebzelter, einen in Nizniow ansässigen Handelsmann, „der große Bann" verhängt sei. „Es wird daher" — so hieß eS in dem bezüglichen Plakate— „ Jedermann gewarnt, mit MoseS Lebzelter in Verkehr zu treten, so lange, bis derselbe au den Bettelstab gebracht sein werde." Die Folgen dieses Plakates waren für Lebzelter äußerst nachtheilige. Er wurde auf der Straße fortan von Jedermann gemieden, Niemand wollte mehr ein Geschäft mit ihm machen, die eigenen Brüder wendeten sich von ihm ab, den Tempel durfte er nicht mehr betreten, und selbst die Vornahme jener Zeremonie, durch welche sein neugeborenes Kind in den Verband des Judenthums ausgenommen werden sollte, wurde verweigert. Lebzelter wendete sich an das Strafgericht und gab an, er habe