Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1881)
- Date
- 1881-10-18
- Page
- Seite 693 (sequence 9)
- Language
- German
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berüchtigte Antisemitcnversammlung vom 17. Tez. v. I. Die Berichte über dieselbe in der „Boss. Z." und „Nat.-Z." sowie ein Leitartikel und ein Entrefil«; der ersteren hatten sich darüber ausgesprochen, daß die Versammlung hätte ansgelöst werden müssen. Darin sah das Polizeipräsidium eine Beleidigung des betr. Polizeilieutenants und erhob Anklage gegen die Redacteure der beiden Blätter. Die meisten Zeugen schilderten allerdings die Zuchtlosigkeit, die in jener Versammlung geherrscht, während einige Zeugen, die sich geradezu als Antisemiten bekannten, sie abzuschwächen suchten. Bemerkenswerth war das Plaidoyer des Justizraths Ih\ Horwitz, der daraus hinwies, daß es sich hierbei um ein Prinzip handeln, ob nämlich der § 130 des Strafgesetzbuches auf die Antisemiten angewendet würde oder nicht? Die Angeklagten wurden freigesprochen bis auf das Entrefil^ der „V. Z", das mit 50 M. Strafe belegt ward. Allerdings war diese Verhandlung sehr lehrreich, und wird dem späteren Geschichtsschreiber einigen Stoff liefern. Leipzig, 6. Sept. (Privatmitth. Der deutsch-israelitische Gemeindebund versendet soeben folgenden „Aufruf zur Beründung eines Talmud-Thora-Bereins". „Die Kämpfe, welche die deutsche Judenheit jetzt von außen und innen bedrohen, fordern dringend zur Selbsterkenntniß und zur Selbsterhaltung auf. In beiden Beziehungen ist unverkennbar der Mangel an Religionsunterricht ein schwerer Schaden. Namentlich die nach Hunderten zählenden kleinen Synagogengemeinden entbehren mehr und mehr eines geordneten Religionsunterrichts. Die Opferfähigkeit schwindet, die sonst auch den einzeln wohnenden Juden zu den schwersten Opfern begeisterte, nur um seinen Kindern das Erbtheil Israels, die Thora zu erhalten; die Mittel fehlen, die stetig wachsenden Kosten für Anstellung und Erhaltung tüchtiger Lehrer zu erschwingen; das Bewußtsein der Angehörigkeit an das Judenthum und der ernsten Pflichten, welche sie auferlegt, geht ihnen verloren, und ein Geschlecht droht heranzuwachsen, welches den Herrn nicht kennt. Diese Gefahr ist aber eine Gefahr für die Gesammtheit, besonders auch für die großen Gemeinden, die sich aus dem Zuzug von den kleinen ergänzen und Mitglieder bekommen, welche dem Judenthum entfremdet find. Deshalb sollen namentlich die großen Gemeinden cs als ihre Pflicht ansehen, die materiellen Mittel, welche sie durch den Zuzug aus den kleinen Gemeinden oft in reichlichem Maße erhalten, wieder theilweise zur Abhülfe der vorerwähnten Uebelstände dahin zuruckströmen zu lassen. Die Erhaltung der jüdischen Religion für die Juden ist das Ziel des projectirten Talmud-Thora-Bereins. Niemand, auch der Anders gläubige nicht, kann diesem seine Anerkennung versagen. Denn der Kampf gegen den vielbeklagten Materialismus ist ein Allen gemeinsamer, und die, welche dem Judenthum verloren gehen, werden nicht einem andern Glauben, sondern dem Unglauben gewonnen. Für die Inden aber, welcher religiösen Richtung sie angehören, ist dieses Ziel das döchsre. das ihre vieltausendjährige Geschichte ihr vorstcllt. Der Verein will keiner Partei, sondern der Gesammtheit dienen — keine Richtung begünstigen und keine ausschließen, die sich nicht selbst ausschließt. Wer das Judenthum erhalten null, möge darum vertrauensvoll und opferwillig dem Verein sich auschließen, der aus kleinen Anfängen unter Gottes Schuh zum segensreichen Wirken sich entwickeln kann! In den desfallsigen (von uns bereits mitgetheilten) Paragraphen sind die Grundzüge eines Statuts zur Gründung eines Talmud-Thora- Bereins zusammengestellt, welcher sich die Hebung des Religions-Unterrichts zur Aufgabe machen soll. Das Statut kann selbstverständlich später noch die nöthigen Modisicationen erfahren. An alle Synagogengemeinden Deutschlands und an die Herren Telcgirten des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes ergeht daher die dringende Bitte, für Erlangung von Mitgliedern und Beiträgen, insbesondere aber für Bildung von Localvereinen zu diesem Zwecke, nach Kräften thätig zu sein und das Resultat ihrer Bemühungen baldgefälligst dem Unterzeichneten anzuzeigen. Jacob Nachod, Vorsitzender des Deutsch-Israel. Gemeindebundes." Bonn, 4. Oktober. (Privatmitth.) Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1330 lebten in Preußen: Evangelische.17,645,462. Katholiken.V>,205,136. Juden.363,700. Dissidenten.42,517. Keine Religion bekannten . . 22,006. Summa 27,273,011. Hiernach betragen die Inden von der Gesammtbevvlkerung etwas über 1,3 Prozent. Es wäre also an der Zeit, daß in Preußen die 03,7 Prozent gegen die 1,3 die jetzt so oft ausgesprochene Befürchtung von Ucbcrgewicht, Einfluß, Verdrängung des Deutschthums und Ehristenthnms als eine der lächerlichsten und vergrößert Nation unwürdigsten Fabeln aufhörc! Was die Vermehrung der Anhänger der verschiedenen Religionen betrifft, so haben wir constatirt, daß, während seit 1371 die Gesammtbevölkerung des Staates sich um lo,5 Proz. vermehrt hat, die Evangelischen in gleichem Zeitraum nur um 10,0 Proz., die Katholiken dagegen um 11,3 Proz. und die Juden um 11,5 Proz. zugenommen haben: seit 1375 hat die Gesammtbevölkerung einen Zuwachs von 6,0 Pro;., die evangelische von 5,6, die katholische von 6,7 und die jüdische von 7,0 Proz. zu verzeichnen. Noch klarer werden i die Resultate dieser Ermittelungen, wenn man hört, daß von 10,000 Einwohnern 1375 6404 evangelisch, 3350 katholisch und 132 jüdisch waren, während 1330 6463 evangelisch, 3374 katholisch und 133 jüdisch jini», der Resr mit 24 reip. 42