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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-10-18 · Heft 42 (18.10.1881) · p. Seite 687

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 42 (18.10.1881)
Date
1881-10-18
Page
Seite 687 (sequence 3)
Language
German
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687 Südrußland, aber in Deutschland hat man doch schließlich, wenn auch etwas zu spät, den antisemitischen Rednern und Publicisten den Maulkorb angelegt und gegen die Rebellen menschlichen Geistes arbeitet, o man würde den Juden dann ganz bestimmt bedeutend weniger hassen und weniger gegeil ihn Klage führen, warum er sich nicht verschmelzen will. und Plünderer die strengsten Maßregeln ergriffen. Aber was| aticfit aus den Bierhallen und Kaffeeschänken werden die von dem Allem ist in Rußland geschehen? Ja, der Jünger! Juden in Rußland gejagt, wohl aber aus den Auditorien nbertrifft hier glänzend seinen Meister. Deutschland, welches j und Museen. Nicht Trödel und Wucher wird den Juden in der gegenwärtigen judenfeindlichen Bewegung Rußland! verboten, wohl aber Landbau und wissenschaftliche Beichäfmit gutem, anregendem Beispiel voranging, muß jetzt letzterem j tigung, Professor und Richter darf der Jude hier nicht sein, die Palme reichen. Ter Russe ist nicht originell; selbst die aber wohl Kneipwirth und Pfandleiher. Wie gesagt, man Knute soll nach der Behauptung eines Helden im Turgen- : haßt den Juden in Rußland wie überall dort, wo das Volk jew'schcn Romane „Rauch" keine russische, sondern eine monauf einer niedrigen Culturstufe sich noch befindet, nicht weil gotische Erffudung fein, aber dafür ist der Russe uuerer schlecht, sondern weil er nicht schlecht ist und sein will, reichbar groß in vandalischer Zerstörungslust undBertilguugs- Allein man schämte sich vor Europa, diesen Haß zu zeigen, wuth, wovon die Meuchelmörder Perowskaja und Hartmann. Man wagte nicht, vor Aller Welt der Civilisation des l'.'. Kvbesoff und Ehalturin :c., glänzendes Zeugniß ablegcn. Ich Jahrhunderts den Handschuh zu werfen. Nun aber eröffnet lebe seit einer Reihe von Jahren in Rußland und schmeichle mir, Deutschland einen Feldzug gegen Juden. Treitschke, als Reden Charakter des Russen recht gut zu kennen, und glaube Präsentant der deutschen Wissenschaften, gehr voran. Tie prodaher in der Lage zu sein, versichern zu dürfen, das; cs in testantische Kirche in der Person eines Hofprediger Stöcker Rußland nie zu den schrecklichen Judenkrawallen gekommen wäre, wenn Marr und Treitschke das Signal dazu nicht gegebcn hätten. Damit will ich durchaus nicht behaupten, daß in Rußland unsere Glaubensgenossen sonst keine Feinde hätten. Wo in der Welt, wo der Jude Gottesluft noch athmet und als Jude lebt, giebt es keine Judenfeinde? Und wie könnte es auch anders sein. Welches Volk in der Geschichte war so tollkühn, so arrogant, ohne ein Metz und Sebastopol, ohne Zündgewehr und Kruppsche Kanonen, ein selbständiges Culturlebcu führen und eine Culturmifsion durch die Ewigkeit auf seinen ungedeckten waffenlosen Schultern tragen zu wollen. Man haßt den Juden nicht weil er schlecht wäre, sondern weil er so schwach und doch nicht schlecht ist. .Hahält wacker gleichen Schritt mit der Treitschke'schen deutschen Wissenschaft, und die deutsche Politik liebäugelt mit diesen Beiden und winkt ihnen Beifall zu; da erhoben die feigen Judophoben Rußlands ihr Haupt, und der Hexen tanz der Presse ging los. Tie Broschüren und Reden von Treitschke, Marr, Stöcker, Henriei nnd Consorren wurden mit einen: Heißhunger aufgegriffen, übersetzt, eommentirt und täglich dem gutmüthigcn aber denkfaulen russischen Publicum ausgetischt. Das Benehmen Bismarck's und seiner Regierung gegen Juden wurde vielfach gedeutelt und getadelt. Diese Lage der Tinge benutzten die Nihilisten, denen kein Mittel schändlich genug ist, um Unruhe im Lande zu stiften, nud verbreiteten unter dem Volke Proklamationen, die für Ukase des Zaren man hat ein für alle Mal schon vor zweitausend Jahren die! ausgegeben wurden, die Juden zu plündern und zu berauben, jüdische Frage kurz und klar formulirt. „Es ist ein Volk",; So wurde das städtische Lesepublicum, das meist aus Coumeldete er dem König, „zerstreut, unter allen Völkern verbreitet curreuz schon ohnehin gegen die Juden erbittert ist, von . . . . und fein Gesetz ist anders denn aller Völker . . . ."! der Presse, die völlig unwissende Dorfbevölkerung von den Warum wollen die Juden nicht ihre Fahne schließlich fallen! Nihilisten zu den Judellkralvallen vorbereiter und auimirt. lassen, mit ihrer Vergangenheit brechen, die Traditionen ihrer; Tic Slavianophilen, die zwar von dem „faulen", „morsche::" Väter verleugnen und vergessen, wie es so viele Völker ge-; Europa sich lossageu wollen und im russischen Volke den rhan haben, nachdem sie ihre politische Selbständigkeit ver-^ Kern echter Kultur und vollkommener Sittlichkeit entdeckt zu loren haben? Warum wollen die Juden, so zäh und hart-! haben versichern, suchen in den künstlich hervorgeruienen uäckig, mit dem Volke, unter welchem sie leben, sich nicht ver-! Judenkrawallen eine tiefinnerliche Bewegung des russischen schmelzen und ihr patriarchalisches „Haus" mit der .Kneipe! Volkes und fanden nicht Worte, Töne und Farben genug, sie vertauschen, in ihre uralte sittliche Familie die moderne Unzucht ihrer Umgebung einführen und ihre einträgliche solide Mäßigkeit in unmäßiger Schwelgerei mit „trauten Freunden" verzehren? Wurde der Jude in dieser Weise mit feinen Nachbarn sich verschmelzen und Hand in Hand mit ihnen gehen, anstatt er jetzt von ihnen blos in Kunst und Wissenschaft sich unterrichten läßt und mit vereinten Kräften opferfreudig fürs Wohl und Gedeihen des Volkes, für Fortschritt des zu verherrlichen und zu glorisieiren. Sie proelamirteu die Judenkrawalle als einen „Protest des echten Christenthums gegen die „Verjudung" der Welt"; „die Mission der russischen rechtgläubigen Kirche wäre, den Antichrist (!! > zu besiegen und zu vertilgen, die Juden zu bekehren oder zu vernichten", „die Judcnkrawalle wären ein Aet höherer Gerechtigkeit des rnififchen Volksgeistes, welcher das jüdische Joch«!'., von sich schließlich abwälzen nud für Jahrhunderte Unterdrückung^!!' die

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