Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1881)
- Date
- 1881-10-11
- Page
- Seite 674 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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674 angefangen, Aekinliches für ifjrc Kinder ,u befürchten und haben sie, um ihre Zukunft besorgt, am christlichen Religionsunterricht theilnehmen, anstatt die jüdische Religionsschule besuchen lassen. Das ist traurig, aber wahr. Und wenn auch dergleichen Fälle nur vereinzelt vorkominen dürften — hoffen wir, daß sie es bleiben — so darf man doch nicht den Ausspruch unserer Weisen vergessen, welcher darauf hindeutet, tote viel Gewicht sie - und mir Recht — auf jeden Einzelnen;u legen verstanden, wenn es heißt: — re -Vr Kn-e*' >2 r~x r?\ Und bekanntlich soll man aus dem Affirmativ das Negativ schließen und umgekehrt. Gewiß nun wird Jeder, dem es ernstlich um die Erhaltung des Judenthums zu thun ist, mit lebhaftester Freude den jüngst in Ihrer geschätzten Zeitung mitgcthcilten Entschluß des Israel. Gemcindebundcs begrüßt haben, kleinere Gemeinden behnfs Besoldung eines Religionslehrers zu fubveniren, und Jedermann wird ein so gutes Werk gewiß nach Kräften gern unterstützen. Allein mau glaube ja nicht, daß das schöne Ziel mit der bloßen Geldnnterstützung zu erreichen sei. Hier thut es einmal der n<-rvu< ivmm nicht allein, in der Thal ebensowenig wie im Kriege, wo er zwar eine große, sehr große Rolle spielt, doch zwecklos vergeudet werden kann und muß, wenn cs an einem tüchtigen, heldenmüthigen, patriotischen Führer fehlt. „Wo Gott das Haus nicht baut, bemühen sich vergebens, die daran bauen." Schaffet Ihr nicht tüchtige, namentlich aber treue und aufrichtige religiöse Lehrer, so werdet Ihr Eure Schätze nur verschwenden, so wird alle Mühe, aller Unterricht vergebens sein. „Wehe denen, die das Werk des Herrn mit Hinterlist betreiben'." Tiefe Mahnung des Propheten mögen diejenigen Lehrer beherzigen, denen man die heiligsten Interessen unseres Judenthums, dessen ganze Zukunft überantwortet, denen man die Jugend dazu anvertraut, um ihr das Beste, das Edelste zu weihen, was dem Menschen geboten werden kann; mögen diejenigen es sich zu Herzen nehmen, die das köstlichste Erbtheil, das je Menschen zugesallcn, zu verwalten und den Söhnen und Töchtern Israels zu übermitteln haben! Ihre Verantwortlichkeit ist eine große, und Leichtsinn ist hier Verbrechen. Gilt dies schon für jeden Lehrer der Jugend und für jedes Lehrfach, um wie viel mehr für den Religionslehrer! Ein jetziger hochaugesehener und viclverehrter Rabbiner schrieb einmal in feiner Jugend einen A».fsatz in Frankels Monatsschrift, die damals eben in's Leben getreten war, mit der Ueberfchrift: „Wie lehrt man Religion?" Als sein Vater, ein Mann von der alten Schule, schlicht und fromm, gelehrt aber nicht „stndirt", wie man es nennt, dies sah, verdroß cs ihn, und gab er seinem Verdruß in diesen Worten Ausdruck: „Mein Sohn schreibt einen Artikel: „Wie lehrt man Religion'?" Welche unnöthige Frage! Man lehrt sie und damit basta." Wir wollen nun zwar den Mangel an pädagogischer Bildung, an Methode, welche diese Worte verrathen, nicht in Schutz nehmen; glauben aber doch, der gute Vater habe nicht ganz unrecht gehabt, als er das Hauptgewicht auf das Was, statt auf das Wie legte. Wer Religion hat, der wird sie auch leicht lehren können, schon durch sein Beispiel, diesen besten Lehrmeister, und wird sich nicht viel um die Methode bekümmern oder zu bekümmern brauchen. Aber ein Schelm giebt mehr als er hat. Wer nicht selbst Religion im Herzen trägt, wird sie auch bei der besten Methode nicht zu lehren, d. h. Anderen, namentlich nicht der gerade vermöge ihrer Natürlichkeit und Unverdorbenheit so scharfblickenden Jugend beizubringen im Stande sein. Also Religion haben, von Religiosität durchdrungen sein, wäre das erste Erforderniß, das sim* qua non. für den Religionslehrer. Ein zrveites aber ist fast ebenso wichtig. Der Religionslehrer muß sich auch der Jugend gegenüber zu bescheiden wissen und sich damit begnügen, Religionslehrer zu sein, nicht aber den Philosophen herauskehren wollen. Schlimm genug, wenn er sich der hohen Würde seines Amtes nicht so weit bewußt ist, um nicht über seine Sphäre hinausstreben zu wollen, kurz, wenn feine Eitelkeit größer ist, als fein Berftändniß der Aufgabe, die er übernommen und zu der er sich verpflichtet hat. Leider aber! giebt es auch solche Religionslehrer unter uns, die sich der Jugend gegenüber als Gelehrte, als Philosophen aufspielen und ihr von Kant, Fichte, Hegel und Schopenhauer, von Optimismus und Pessimismus, von Skepticismus und Atheismus vorschwatzen, um sich damit zu brüsten, ohne zu bedenken, welchen Schaden sic damit anrichten, wie sie dadurch ihrem eigentlichen Ziele — wenn sie cs nämlich wirklich ernst damit meinen — ent gegemvirken und nur Verwirrung in den Köpfen der ihnen Anvertrauten erzeugen, statt fie zu erleuchten, und die den Kindern einwohnendc Religiosität untergraben, statt sie in ihren Gemüthern zu befestigen. Da heißt es in der That: „Wehe denen, die das Werk Gottes mit Hinterlist verrichten!" „Des Menschen Herz ist zum Bösen geneigt von Jugend auf." Glauben und Wissen nlüssen für die zarte, unreife Jugend wenigstens auseinander gehalten werden; die Philosophie muß vom Religionsunterricht, als ein ihr fremdes Gebiet, ausgeschlossen bleiben. Wer sie damit verbindet, der reicht der Jugend nicht goldene Frucht in silberner, sondern in vergifteter Schale. Tie Neugier der Kinder wird ausgcstachelt; bei Manchen, bei den Begabteren und Strebsameren, die Wißbegier; sie werden mehr Shr für das Schädliche, mehr Empsängniß für das Gift zeigen, als für das, was ihnen frommt; denn zuin Bösen ist des Menschen Herz geneigt. Sie werden, ttachdem sie einmal vom Baume der Erkenutniß gekostet haben, weiter davon zu pflücken versuchen und statt Leben Tod, Erlösung aller guten Keime in sich,