Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1881)
- Date
- 1881-10-18
- Page
- Seite 690 (sequence 6)
- Language
- German
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690 und intellectuelle Entwicklung des Menschen gefährlicher und verderblicher als der Nihilismus, der die Schule beherrscht, wo auch jüdische Kinder ihre Erziehung genießen. Was hat schon die russische Schule auS den jüdischen Kindern gemacht? Wem haben wir die Religionslosigkeit und den Jndifferentismus der jüdischen Intelligenz Rußlands gegen alles Jüdische zu verdanken, wenn nicht den russischen Schulen? Wer hat eine Gcsse Helsmann, einen Goldenberg, eine Molodetzky erzogen, wahrlich nicht die uralte und ursitlliche jüdische Familie, auch nicht die jüdischen tiefrcligiösen alten, wenn auch in pädagogischer Hinsicht etwas veralteten Eheder oder Jeschibas, sondern nur die russische Gesellschaft, das russische Gymnasium und die russische Universität. Aus Rücksicht eben auf diese moralische Gefahr erscheint die Emigration auch solchen Juden wünschenswerte, die die Judenkrawalle, die Brandstiftungen und Ausnahmegesetze, mit einem Wort das gesannnte materielle Elend, welchem die russischen Juden anheimsallen, nur als ein vorübergehendes Uebel betrachten, mit welchem das harterprobtc Israel es noch aufnehmen und welches es überwinden konnte. Was mich betrifft, io erscheint mir eine möglichst zahlreiche Emigration der russischen Inden nicht blos wünschenswerth, sondern geradezu nothwendig, und ztvar insbesondere aus folgenden Gründen. Während von der einen Seite in keinem Staat in der Welt der Prozentsatz der Juden zur indigenen Bevölkerting ein so beträchtlicher ist wie in Rußland «ca. 4 Millionen Juden zu ca. 80 Mill. Richtjudeu), ist andererseits der Gegensatz im Charakter der russischen Juden und der Russen so schroff und grell, wie wir ihn vielleicht nirgends zwischen Juden und Nichtjuden begegnen. Ter Jude ist hier mehr als irgendwo, Tank seiner eigengcarteten Vergangenheit, ungemein solid und nüchtern, thätig, von zäher Ausdauer und sehr geringen Bedürfnissen, im hohen Grade kulturfähig und strebsam, kühn, unternehmend, rastlos. Dagegen ist der Russe höchst unmäßig, genußsüchtig und dem Trünke ergeben, ohne Energie und Ausdauer, wenn auch begabt und arbeitsam, aber eombinationS- und speeulationsfaul, und tief-unwissend. Ter Jude ist unzweifelhaft für Rußland von großem Segen und könnte von noch größerem sein, wenn man ihn nur zuließe. Tem von der Mutter Natur so reich ausgestatteten Rußland gebricht es an Nichts so sehr als eben an Energie und Unternehmungsgeist, an Kulturkräften und rührigen, rastlosen Arbeitern. Allein der Russe wird noch lange mit dem Juden die Coneurrcnz nicht aufnehmen können, und was gehen jenem die Interessen Rußlands an, wenn er sich in seinen persönlichen Interessen verletzt sehen wird. Tie Juden werden daher noch sehr lange, wenigstens bis das russische Volk weitervorgerückt ist, der Mißgunst und dem 'Neid des faulen und habgierigen Pöbels ausgefetzt sein, und dürste mit der ^eit selbst eine energische lind strenge Regierung müde werden, ne vor der Wuth und den Fäusten ihrer Concurrentcn zu schützen. Wenn die Anzahl der Juden sich hier bedeutend verringert, und dieser verringerten Anzahl mit der Zeit das Innere Rußlands zugänglich gemacht werden und sie sich dann über das ungeheuere weite Reich nun zerstreuen sollte, dann werden sie den Russen weniger in's Auge fallen, und es ließe sich all mählig ein modus vivendi finden. Jetzt aber, schon abgesehen von den vererbten Borurtheilen der Russen gegen Andersgläubige und Angehörige anderes Stammes überhaupt, und gegen Juden insbesondere, die bei dem Schneckengang der Civilisirung des russischen Bolkes noch lange, lange fort dauern werden, ist aus bloßen Coneurrenzrücksichten ein friedliches Zusammenleben der Juden mit den Russen undenkbar. Man muß völlig blind sein, um das nicht einzusehen. So blind aber sind doch nicht die Männer, die jetzt an der Spitze der russischen Judenheit stehen: Herr Baron H. v. Günzbnrg und wirklicher Staatsrath S. S. von Pvliakoff? Weit entfernt, ihre wirklich bedeutenden Verdienste um die russische Judenheit, für die sic besonders in diesen schweren Zeiten so viel an Zeit, Mühe und Geld geopfert haben und unermüdlich waren, ihren mächtigen Einfluß geltend zu machen, in Abrede zu stellen. können wir doch nicht verfehlen zu sagen, daß sie eine zu große Verantwortlichkeit vor Israel aus sich nehmen, indem sie als Repräsentanten der Juden die Emigration nicht blos nicht fördern, sondern dieselbe sogar zu verhindern suchen. Sie sollen nicht aus selbstischen Rücksichten, ihrer Stellung wegen, sondern aus selbstlosen Motiven geleitet werden. Diese Motive wären ungefähr folgende: Seit Jahrhunderten lebt der Jude in Rußland und trägt zu allen Steuern und Abgaben mit Gut und Blut bei, gleich jedem anderen russischen Bürger. Der Jude ist mithin berechtigt zu fordern, ihn voll und ganz als echten rufst schcn Bürger anzuerkennen; wird er als solcher anerkannt, so hätte er keinen Grund, Rußland zu verlassen, das an arbeitsamen tauglichen Bürgern durchaus keinen Uebersluß hat. Ferner, da die gesammre russische Judenheit unmöglich emi griren kann, wird selbst im günstigsten Falle nur eine geringe Minorität es zu Stande bringen. Tie große Majorität bleibt zurück im Lande und wird alle Steuern und Abgaben für die Emigranten decken müsfen, wodurch ihre Lage sich bedeutend verschlimmern tvird. So ist außerdem noch ernstlich zu befürchten, daß sie dann von ihren knappen be scheidenen Rechten, deren sie sich jetzt erfreuen, welche ein büßen könnten. Tie Emigration könnte als Beleg für die alte Anklage dienen: der Jude sei von Natur- Cosmopolic und seine Parole wäre ubi bene ibi patriu; die Regierung hätte dann Ursache, auf die Juden wie auf Fremdlinge zu sehen. Tiefe Motive sind trotz ihres scheinbaren Ernstes doch nicht stichhaltig. Das Factum der Emigration beweist keineswegs den Cosmovolitismns der Juden, so lange 4 Mill.