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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-10-25 · Heft 43 (25.10.1881) · p. Seite 711

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 43 (25.10.1881)
Date
1881-10-25
Page
Seite 711 (sequence 7)
Language
German
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711 Lediglich eine Ausnutzung zu reaktionären Zwecken. (Zustimmung.) Ein Volk, wie das jüdische, welches seit 2000 Jahren in seiner Natioualiät zerschlagen und unter die Völker zerstreut ist, dessen Angehörige nichts gemeinsam haben als die Religion, während sie im klebrigen Bürger der verschiedenartigsten Völker sind, ein solches Volk als einen Abseeß der Völker hinzustellen, ist ein schweres Unrecht, über' welches die Geschichte ein hartes Urtheil fällen wird. Wenn mau unsere jüdischen Mitbürger Orientalen nennt, so könnte mau uns mit gleichem Rechte als Asiaten bezeichnen. Unsere jüdischen Mitbürger, die seit Jahrhunderten mit uns ver- | wachsen, die mit uns an der Mutterbrust des deutschen i Vaterlandes gelegen, die im deutschen Geiste erzogen sind, j die ihre Pflichten gegen das Vaterland erfüllen wie wir, die! ihr Blut mit uns für daffelbe vergossen haben, sollen nun! gar blos Gäste bei uns sein! Komme man damit anderen! Leuten, nicht uns. Ueberhaupt giebt es kein Culturvolk, dessen j Bürger alle von einer Abstammung wären, und diese Misch-! ung ist ein Segen für die Culturvölker. Die antisemitischen Hetzer, denen es übrigens wohl schwerlich gelingen möchte, ihre Abstammung von den alten Germanen in den deutschen Wäldern nachzuweisen, wollen das freilich nicht wahr haben. Uebrigens steht fest, daß es schon lange vor Einführung des Christenthums jüdische Gemeinden in Europa gegeben hat." Die Versammlung gab dem Redner ihre Zustimmung zu erkennen, und in der Discussion trat kein einziger Opponent auf. — In Weißensee, im Niederbarnimer Kreise, wo der bisherige Abgeordnete Dr. Mendel am 7. d. einen Vortrag halten wollte, waren von den Antisemiten alle möglichen Mittel angewendet worden, um die liberalen Wähler ihrem bisherigen Abgeordneten abspenstig zu machen. Karrikaturen und Placate schwirrten in Menge durch die Luft. Henrici hielt eine Rede, und einige junge Anhänger desselben suchten die Wählerversammlung zu stören. Es gelang ihnen jedoch nicht und die große Majorität der Versammelten gab für Dr. Mendel ihre Stimme ab. — Wir haben immer behauptet, daß hinter dem Berliner eigentlichen Antisemitismus wenig Kern stecke und die Mittheilungen der liberalen Blätter erst dem antisemitischen Schund Verbreitung schaffen. Als ein Beweis hierfür kann angeführt werden, daß das Blatt des Dr. Henriei, der „Reichsherold", soeben eingegangen ist. Berlin, 12. Oktober. Wie weit der Fanatismus der Antisemiten geht, davon ein Beispiel. In der Nacht zum Freitag ist der Juwelier Kölzsch, Schloßsreiheit 4, in der Scharrnstraße von einem Nachtwächter dabei ertappt worden, als er antisemitische Carricature» und Schmähschriften an den Laden der Tapetenfabrikanten B. Burchardt und Söhne klebte. Der Wächter bewirkte sofort die Festnahme des Kölzsch, der auf dem unfreiwilligen Wege nach der Revierwache seine Lage noch insofern verschlimmerte, als er für seine Freilassung dem Beamten ein Goldstück anbot. Bei seiner Durchsuchung auf der Polizeiwache fand man in seinem Besitz noch ein Packet mit bereits gummirten Schmähblättern. Seitens des Reviervorstandes ist die Anzeige von dem Vorfall an die Staatsanwaltschaft bereits erfolgt. — Wie uns mitgetheilt wird, hat das hiesige (antisemitisch-) eonservative Wahlcomitä, resp. haben die Arrangeure der am 18. d. M. abzuhallenden antisemitischen Festlichkeiten an das Hofmarschallamt des Kronprinzen ein Gesuch gerichtet, daß ihnen gestattet werden möge, an diesem Tage, bekanntlich dem Geburtstage des Kronprinzen, das Palais desselben zu bekränzen und am Abend des 18. dem Kronprinzen einen Fackelzug darzubringen. Wie wir ferner hören, hat das Hofmarschallamt im Aufträge des Kronprinzen dieses Gesuch, das eine tendenziöse Ausbeutung des kronprinzlichen Geburtstages bezweckt, ablehnend beschieden. — Am Montag fand eine Wählerversammlung in Reinickendorf statt, in welcher Herr Dr. Mendel einen Vortrag hielt. Bereits während der Rede desselben hatte eine Anzahl (10 —15) Leute, die, wie sich später herausstellte, gar nicht Wähler des Nieder - Barnimer Kreises, sondern aus Berlin waren, durch allerhand antisemitische Zwischenrufe, durch Hochs auf Bismarck re. gestört. Als die Versammlung aber im Begriff war, dieselben zu entfernen, erschien Dr. Henriei und wurde unter dessen Anführung der Skandal noch weit größer. Selbstverständlich war es auf Sprengung der Versammlung abgesehen. Doch die Anwesenden machten kurzen Prozeß und geleiteten Dr. Henrici und Genossen vor die Thür. Dann nahm die Versammlung ihren ruhigen weiteren Verlauf und schloß mit einem donnernden Hoch auf den bisherigen Abgeordneten. Berlin, 14. Oktober. (Privatmitth.) Mit großer Befriedigung müssen wir bemerken, daß die Befürchtung, der Antisemitismus würde bei den bevorstehenden Wahlen eine bedeutende Rolle spielen und sich daher gerade jetzt in seinem ganzen Flor zeigen, nicht in Erfüllung gegangen. Umgekehrt sehen diejenigen Führer der judenfeindlichen Partei, welche vermittels ihrer Agitation einen Reichstagssitz zu gewinnen beabsichtigten, daß sie sich in der vermeintlichen Stärke des Antisemitismus sehr getäuscht haben und daß sie durch diesen ihr Ziel nicht erreichen. Henrici und Ruppel sind bereits geiallen, Stöcker und v. Liebermann stehen noch als Candidateu da, jedoch ohne große Aussichten, was die Berliner Wahlkreise betrifft. Ob Stöcker mit einer seiner übrigen Candidaturen durchdriugt, kann man noch nicht wissen. Wer die Reden der antiliberalen Candidaten im übrigen Deutschland durchmustert, wird mit Freuden bemerken, daß es nur einige Heißsporne der Conservativen sind,

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