Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1881)
- Date
- 1881-10-11
- Page
- Seite 680 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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er sich mit allen unseren Bemerkungen, sowohl was die Verdienste seines Oheims, desien Bestrebungen und Ziele, als auch seine eigene Schrift betroffen, einverstanden erklärt. Er theilt uns auch zwei Schreiben mit, mit denen er an Mommsen und an Stöcker Exemplare seines Werkes gesandt hat. Das an den Letzteren ist zu charakteristisch, als daß wir es nicht wiedergeben sollten. „Geehrter Herr! Ihr Talent und die beklagenswerthe Verwendung desielben haben Ihrem Namen in Ihrem Vater» lande eine traurige Berühmtheit gegeben. Als diese den Rhein überschritt, wurde sie in unserem großmüthigen Frankreich mit einstimmiger Mißbilligung der religiösen, philosophischen und liberalen Presse ausgenommen. Für mich, ein Kind Israels und alter Soldat, sind Sie nicht nur ein Gegner, sondern auch ein Feind. Als einem solchen nehme ich mir die Freiheit, Ihnen eine „Notiz über das Leben, die Werke und die Kritiken von I. Salvador" zu überschicken. Seit ihrem Erscheinen sind sie im gelehrten Deutschland, das in ihm einen Nachfolger von Mendelssohn sieht, übersetzt und sehr günstig ausgenommen worden. Seit mehr als einem halben Jahrhundert hat mein Onkel es sich zur Ausgabe gemacht, an der Rehabilitirung der moralischen und intellektuellen Ehre der jüdischen Race zu arbeiten und die Idee der religiösen und politischen Philosophie des Hebraismus ins wahre Licht zu stellen, gegen welche Sie, ein Deserteur der edlen Tradition Melanchthons und Lessings, sich bemühen, die alten und abscheulichen Verleumdungen wieder ins Leben zu rufen. Es ist ein antireligiöser-antisozialer Fanatismus, welchen Sie, gewiß unwillkürlich, durch die antisemitische Bewegung, deren Urheber Sie find, Hervorrufen. Die schrecklichen blutigen Vorgänge welche Rußland jetzt entehrt haben, die schon in Deutschland begangenen Gewaltthaten, sollten Ihr Gewisien über die traurige Wirkung Ihrer Reden aufklären. Als Hofprediger von Berlin und unterstützt durch den Grafen Wilhelm von Bismarck, des Sohnes des Großkanzlers, schrecken Sie beide vor der offiziellen Erklärung des Kaisers und des Kronprinzen nicht zurück, deren weise Worte diese sträfliche Erregung des Hasses gegen Bürger desselben Landes, Unterthancn desselben Reiches, verurtheilen. Gott möge Sie zurücksühren zu der evangelischen Barmherzigkeit, zu der Nächstenliebe, welche unter Ihren Collegen in Frankreich und in Deutschland so edle und beredte Interpreten zählt. In Betreff Ihrer Person ist dies der einzige Wunsch, welchen ein ehrenhafter Feind der abscheulichen Doktrinen, deren unvorsichtiger Prediger Sie sind, für Sie hegen kann." Schweiz. Bern, 28. Sept. (Köln. Ztg.) Vorgestern Abend hat in Genf die internationale Frieden und Freiheitsliga, nun zum sechsten Male in dieser Stadt seit ihrem vierzehnjährigen Bestehen, ihre Jahresversammlung gehalten. Unter den vier bei dieser Gelegenheit gefaßten Beschlüffen brandmarkt der dritte die Barbarei derjenigen, welche in Deutschland und in Rußland die Judenverfolgungen veranlaßt haben, ebenso verurtheilt er aufs schärfste die Regierungen, welche derartige Ausschreitungen erlauben oder dulden, während er diejenigen Regierungen beglückwünscht, welche, von menschlichen Gefühlen beseelt, den Verfolgten Schutz leihen. Rußland. Petersburg, im September. (Privatmitth.) Es waren zu viele Privat- und Staatsintereffen bei den Judenverfolgungen in Rußland im Spiele, und die Presse setzte sich zu sehr zur Aufgabe, das Odium auf die unglücklichen Juden zu wälzen, als daß die Motive jener schauerigen Vorgänge nicht auf die mannigfaltigste Weise verschoben worden wären. Wir unsrerseits haben nun um so mehr die Pflicht zusammenzustellen, was nach und nach darüber ans Licht tritt. Wie die Petersburger „Nowoja Wremja" versichert, hat es sich jetzt herausgestellt, daß bei den meisten Judenkrawallen in Südrußland die Polizei aktiv als Provokateure, Unruhestifter und Plünderer betheiligt war. In Folge dessen hat das russische Justizministerium eine Reihe Untersuchungen angeordnet, welche nun geradezu unglaubliche Resultate zu Tage fördern. Einige dieser Untersuchungen ergaben, daß die Polizeibeamten in mehreren Orten den Pöbel persönlich zum Angriff gegen die Juden und zum Zerstören und Plündern des jüdischen Hab und Gutes aufforderten. Erst als das Militär eingeschritten war, verschwanden die Polizisten aus den Reihen der Exzedenten, deren Anführer sie bis dahin gewesen. Dagegen schreibt man unter dem 23. September der „Voss. Zeitg." Die Ankunft der Delegirten der jüdischen Gemeinden aus Städten, in welchen die Judenverfolgungen in Scene gesetzt worden sind, und ihre, von ihren hiesigen reichen Glaubensbrüdern unterstützten Bemühungen um Audienz beim Kaiser bringt das judophobe Blatt „Now.-Wr. vollständig außer sich und verleitet es zu wahrhaft lächerlichen Behauptungen und Schlüssen. So behauptet es, daß die jüdischen Gemeinden durchaus kein Recht haben, Petitionen durch ihre Deputirten einzureichen, weil sie keine Corporationen bilden und in jeder Beziehung den verschiedenen Ständen incorporirt seien. Die Annahme der Petitionen durch den Kaiser wäre vollständig unmöglich, da ja dadurch auch die bäuerlichen Gemeinden, welche die Judenverfolgungen inscenirt hätten, das gleiche Recht zu petitioniren ertheilt werden würde. Zudem werden ja bald die Commissionen in den verschiedenen Gouvernements zu tagen beginnen, die unter Herbeiziehung von Experten jüdischer Nationalität der > Judenfrage in liberalstem Sinne zu lösen berufen sein wer»