Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1881)
- Date
- 1881-10-18
- Page
- Seite 699 (sequence 15)
- Language
- German
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daraus erklärt sich, daß der Jordan fast die Schnelligkeit eines Stromes besitzt. Er scheint sich nach dem todtcn Meere Äii stürzen, als wenn er sich beeilte, sich von seinem schnellen Lause in der Todtenstille auszuruhcn, welche dort überall herrscht. Um den Strom ist die Vegetation kurz, aber merkwürdig kräftig; den Bäumen fehlt die Höhe, aber sie sind mit Zweigen und Blättern überladen; sic bilden undurchdringliches Gestrüpp, das zahllosen Bögcln zur Zuflucht dient, deren glänzendes Gefieder und köstliche Gesänge den Reiz der Landschaft noch vermehren. Unglücklicherweise sind die Mücken noch zahlreicher als die Vögel; man wird buchstäblich aufgegessen, besonders wenn man, wie dies gewöhnlich geschieht, am User des Jordans frühstückt. Ter Rauch der Cigaretten entfernt sie etwas; aber sie kommen unaufhörlich wieder, und es ist fast eine Strafe, sie fort während mit der Hand zu verjagen. Seit lange hatte ich keine Schmetterlinge gesehen; in mitten aller Blumen Judäas war ich keinen begegnet; am Ufer des Jordans fand ich sie zum ersten Male auf meiner Reise durch Syrien. Sie setzten sich ans die Zweige der Bäume, während kleine Bögelchen und Schwalben die Luft mit ihren Flügeln durchschnitten. Binsen und Tamarisken standen an beiden Ufern des Flusses; durch die Blätter ging stets dicht neben mir ein Zittern. Ich hatte zum Gehen einen sehr warmen Morgen gehabt, besonders in der Nähe des tobten Meeres, dessen glatte Oberfläche die Hitze so gut wie das Licht zurückstrahlte. Aber eine leichte Brise erhob sich dem Jordan entlang, und indem sie mich erfrischte, rief sie auch das angenehme Rauschen in den Bäumen hervor, das ich ebenfalls seit vielen Monaten nicht gehört hatte. In Aegypten fehlt der Wind nicht; aber er spielt nur mit den Palmen, deren fast metallische Blätter einen scharfen Ton geben, der sehr von dem köstlichen Murmeln des europäischen l Laubes verschieden ist. Ter Jordan hat keinerlei Aehnlichkeit mit dem Nil. Tiefer ist ein Fluß von heiterer Maje- . stät, der andere eine Art Strom, der an die französischen Flüsse erinnert, wenn ein Sturm ihre Gewässer angeschwellt! und geschwärzt hat. Aber ich war weit entfernt vom Nil, und nur meine Gedanken konnten mich dorthin versetzen; nun, selbst die köstlichsten Träume haben ein Ende. Ter Tag rückte vorwärts; ich mußte scheiden. Die Entfernung vom Jordan bis Jericho ist nicht beträchtlich; in zwei Stunden ungefähr hat man sic zurückgclegt. Ich glaube nicht, daß es in ganz Palästina eine reichere Gegend giebt als die von Jericho: man begreift leicht, wie das Manna im Augenblicke, wo die Hebräer diese schöne Safe erreichten, aushörte zu fallen; sie hatten es nicht mehr nöthig; sie befanden sich in einem der fruchtbarsten Länder der Welt. Drei Quellen und ein ziemlich großer Fluß fließen durch das Thal, wo sie eine Frische verbreiten, welche das sengende Klima von der Umgegend des todten Meeres mäßigt. Ich mar in Jericho in einem russischen Hospital von untadelhaster Sauberkeit abgestiegen, dessen Zimmer mit allem Comfort ausgestattet sind, den man sich nur wünschen kann. Um die Gärten herum liegt ein Garten, wie man ihn in Europa nicht sieht, voll blühender Citronenbäume, gigantischer Oliven, enormer Kirschbäume und Reben, voll Sträuchcrn und Pflanzen aller Art. Ter Garten ist erst vor Kurzem angelegt worden; aber die Bäume, die erst zwei oder drei Jahre alt sind, erreichen in Jericho die Hohe und Entivickelung, wie sie diese in Europa nicht nach zwanzig Jahren haben würden. Die Hafer- und Getreidefelder sind so dicht, so kräftig, daß, wenn man zu Pferde durchreitet, die Halrne bis zum Gürtel reichen. Unglücklicherweise wachsen die Dornen ebenso mächtig wie das Getreide in dieser Ebene von Jericho, die für das Schädliche nicht minder fruchtbar ist ivie für das Gute, dem Baterlande von Rahab und so vieler anderer Helden und Heldinnen in so verschiedenen Arten. Man muß sie unaufhörlich ausrotten, aber trotz der größten Anstrengungen gewinnen sie doch unaufhörlich an Boden. In Jericho ist kein Denkmal ans der Bergangenheit stehen geblieben, nur ein alter Thurm in Ruinen, der einigen Zap ties zur Kaserne dient. Diese berühmte Stadt ist heute das elendeste arabische Tors; ehemals hieß sie die Stadt der Palmen, und ihr Reichthum war sprüchwvrtlich; heute könnte man keine einzige Palme darin finden, und das darin herrschende Elend ist schrecklich. Und doch bedürfte es nur Weniges, um der Erde ihre ehemalige Ucppigkeit wieder zu geben: einige Bewässerungsarbeiten würden schon möglich machen, Reis, Safran,. Zuckerrohr, Indigo, Maulbeerbäume, Flachs, Hans, alle Blumen und Früchte zu ziehen. Leider würde es nicht genügen, reichliche Ernten dort zu erzielen; man müßte auch diese Ernten gegen die Beduinen der Umgegend vertheidigen, die fortwährend Razzias halten in einer Gegend, die ihren Uebcrfällcn weit offen steht. Obgleich die Bewohner Jerichos einen sehr kleinen Theil ihres Territoriums besäen, obgleich sie sich damit begnügen, etwas Gerste, Turo und Hafer zu ernten, müssen sie doch stets bewaffnet sein, um den Dieben die mageren Ernten zu ■ entreißen. Man sicht sie des Abends sich auf ihre Felder begeben, die Pistolen im Gürtel, die Keule in der Hand, um; die 'Nacht aufzupassen und sowohl die Beduinen wie die Thiere fern zu halten. Die Gesichter und die Erscheinung dieser Ernten-Wächter babcn nichts Beruhigendes, aber ne; sind lehr malerisch zu der Stunde, wo die fortschreitende - Dunkelheit ihre auffallende Originalität hervortreten läßt. . Es war mir bestimmt, an demselben Tage noch eine Reihe schöner Anblicke zu genießen. Der Sonnenuntergang in Jericho hat mir eine bleibende Erinnerung zurückgelassen. Ich hatte mich am Ausgange der Gärten des russischen