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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-10-11 · Heft 41 (11.10.1881) · p. Seite 676

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 41 (11.10.1881)
Date
1881-10-11
Page
Seite 676 (sequence 8)
Language
German
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Jnvalidenhause sollten die siechen, arbeitsunfähigen Arbeiter untergebracht werden, um dort ihre letzten Tage in aller Ruhe und vor Entbehrungen gesichert beschließen zu können. Tie Sammlungen ergaben bis zur Reichstagswahl im Sommer 1878 etwa lOOO M., wie Herr Stöcker in einer Sitzung seiner Getreuen selbst mittheilte. Nun ist es bekannt, daß Herr Stöcker sich muthig genug fühlte und bei der letzten Reichstagswahl sich im sechsten Wahlkreise aufstellen Ließ, um mit Glanz durchzufallen, denn ganze 800 Stimmen vereinigten sich aus seine Person. Die Wahlagitation hatte aber Geldmittel erfordert. und in Ermangelung verfügbarer Summen grisi man u. A. auch zu den 1000 Mark, welche für das Arbeiter-Jnvalidenhaus gesammelt waren!! Mit dem Gelde verschwand auch das ganze Project. Das war die erste .,positive" Schöpfung des Herrn Hosprediger Stöcker. — Im Jahre 1879 erließ Herr Stöcker in seinem „Staatsfocialist" einen Aufruf zur Errichtung einer Arbeitercolonie „Wilhelmsheim". Durch Bereinigung verarmter, arbeitsloser Familien in Arbeitercolonien wollte man „dem abwärts drängenden Strome der Verarmung Einhalt thun. die Individuen aus der Masse des Proletariats retten und zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft durch Arbeit heranbilden. Verlassenen und Vereinsamten Gemeinschaft und ein ihren Kräften entsprechendes Arbeitsfeld darbieten". Die Sammlungen für diese „Colonie" wurden mit allen Mitteln der Reclame in Scene gesetzt. Eine Zeit lang liefen auch Gelder dafür ein, die im „Staatssocialist" quittirt wurden. Plötzlich brachen die Sammlungen ab, Quittungen über gezahlte Gelder erfolgten nicht — die zweite „positive" Schöpfung des Herrn Hosprediger Stöcker hatte elendiglich Fiasco gemacht?! Weder über das Projekt selbst, noch über den Verbleib der gesammelten Ge!'er brachte der „Staatssocialist" ein Wort. Der Herr Hosprediger Stöcker sollte sich also hüten, die positiven Schöpfungen der Liberalen, aus denen das Volk längst Nutzen zieht, in ironischer Weise zu behandeln, nachdem er mit seinen „Leistungen" gar so traurige Erfahrungen gemacht hat." (Wie gesagt, eine Widerlegung der obigen Anklage haben wir noch nirgends gefunden, und doch können wir es noch nicht glauben, da ja sonst der Staatsanwalt eintreten müßte!) — In jüngsten Versammlungen seiner Partei schloß Stöcker mit folgendem Knalleffekt: „Wie der kleine David im Namen Gottes den unüberwindlichen Goliath mit kleinen Steinen angriff. wollen auch wir den Fortschrittsriesen bewerfen, und sehen Sie zu, der Kopf fängt ihm schon an zu wackeln. Werfen Sie weiter, und er wird stürzen, so lang und dick er ist (Große Heiterkeit und Beifall)." Man kann aus dieser Redeweise schließen, was für Zuhörer der Herr Hofprediger hat, denen solche geistige Speise aus der Hospredigerküche ganz besonders mundet. Bekanntlich nennen seine Anhänger Stöcker den zweiten Luther; hiergegen Einwendungen zu machen, ist nicht unsere Sache. Wenn er sich jetzt aber selbst mit dem Könige David vergleicht, so protestiren wir dagegen, die wir zu den Nachkommen und nächstberechtigten Erben dieses Königs gehören. Stöcker möge sich die, mit welchen er sich auf eine Linie stellt, nicht von den gehaßten Semiten, sondern von den Urgermanen borgen, vorausgesetzt, daß er auf diese einen verwandtschaftlichen Anspruch habe, was sehr zweifelhaft ist. Am 24. Sept. Abends tagten drei antifortschrittl. Wählerversammlungen des zweiten und dritten Berliner Wahlkreises. Die eine Versammlung bot einen kläglichen Anblick und zeigte, wie schnell es mit Dr. Henrici abwärts geht, der keine zweihundert Mann mehr um sich zusammenbringen kann. Daher ein Jammer über „Volksstimme und Bolksgunst".. Ein Redner meinte zwar, daß Henrici in der Volks gunst gleich hinter Fürst Bismarck (!!!) und Stöckr stehe, und gewiß werde er, nämlich Henrici, einst entscheidender Minister sein. Henrici selbst sieht das ihm zufallende Mi; nisteramt doch nicht als so sicher an, denn er schloß seine Rede mit folgenden Phrasen: „Nur um einen Schwatzsessel im . Parlament zu erhalten, habe ich mein Amt nicht geopfert, unsere Ziele gehen viel weiter und wenn ich als Einziger dastehen sollte, werde ich das, was ich für Recht erkannt, noch vertheidigen und event. zu fallen wiffen. Aber ich werde nicht fallen, das verspreche ich Ihnen schon heute!" Die Versammlung war hocherfreut darüber, daß ihr Meister verspreche, nicht zu fallen. — Zu gleicher Zeit hielt sein Concurrent, der Antisemit Julius Schulze, eine conser vative Versammlung, die ebenfalls sehr dünn gesäet. war. Da wurden dann dem Henriei bitterböse Wahrheiten gesagt, der von vielen Dingen gar nichts versiehe. Auch Stöcker hielt eine Versammlung zu gleicher Zeit, die jedoch keine große Begeisterung zeigte und offenbar in gedrückter Stimmung abgehalten wurde. — Am 27. hielt im fünften Wahlkreise, denselben, wo die Conservativen den antisemitischen Abg. Cremer dem Abg. Eugen Richter gegenüber stellen, der letztere seine Candidatenrede und zwar vor einem ungeheuren Publikum. Wir geben hier, als für die gegenwärtige Situtation außerordentlich bezeichnend, den Schluß der Rede wieder: „Die Berliner standen treu zur Fortschrittspartei, als derselben die klangvollsten conservativen Männer entgegengestellt wurden als Fürst Bismarck im Zenith seines Ruhmes stand. Heute, wo Fürst Bismark seine eigenen Werke zerstört, wo sich seine bedeutendsten Mitarbeiter, von ihm trennen, sollte Berlin andersdenkend werden? Heute sollte Berlin sich von der i Fortschrittspartei abwenden, wo sich überall im Lande neue! Anhänger ihr zuwenden? (Beifall.) Männer wie Falk j und Moltke sind s. Z. in Berlin in der Minorität geblieben

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