Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1881)
- Date
- 1881-10-18
- Page
- Seite 688 (sequence 4)
- Language
- German
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|J»8 gerechte Strafe vollziehen ivill." Eine solche Sprache führte > das Haupt der Slavophilen, Akssakoss, in feinein Journale „Ruß". Die Regierung des jungen Monarchen, theils an der alten Tradition des russischen Thrones festhaltend, welcher; von jeher von Deutschland sich leiten ließ, theils von der jetzt mächtigen Slavophilenpartei beeinflußt, nahm, trotz der echten humanen Gesinnung des würdigen Sprossen und Namensgefährten Alexanders I. und Alexanders II-, trotz der sonst so rechtschaffenen und großherzigen Bestrebungen! des Zaren Alexanders III., in der Judenfrage eine den; Juden höchst ungünstige Position ein. So befindet sich denn die russische Judenheit von allen Seiten verlassen und angefeindet, ohne Schutz und Hülse, auf einem Krater entzügelter bestialischer Instinkte eines rohen versoffenen Pöbels, der in jedem Augenblick sie rettungslos vernichten könnte, zunächst Tank dem hoch civilisirten Deutschland. Es kann wohl stolz darauf sein! Tie besprochenen traurigen Verhältnisse, welchen unsere russischen Brüder preisgegeben sind, haben eine neue ungewöhnliche Erscheinung hcrvorgerusen. Ter sonst so schwersällige, an die Schwelle seiner Heimath sich klammernde und in den Kreis der Seinigcn" gebannte russische Jude will nun Haus und Hcerd verlassen und über Länder und Meere wandern. Ja, Emigration erscheint hier nicht blos der jüdischen Blasse, sondern auch den denkenden und einsichtsvollen russischen Inden als der letzte Rettungsanker, und sie, die Emigration, würde eolossale Dimensionen annehmen, wenn ihr nicht unüberwindliche Hindernisse im Wege ständen. Bor allem ist jede illegale Auswanderung, einzeln oder in Masse, wie die Beförderung derselben unter Androhung von Verbannung nach Sibirien bei Verlust sämmtlichcr Bürgerrechte von der russischen Gesetzgebung verboten. Zu einer erfolgreichen Emigration wäre unumgänglich die Lcgalisirung, wie die planmäßige Organisation derselben nöthig. Sodann müßten im Lande selbst Mittel zur Deckung der Reisekosten der Emigrirenden, wenigstens bis zur Grenze, herbeigeschafit werden und man die Trte auskundschasten, wohin die Ansiedelung der Auswanderer vorgcnommen werden sollte. Ties Alles ist aber unmöglich, so lange die Emigration vom Gesetz verboten ist. Allein die äußerste Roth kennt keine Gefahr, und nimmt auch aus nichts Rücksicht. Und so geht denn auch jetzt, ohne die Erfüllung jener Bedingungen abzuwarten, ohne Mittel zur Reise und ohne ein festes Ziel im Auge zu haben, die Emigration energisch vor sich. Was haben die Armen zu verlieren? Emigriren nach dem Innern des Reiches dursten sie nicht. Was bleibt ihnen denn mehr übrig, als in der erstickenden Atmosphäre einiger armen Provinzen mit o—4 Millionen ebenso unglücklichen Brüdern zu verbleiben, damit Hunger und Elend, Judenkrawallc und Brandstisrungen desto bequemer und sicherer ihr Zerstörungswerk an ihnen vollziehen können. Aus eine bessere Zukunft zu hoffen, ist, vor der Hand wenigstens, blutwenig Aussicht. Das russische Volk, wohl gutmüthig, gastfreundlich und zur Toleranz geneigt, aber heidnisch abergläubisch, roh und unentwickelt, von tiesster Unwissenheit und dem Trünke ergeben, bildet vorläufig eine plumpe blinde Masse, aus der man erst etwas zu formen oder gestalten hat, und ist daher aus dasselbe noch nicht zu rechnen, weil Alles davon abhängt, was Regierung und Intelligenz aus ihm machen wird. Nun aber hat sich der Charakter der jetzigen russischen Regierung noch lange nicht aufgeklärt und wird dies auch wohl noch so bald nicht. , Sie schwankt noch immer wie zuvor, und wechselt ihr System je nach dem, welche Partei der Intelligenz sich am Ruder befindet. So kommt denn schließlich Alles auf die Intelligenz au. Tiefe zerfällt in drei Fractionen: die Anhänger der westlichen Cultur, die sog. „Sapadniki", die Slavianophilen und die Nihilisten. Der Anzahl nach ist die stärkste Fraction die nihilistische, wenn man darunter nicht blos die revolutionären Nihilisten versteht, welche ihre Abneigung aus Feindseligkeit gegen Cultur mit Petarden und Dynamit manifestiren. -Es ist durchaus nicht übertrieben, wenn behauptet wird, daß die große Majorität der jüngeren Generation entweder blos theoretisch oder auch praktisch, passiv oder auch aetiv, unbewußt oder auch bewußt, sich zum Nihilismus bekennt. Der Nihilismus ist keineswegs blos eine politische oder sociale Partei, wie der Communismus oder Soeialismus. Der Nihilismus ist vielmehr, wenn man sich so ausdrücken darf, eine Culturumwälzungspartei. Der Communismus und Soeialismus, welche nur die herrschenden politisch-ökonomischen Institutionen der civilisirten Welt umstoßen möchten, befehden die Cultur selbst nur in sofern sie ihren politisch-ökonomischen Idealen zuwiderlüust. Aber der Communismus und noch mehr der Soeialismus, stehen selbst aus dem Boden der Cultur, uud die Forderungen, die sic stellen, stellen sie ans nach ihrer Ueberzcngung im Namen der Cultur. Sie hassen und vernichten nicht die Civilisation, sondern umgekehrt; sie fordern, daß allen Menschen die Güter der Civilisation theilhaftig tverden mögen. Der Nihilismus dagegen zieht in erster Linie gegen Cultur und Civilisation zu Felde. Er ist der Vandalismus des III. Jahrhunderts. Gegen die herrschenden politisch-ökonomischen Einrichtungen der Gesellschaft ist er nur unter dem Einfluß des europäischen Communismus und Soeialismus seit nicht lange geworden, und das nur, weil jene politisch-ökonomische Einrichtungen Produkte der Civilisation sind. Zur Förderung der „Emancipation des Leibes" konnte sich nur ein Baknnin versteigen. Und es ist vollständig begreiflich, daß selbst der radikalste „Internationale Congreß", unter dem Präsidium eines Carl Marx, die Bakunin'ische Partei aus ihrem Verbände ausgestoßen hat. Daß der Nihilismus in Rußland so Ungeheuern Er