Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1881)
- Date
- 1881-10-11
- Page
- Seite 681 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227381--39334-3308638- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
681 den. Dem Blatt scheint unendlich viel daran gelegen zu sein, den Enthüllungen vorzubeugen, welche von den aus den verschiedensten Städten angelangten Deputirten direct dem Zaren gemacht werden könnten, da bisher ihm am Ende doch blos die entstellten, die Lässigkeit der Behörden beschönigenden Berichte der mehr oder weniger Schuldigen zugegangen sein dürsten. Ob die Patrone der „Nowaja Wremja" die Macht haben werden, die Deputtrten von den Stufen des Thrones fern zu halten, bleibt natürlich abzuwarten. Bei uns ist ja Alles möglich, daß sie aber Enthüllungen befürchten, bleibt nach dem Gebaren ihres Organs unzweifelhaft, weshalb es doppelt erwünscht wäre, daß es den Deputirten gelänge, die zahlreichen Hindernisse zu überwinden, die sich ihnen auf dem Wege nach Peterhof entgegenstellen dürften. Das Central-Comite der Alliance Israelite Universelle hat, wie „Jewish Chronicle" mittheilt, ein Rundschreiben an diejenigen Judengemeinden in Rußland, welche unter Verfolgungen gelitten haben, gesendet, worin es heißt, daß es vorbereitet sei, der Auswanderung von Juden nach Amerika Vorschub zu leisten. Die Auswanderer müssen im Alter von 18 bis 38 Jahren stehen, gesund, kräftig und fleißige Handwerker sein. Die Alliance will deren Reisekosten (250 Francs für Erwachsene, 150 Francs für Kinder) nach New-Iork oder andern Städten in den Bereinigten Staaten bestreiten. Nach ihrer Ankunft auf amerikanischem Boden soll den neuen Ankömmlingen weitere Hilfe zu Theil werden. Jeder Familie werden in den Bereinigten Staaten etwa 23 Hettaren Land überwiesen werden. Der Auswanderungsplan der Alliance ist in.Kleinem' Maßstabe, da das Comite bis jetzt nur Vorkehrungen für die Absendung voll 200 Personen gettoffen hat. In New-Iork sind indeß Einwände selbst gegen diese beschränkte Anzahl erhoben worden, da bereits viele Hunderte von jüdischen Familien aus Rußland, von allen Mitteln gänzlich entblößt, angekommen sind. 194 jüdische Flüchtlinge aus Rußland verließen jüngst Brody (Galizien), mit der Absicht, sich nach Amerika zu begeben. Seidem haben fünfzig russische Juden Antwerpen verlassen und 15 sich in Bremen ebenfalls eingeschisst. Podwoloczhtzka, 20. Sept. In Tamoruda, nahe on der galizischen Grenze, steckten die Bauern die mit Getreide gefüllten Scheunen und Wirtshausgebäude eines Gutsbesitzers in Brand, weil er Juden zur Feldarbeit verwendet hatte. Bonn, 2. Ott. (Notizen.) Herr Victor Saint Paul in Paris, Mitglied des israel. Consistoriums, hat der Akademie der Medizin 25,000 Fr. übersandt, die als Preis demjenigen bestimmt sein sollen, der ein wirksames Heilmittel gegen die Diphteritis entdeckt. Iseuilleton. Vermischtes. Ein jüdischer Bettler. Frankfurt, 1. Juli. Ein israelitischer Bettler, welcher Jahrhunderten im Grabe der Aussage Aller, selbst keineswegs abergläubischen liegend, wirtt nach der von Männern, die er Wunder, nach aufgeklärten und seine letzte Ruhein der Synagoge und an der Thür derselben die Mildthätig- ^ätte besuchen. Nach Tlenuen pilgern die algerischen Juden, keit seiner Glaubensgenossen in Anspruch genommen hatte, wurde wegen Bettelei und Landstteichens zu drei Wochen Haft verurtheilt. Als man den Mann durchsuchte, fand man 10,600 M. bei ihm. Er behauptete, „er habe an seinem Leibe abgespart dieses Geld". Bei ihm fand sich auch eittej Liste von sämmtlichen wohlhabenden Israeliten Frankfutts. j (Fr. Anz.) | -! Aberglaube. Unsere orientalischen Glaubensgenossen sind dem Aberglauben nicht weniger zugänglich als die Muselmänner, namentlich wenn es sich um die Gräber stommer Männer handelt. Bor Kurzem erschien eine Keine Schrift „Der Israelitische Friedhof von Tlenuen (Algerien)" von Moses Weill, Rabbiner dieser Stadt. Er berichtet unter Anderem über das Grab des Rabbi Ankowa, den das Volk Wunderthäter nennt. „Diesen letzten Titel", sagt Herr Weill, „hat er in all' seiner Kraft nach seinem Tode bewahrt, und seit vier wie man zur Zeit Jbn Esra's und Jehuda Halevi's nach Jerusalem pilgette. Die Verehrung, welche dies Grab einslvßt, gebiert natürlicher Weise auch mystische Verirrungen, und es find, man braucht es kaum zu bemerken, vor Allem die Frauen, die sich in Masse nach diesem heiligen und geweihten Ort begeben. Man naht sich ihm nur mit Furcht und Andacht; man zieht die Schuhe aus, wie Moses that, als er sich dem brennenden Busche näherte; man geht hin, um eine heilige Schuld abzuttagen, indem man Gebete dort verrichtet. Man bringt auch Lebensmittel mit hin; man hält dort Mahlzeiten, und mehr als Mahlzeiten; denn man hat uns erzählt, daß man dort wahre Festgelage abhalte und daß vor noch nicht langer Zeit eine Person aus der Umgegend die ganze Gemeinde eingeladen habe, um zu Seiten des Grabes zu festiren. — Vergessen wir auch das Sonderbare nicht, daß dieses Grab ebenso Gegenstand der Verehrung Seitens der Muselmänner als der Israeliten ist. Man sieht, daß hier das Judenthum durch den Einfluß des Islam entstellt worden ist.