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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-10-25 · Heft 43 (25.10.1881) · p. Seite 715

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 43 (25.10.1881)
Date
1881-10-25
Page
Seite 715 (sequence 11)
Language
German
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715 schreiten Anlaß hatte, als sich unter den Emigranten zahlreiche galizische Juden, hierunter auch Militärstellungspslichtige befanden. Die Behörde hat in den von ihr gegen diese gesetzwidrigen Vorgänge ergriffenen Maßregeln ihren ttoinpetenzkreis in keiner Weise überschritten und blos die ihr gesetzlich zu Gebote stehenden Mittel zur Anwendung gebracht. Aus Ungarn, inr Oktober. Wie man in Ungarn Antisemitismus zu treiben sucht, zeigt folgende Mittheilung. Aus Kapvsvär wird dem „Függ." geschrieben, eine antisemitische Gesellschaft, die in den Komitaten Zala, Somogy und Beßprim Geld gesammelt, habe in den dortigen Buchdruckereien angefragt, ob und unter welchen Bedingungen dieselben geneigt wären, antisemitische Schriften auf Packpapier zu drucken. Dieses Papier würde an Lebzeltncr, Hausirer und Greisler unentgeltlich verschickt werden, damit diese ihre Waarcn dareinpacken und die Schriften so den Märktebesuchern in die Hände schmuggeln sollen. Aus Ungarn, im Oktober. Die Untersuchung in Pnßt,'» ist nun Ende geführt, und die Akten dem Bicegespan- Amte übermittelt worden. Allerdings fanden zwischen den jüdischen und christlichen Zeugen nicht immer Uebereinstimmung statt. — Gegenwärtig herrscht in Paßto vollkommene Ruhe. Die Veranstalter der Hetze sind bereits vollkommen ernüchtert und Adorjan Platthy, einen übrigens sehr intelligenten Menschen, verdrießt jetzt die Sache am meisten. Auch der Poßtaer Stuhlrichter Ladislaus Horvath, dessen Unterlassungen die Ursache der Unruhen waren, beginnt zum Gefühl seiner Pflichten zu erwachen. Jüngst ließ er die Zigeuner zu sich zitiren und verbot ihnen, bei strengster Strafe das „Hepp-Hepp" zu spielen. Ter wackere katholische Pfarrer Josef Hovan hat in seiner jüngsten Sonntagspredigt die Gläubigen in beredten Worten zur Eintracht und Toleranz gegen die Juden gemahnt, da dies der christlichen Religion am besten entspreche. Bielitz, (Mähren) 4. Oktober. (Privatmitth.) Auch hier wurde am 21. September eine schöne Synagoge eingeweiht, welche 40t) Männer- und ebenso viele Frauensitze enthält und circa 80,000 fl. gekostet hat. Sie ist im byzantinischen Styl erbaut und wie die hiesigen Blätter es aussprechen, eine monumentale Zierde der Stadt. Hervorzuheben an dieser Stelle ist die Theilnahme, welche die Einweihung bei der christlicheu Bevölkerung fand, und die in der Jctz-;cit nicht zu unterschätzen ist. An dem festlichen Zuge nach der neuen Synagoge nahmen der Bürgermeister von Biala, Superintendent Schneider, der Reichstagsabgeordnete Senior I>r. Haase, Pastor Schur, Pfarrer Danel, das Presbyterium der evangelischen Gemeinden von Bielitz und Biala, die Behörden aller Aemter, sämmtliche Lehrkörper u. s. w. Theil. Bor der Eröffnung des Portals erschien auch der Landespräsident Freiherr von Summer aus Troppau. Auf die Ansprache des Kultuspräses Adolph Brüll antwortete der Herr Landespräsident, daß er der Einladung zu der Feier des neuen Gotteshauses gern gefolgt, um an derselben theilzunehmen. Die israelitische Gemeinde habe durch den schönen Bau ihren Gemeinsinn neuerlich in erhebender Weise zur Ehre Gottes bethätigt, wozu er sie aus vollem Herzen beglückwünsche. Herr Landespräsident hob noch in warmen Worten den Bürgersinn hervor, der die Israeliten der Stadt Bielitz sowohl in ihrem Berhältniffe zur Commune, als auch zum Staate stets beseele. Die Rede Sr. Exzellenz machte auf die Zuhörer einen sichtlich liefen Eindruck. Der Herr Bürgermeister Dr. Winkler antwortete darauf: „Hochgeehrter Cultus-Vorstand! Der heutige Tag bildet gleich der ursprünglichen Bedeutung des Wortes „Tempel" vom lateinischen tt-mplnm — einen Abschnitt; und zwar einen Abschnitt, den ich wohl als den bedeutungsvollsten in der Geschichte der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde bezeichnen darf. Tie israelitische Cultusgemeinde hat mit dem; heutigen Tage nicht nur einen prächtigen monumentalen Bau vollendet, sie hat zugleich — und das ist es, was dieselbe wohl am meisten ehrt, ein glänzendes Zeugniß ihres, trotz des materiellen Zeitgeistes, immer mehr und mehr erstarkten begeisterten religiösen Gefühles geliefert und einen wahrhaft bewunderungswürdigen Gemeinsinn an den Tag gelegt. Der neue Bereinigungsspunkt ihrer Religionsübung bildet aber nicht nur ein dauerndes Wahrzeichen ihrer religiösen Begeisterung, ihres einträchtigen, keine Opfer scheuenden, Zusammenwirkens, er constatirt zugleich auch die erfreuliche Tharsache, aus welche ich als Bertreter dieser Stadt mit besonderem Stolze Hinweisen will, die Thatsache nämlich, daß hier in Bielitz die wahre Stätte für religiöse Aufklärung und confessionellen Frieden vorhanden ist und daß hier nur in einem Punkte Intoleranz herrscht, im Punkte der Intoleranz selbst. An diese Thatsache ankuüpfend, gebe ich nun dem hochgeehrten Cultusvorstande die ebenso ernste als feierliche Erklärung ab, daß die Stadtgemeinde die an sie gestellte Bitte treu und redlich erfüllen und das ihr anvertraute Gut, wie ihr eigenes, hüten und beschützen wird. Zum Schluffe lassen sie aber auch mich noch sprechen: „Gottessegen ruhe fortan und immerdar auf diesem, den heiligsten menschlichen Gefühlen, geweihten Orte'." Der Glanzpunkt der Feier war die Festpredigt des Rabb. Dr. Lesscr, von welcher das hiesige Wochenblatt sagt: „Der echt humane und wahrhaft religiöse Geist der formvollendeten, groß angelegten, geistreichen Rede hatte einen tiefergreifenden Eindruck aus die Versammlung gemacht, ivelche andächtig den Worten des begeisterten, von seiner Aufgabe ganz erfüllten Redners lauschte. 43*

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