Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1881)
- Date
- 1881-10-25
- Page
- Seite 712 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227383--39367-3308673- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
712 die in ihren Wahlreden den Antisemitismus anklingen und denselben mit Reserve als ihren Standpunkt bekennen. Mit einem Worte, gerade in den Vorbereitungen zu den Reichstagswahlen ist die Judenhetze eher verstummt, und dies ist sicherlich ein günstiges Zeichen. Allerdings trägt hierzu die Fülle der großen Fragen bei, welche gegenwärtig die politische Welt Deutschlands in Aufregung erhält und zu sehr beschäftigt, um die „Judenfrage" in den Vordergrund zu stellen. Dies darf unS jedoch nicht glauben machen, daß die Conservativen ihre Absichten gegen uns aufgegeben haben. Es erscheint ihnen nur nicht opportun, damit Lärm zu machen, um sich nicht unnöthiger Weise noch Gegner in denen zu schaffen, welche diese Art von Reaktion mißbilligen sollten. Wo sie das letztere nicht voraussetzen, treten sie mit ihren antisemitischen Plänen hervor. So sprach in diesen Tagen in einer Wählerversammluug des 3. Berliner Wahlkreises Julius Schulze, den das conservative Central-Comit6 als Candidaten ausgestellt hat, sich dahin aus, daß er ganz auf dem Standpunkte der antisemitischen Petition stehe und für dieselbe eintreten und wirken werde. Julius Schulze war früher Radikaler, dann Liberaler, jetzt Conservativer und Hülfsarbeiter im Ministerium des Auswärtigen. Düsseldorf, 10. Oktober. Gerechte Strafe erhielt dieser Tage der Schreinergeselle Paul Jserath vom Schöffengerichte zu Ratingen. Derselbe hatte auf dem jüdischen Kirchhofe zu Ratingen Grabmonumente zertrümmert und wurde dafür zu einem Jahr Gefängniß verurtheilt. Stolp, 10. Oktober. Die Bestrafungen von Personen, welche sich in mehr oder weniger hervorragender Weise an den am 1., 2. und 3. September in Stolp stattgehabten antisemitischen Ausschreitungen betheiligt haben, scheinen noch nicht ihr Ende erreicht zu haben. Gestern verhandelte daselbst wieder das Schöffengericht gegen einen Angeklagten, den Schneidermeister Albert Saack aus Stolp, beschuldigt des Widerstandes gegen die Staatsgewalt am Abend des 3. September (nämlich gegen den Bürgermeister Stößel und den Polizei-Jnspector Broock in Ausübung ihres Amtes), und der öffentlichen, durch Worte geschehenen Beleidigung des Bürgermeisters Stößel. Das Strafmaß wurde auf zwei Monate Gefängniß für beide Vergehen bemessen, daneben aber ein Monat Untersuchungshaft in Anrechnung gebracht. Danzig, 10. Oktober. In der hier am Freitag abgehaltenen Versammlung der Conservativen forderte Herr Prediger v. Engelke die Tanziger Zeitung auf, zu widerrufen, daß Herr Divisionsprediger Köhler Judenhetze betreibe, und das binnen 14 Tagen, widrigenfalls sie als Lügenblatt erklärt werden müsse. Hierauf entwickelte Herr Tivisionspredigec Köhler das Programm der Conservativen, zu dem sich der Candidat Herr v. Puttkamer-Plauth bekenne. Er verlangt die confessionelle Schule; darum fort mit den jüdischen Lehrern aus der Schule, aber auch fort mit den jüdischen Richtern, daß nicht der Eid verflacht werde. (Das nennen diese Leute keine „Judenhetze", wenn sie V-, Million Mitbürger ihrer staatsbürgerlichen Rechte berauben wollen!) O esterreich-Ungarn. Wien, 16. Okt. (Privatmitth.) Wie alljährlich in der letzten Zeit wuchsen auch Heuer bei Gelegenheit der hohen Festtage die Filialbethäuser aus der Erde heraus. Da und dort kam es zu recht unangenehmen Auftritten; es wird daher von verschiedenen Seiten der Wunsch geäußert, daß der Vorstand der Gemeinde neue Bethäuser erbaue. Wie wir glauben, wird dieser Wunsch nicht befriedigt werden, weil er nicht befriedigt werden kann. Die Seelenzahl der Juden beträgt jetzt hier 72,000, und es ist unmöglich, in genügender Zahl Synagogen für dieselben zu beschaffen, da die Geldmittel dazu fehlen. Ueberdies reichen die vorhandenen Synagogen sonst im Laufe des Jahres aus, und könnten die neuerbauten außer der hohen Festzeit geradezu geschloffen bleiben. Was geschehen könnte oder eigentlich müßte, ist daß der Vorstand diese Angelegenheit nicht der Privatspe» culation, die oft mit verdächtigen Mitteln arbeitet, überlasse, sondern sie selbst in die Hand nehme und so in würdiger Weise für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse während dieser Festzeit sorge. In diesem Falle hat der Vorstand nicht einmal ein materielles Opfer zu bringen. Am 13. Dezbr. feiern die Protestanten in Oesterreich das hundertjährige Jubiläum des Toleranzpatentes. Eigenthümlich genug giebt es im Kaiserslaate jüdische Gemeinden, welche diesen Tag festlich begehen wollen, in der Meinung, daß auch das Toleranzpatent Joseph's II. für die Juden vom obigen Tage datirt, was jedoch unrichtig ist. Letzteres trägt das Datum vom 2. Januar 1782. Vielleicht interessirt es die Leser, wenn ich die Statistik der jüdischen Schüler und Schülerinnen der Volks- und Bürgerschulen, welche im verflossenen Schuljahre 1880/81 (hier beginnt nämlich das Schuljahr am 16. September) öffentlich den Religionsunterricht genossen, mittheile. Nach Bezirken eingetheilt, habe ich folgende Zahlen zu verzeichnen: I. 202 Knaben, 442 Mädchen; II. 1951 Knaben, 2485 Mädchen; III. 258 Knaben, 300 Mädchen; IV. und V. 258 Knaben, 281 Mädchen; VI. und VII. 281 Knaben, 267 Mädchen; VIII. 135 Knaben, 143 Mädchen; IX. 205 Knaben, 301 Mädchen; X. 73 Knaben, 02 Mädchen. In Summa 3423 Knaben, 4315 Mädchen. Dabei muß noch hervorgehoben werden, daß zahlreiche Schüler und Schülerinnen privatim den Religionsunterricht erhalten. Wien, im Okt. Hiesige Blätter schreiben: Viele Juden in den czechischen Städten und Landbezirken haben bekannt-