Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1881)
- Date
- 1881-10-18
- Page
- Seite 689 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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089 folg hat, liegt wohl im Charakter de» Russen und besonder» in seiner Geschichte, ans die wir hier nicht eingeheu können. Jedenfalls so viel steht fest, daß der Nihilismus eine echt russische Pflanze ist. "Nur ein Volk, das keine historische Erziehung genossen, keine einheimische, aus sich selbst hervorgegangene geistige und Geburts-Aristokratie hat, die cs erziehen, ihm Pietät vor Traditionen und Glauben an historische Autoritäten, echte Noblesse und reinen Idealismus einimpfen könnte; ein Volk ohne indigenc Heroen und Heiligen, ohne heilige Kriege und heilige Traditionen, das keine andere Vergangenheit hat, als die Knute, sei es die eigene oder die fremde, und dessen Vaterland ihm nichts Edles, Großes und Schönes bietet, für das es sich begeistern könnte; ein Volk, das trotz tausendjähriger Existenz der griechischen Kirche iu seiner Mitte noch immer tief im Heidenthum steckt, und in dem noch solche heidnische, tiefverderbliche Laster, wie Jsuochatschestwo und solche heidnische, lasterhafte Seeten, wie Sskopzü und Skokunü, sich behaupten; ein Volk, das iu die europäische Kultur, wie I. Scherr sich ausdrückt, nur hincingeknutet worden ist und das trotz zweihundertjährigen Culrurzwanges fast nichts Wesentliches in die Cultur hineingcbracht und von ihr meist nur deren Mißbräuche und Entartungen in sich aufgenominen hat: einem solchen Volke ist es leichte Sache, die Civilisation zu jeder Zeit von sich abzuschütteln, wie dem bekannten bekehrten Rothhäute mit dem christlichen Frack der englischen Missionäre das Christenthum; einem solchen Volke kostet es nichts, der vieltaufendjührigen menschlichen Cultur den Krieg auf Tod und Leben zu erklären und Alles, was bei der civilisirtcn Menschheit als hoch und heilig gilt, mit Füßen zu treten; nur ein solches Volk kann dieses Schreckengespenst, den "Nihilismus, ausbrüten.!.<-» t'xtivmes se toiurlu-nt: der dem Nihilismus schroffste Gegensatz sein sollende, chriftclnde SlavophilismuS ist im Grund seiner Seele echter Nihilismus. Beide verachten europäische Cultur, beide sind Todfeinde der Formen der Civilisation, beide wollen Europa mit einer neuen Offenbarung, mit Russenthum beglücken, beide sind gleich bornirt und frech genug, eine Umbildung der Culturwelt als ihre Mission zu verkünden, beide bieren auch nichts Positives, als ihre Eroberungslust und .Zerstorungswuth. Ter Unterschied zwischen ihnen besteht nur darin, daß diesem, dem Nihilismus, die Negation der Cultur auf pfcndvrationetler, jenem, dem Slavophilismus, auf mpstischerGrundlage ruht, dieser realistisch, jener idealistisch sich gebärdet, dieser nach Anarchie, jener nach Absolutismus strebt, dieser zu Meuchelmord und Dynamit, jener zum offenen Krieg und zur Kartätsche greift, dieser in Blouse und „Kanonen", jener in Frack und Gtae«--Handschuh einherstolzirt, dieser von der Regierung verdammt und daher geheim und nach Unten, jener privilegirt nrid daher offen und nach Oben zerstörend wirkt. Charakteristisch für beide ist ihr Verhalten zu den Judenkrawallen. Die Nihilisten haben sie im Geheimen angezcttelt und Akssakoff, an der Spitze der Slavianophilcn, öffentlich fanctionirt und glorificirt. Von diesen beiden Parteien haben die Juden nichts Gutes zu erwarten. Sie sind Feinde der Cultur, und wie sollten sie Freunde der Juden sein, dieser unermüdlichen uralten Träger der Religion und der Ethik, der Grundpfeiler aller echten Cultur? Steht auch nicht zu befürchten, daß die Regierung sich vom Nihilismus regieren lassen wird, um so größer ist die Gefahr, der Slavianophilismus könnte jetzt das Heft führen, denn die Partei der sog. Sapadniki ist jetzt so ziemlich uitbedeutend. Mir dem Verluste ihrer besten und trefflichsten Repräsentanten hat sie auch ihr Prestige verloren, und ist es zu bezweifeln, ob der, zwar in europäischem Geiste erzogene, humane und edeldenkende, aber in Dingen der Politik nicht genügend erfahrene junge Monarch sich an diese „europäische" aber geschwächte Partei um Rath wenden dürfte. Wohl muß diese Partei früher oder später zur Herrschaft kommen. Schon davon abgesehen, daß die Romanow'sche Dynastie seit Peter dem Großen das russische Volk immer nach Europa in die Schule führte und unermüdlich alle Mittel in Bewegung setzte, Rußland zu eivilisiren und zu europäisiren, und daß der jetzt den russischen Thron einnehmende Kaiser wie seine kaiserliche Gemahlin vom europäischen Geiste wie von echter Liebe zu ihrem Volke beseelt und durchdrungen sind, gewiß nichts verabsäumen werden, den Traditionen ihres großen kaiserlichen "Ahnen treu, ihre Nationen der Güter europäischer Cultur rheilhaftig werden zu lassen, schon davon, sage ich, abgesehen, muß ein so zahlreicher Volksstamm wie der russische, der überdem von der Natur reich begabt, — wovon feine vortrefflichen Dichter und Belletristen beredtes Zeugniß ablcgcn — und mit so manchem schönen Charakterzug versehen ist, und noch viele Culturelemente und Culturfähigkeitcn gewiß in sich birgt, die sich noch nicht entfaltet haben, muß doch schließlich die eulturwidrigen Elemente in sich bekämpfen und vertilgen und, mit der Be'it, noch einen würdigen Platz iu der europäischen Civilisation einuehmeu, was nur mit und vermöge der Sapadniki" geschehen kann. "Allein, weis; Gott, wann das eiutreffen dürfte, und so fragt es sich sehr, ob die russischen Juden die Kraft haben, diese bessere Jukunft zu erwarten. Ist es ja nicht blos materielles Elend, welches in gejährlichem Maße die russische Judeuheit bedrückt und peinigt, sondern vor Allem ist es moralische Gefahr, der Nihilismus, welcher sie untergräbt und zu vernichten droht. Was ist Israel ohne seine heilige Mission, ohne den Glauben feiner Väter, ohne seine erhabene Sittenlehre, die cs mit seinem Leben und Streben zur "Wahrheit machen sollte, nnd an dieser heiligen Mission hat der Nihilismus schon energisch zu nagen angefangen. Selbst der gesundeste Organismus ist schutzlos gegen tödlliches Giit, und welches Gifr ist für jede moralische