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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-10-18 · Heft 42 (18.10.1881) · p. Seite 698

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 42 (18.10.1881)
Date
1881-10-18
Page
Seite 698 (sequence 14)
Language
German
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698 in den großen Haufen von Kieselsteinen zu werfen, welche die ewigen Gebete darstcllen sollen. Wenn man die letzten Ausläufer der Berge Judäas überschritten hat und sich einen Augenblick nach ihnen umwcndet, so thut die weißliche Dede dieser traurigen Bergkette den Augen weh. „Sie bilden", sagte Chateaubriand, „große Hausen von Kreide und Sand, welche die Form von Wassenbündeln. ausgebrciteten Fahnen oder von Zelten eines Lagers am Rande einer Ebene bilden." Der Bergleich ist richtig, aber unter der Bedingung, wenn man hinzusügt, daß es ein Lager von Riesen ist. Das Thal des Jordans und das todtc Meer liegen zwischen der Bergkette von Judäa und den Bergen Arabiens, die aur -er anderen Seite parallel laufen; was diese letzteren betrifft, so fehlt der Beschreibung Chateaubriand's vollständig die Genauigkeit. ..Dies find," sagt er, „schwarze Felsen, die weithin ihren Schatten über die Gewässer des todtcn Meeres breiten. Der kleinste Bogel des Himmels fände in diesen Felsen keinen Grashalm, um sich zu nähren; Alles darin zeigt das Vaterland eines verworfenen Volkes: Alles darin scheint den Abscheu und die Berderbniß zu athmen, aus denen Ammon und Moab hervorgingen." Die Phrase ist schön, aber nicht richtig. Tie Berge von Moab und Ammon sind weit entkernt, diesen düsteren und schrecklichen Anblick zu bieten. Als ich sic von Jerusalem aus erblickte, wo sie gewissermaßen der Stadt zum Hintergründe dienen, von dem sie sich abzuhebcn scheint, war ich von der reizenden blauen Färbung entzückt, von der sie stets umhüllt sind. Sie werfen keinen Schatten auf das tobte Meer, das tobte Meer wirst auf sic blaue Reslere zurück, die wunderbar gezeichnet und nüancirt sind; Chateaubriand beschuldigt sie ungerechter Weise, den Vögeln des Himmels ungastfreundlich zu fein. Ihre Abhänge schließen . Thäler von einer wunderbaren Fruchtbarkeit ein, wo alle Getreide reisen, wo alle Früchte gedeihen. Im Allgemeinen übertreiben die Reisenden die Ocde des tobten Meeres sehr: i es ist wirklich nur in deren Beschreibungen so düster. Ge-! wiß, die User sind weithin unbebaut. Bon Jericho bis zum : todtcn Meere, das heißt innerhalb eines Raumes, den man zwei Stunden zu Pferde zurücklegt, ist das Land durchaus nackt, weiß, ausgehöhlt. Ich glaubte dort Fata Morgana zu erblicken, wie in der wirklichen Wüste; eine Vegetation von grauen Sträuchern, mit Schwefel bedeckt, ist zu mager, um die allgemeine Färbung eines bleichen und von der Sonne verbrannten Landes zu verändern. "Aber wenn dieser Theil des Thales des tobten Meeres bis zum Jordan seinen bösen Namen verdient, so wird das todtc Meer selbst doch verleumdet. Es ist ein blendender See, dessen Gewässer zu schwer sind, als daß der Wind sie bewegen könnte: es zeigt eine glatte, ruhige, unbewegliche Dbcrsläche. die wie ein Spiegel das Blau des Himmels zurückstrablt. Es ist todt durch die Abwesenheit der Bewegung; es ist lebendig durch seine glänzende Farve und durch die Schönheit seiner Eontourcn von bewunderungswürdiger Biegsamkeit, Fülle und Grazie. Man hat cs mit einem versteinerten Meere verglichen. In der That fallen die Wellen schwer und weich auf den Kieselgrund, ohne mit den Steinen zu spielen, ohne ein Geräusch hervorzubringen. Ihre Bewegung ist nicht zu unterscheiden, kaum eine leichte Wellenbildung. Jedermann weiß, daß sein Wasser einen abscheulichen Geschmack hat und daß es so dick ist, daß fast alle Gegenstände darauf schwimmen, ohne unterzutauchen. Der Jordan führt Bäume und Zweige hinein, deren vertrocknete Ueberreste seinen Usern entlang ausgebreitet liegen und Knochen ungeheurer Skelette gleichen, welche eben in Staub verfallen wollen. Man hat vielfach gesagt, daß die Luft dort ungesund sei; ungesund für die Pflanzen, das ist sicher; für die Menschen, das ist etwas Anderes. Tie Personen, deren Bronchien zart sind, . athmen dort mit einer merkwürdigen Leichtigkeit. Ich würde ' mich gar nicht wundern, wenn das tobte Meer, das so viele i industrielle Schätze enthält, die man früher oder später aus- ■ beuten wird, eines Tages ein Luftkurort würde, den Brust- : kranke oder die, welche es zu werden fürchten, gern aus- ' suchen. — Fast alle Reisende baden im todten Meere; die Wallfahrer betrachten dies sogar für eine fromme Pflicht.! Um dort ohne Unannehmlichkeit zu baden, muß man eine schräge Stellung einnehmen; denn in der gewöhnlichen Lage i gehen die Beine in die Höhe, und die Brust fällt immer tiefer, so daß der Mund in's Wasser kommt, dessen Geschmack abscheulich ist. Wenn man nicht schwimmen kann, kann man sich sehr gut aufrecht halten und gehen, indem man die Hände bewegt, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren; das Wasser trägt Einen ohne die geringste Anstrengung. Wenn man im todten Meere gebadet hat, muß man im Jordan baden, um die Salzkruste abzuspülcn, mit der man bedeckt ist. Dann steigt man zu Pferde und verliest sich in die öde Region, welche den traurigen Namen rechtfertigt, den das todtc Meer trägt. Alles um Einen herum ist weiß; nur bemerkt man in einer gewissen Entfernung eine dunkelgrüne Linie, nach der man sich mir Ungeduld wendet. Dies ist der Jordan. Plötzlich, zwischen kreidigen und zackigen Felsen, ' eröffnet sich ein tiefer Hohlweg voll Bäume jeder Art und von Vogelgesang erfüllt; inmitten dieser Blattlaube fließt ein seltsamer Fluß, den Chateaubriand sebr richtig mit einer "Art Sand vergleicht, der sich über dem unbeweglichen Erdboden bewegt. Diese Bewegung ist sehr schnell; ohne dies könnte man fast glauben, daß man nicht einem Flusse, sondern einen: schmutzigen Bande gegenüber steht. Ter Unterschied des Niveaus zwischen dem See Tiberias und dem lobten Meere beträgt 24t) Meter, und da die Entkernung ungefähr .30 Stunden ist. io macht dies * Nieter Fall aus die Stunde;

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