Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1881)
- Date
- 1881-10-04
- Page
- Seite 664 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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664 Am Jerusalem. Wir haben in Nr. 36. die Reise von Jaffa nach Jerusalem nach den Schilderungen des Herrn Gabriel Charmes in der Revue des deux Mondes beschrieben. Unsere Blicke sind gegenwärtig wieder ganz besonders auf Syrien gerichtet, und da jener Autor seine Reise durch ganz Syrien fortsetzte, so wollen wir nach und nach das Charakteristische aus seinen Skizzen hier wiedergeben. Das folgende ist aus der Lief, vom 15. August c. gezogen. Bon Jerusalem nach Bethlehem ist ein einfacher Ausflug; man kann den Weg zu Pferde in zwei Stunden auf einer malerischen, obgleich düsteren und seltsam schlecht in Stand gehaltenen Straße zurücklegen. Man darf nicht daran denken, einen Wagen zu gebrauchen: die solidesten Achsen würden zwanzig Mal auf den Felsen zerbrechen, die den Weg versperren. Das dürre Judäa, mit seinen steinigen Thälern, seinen nackten Bergen, seinen sterilen Feldern flößt eine unüberwindliche Traurigkeit ein; ehemals waren die Umgebungen Bethlehems wegen ihrer Fruchtbarkeit berühmt; ungefähr eine Stunde von der Stadt befinden fich die Parke von Salomon und die berühmten Gärten, wo der philosophische König die Eitelkeit der Welt und den Gruß des Vergnügens feierte, inmitten der Weinberge und Obstgärten, die von den Fischteichen bewässert wurden, der Beete von Lilien, Safran und Zimmtgewächsen, der geheimnißvollen und blühenden Plätze, aus denen er, wie es im hohen Liede heißt, „einen Teppich der Liebe für die Töchter Jerusalems" machte. Was ist heute von diesem Teppich geblieben? Der nackte Felsen in der ödesten Einsamkeit. Ich weiß nicht, welcher Hauch des Todes und der Verwüstung über diese lachende Gegend gegangen ist, über welche die orientalische Poesie ihre leuchtendsten Farben gebreitet hatte. Bethlehem bietet den Blicken der Besuchenden nichts Bemcrkenswerthes. — Der Ausflug nach Bethlehem ist nicht der einzige in der Nähe, den man in die Umgebung Jerusalems mit lebhaftem Interesse machen kann. Der leichteste und kürzeste von allen ist der in das Thal Josaphat, das dicht am Fuße der Stadt liegt, zwischen dem Berge Moriah und dem Berge Zion. Ter Anblick dieses engen und wüsten Thales entspricht vollkommen den Vorstellungen, welche schon sein Name einflößt; man sieht dort nur Steine und Gräber; das Bett des Kidron, der wie ein graues Land von Zeit zu Zeit es durchschneidet, vermehrt noch seine Monotonie: vergebens sucht man einen Baum oder eine Blume, um den von so viel Oede ermatteten Blick ausruhen zu lassen; kaum tauchen hier und da Büschel von der Sonne versengten Grüns aus den Grabsteinen hervor; Alles ist gelb, fade, staubig. „Beim Anblick des traurigen Jerusalems, aus dem kein Rauch sich erhebt, sagt Chateaubriand, aus dem kein Geräusch verlautet; bei der Einsamkeit der Berge, in der man kein Lebendes Wesen erblickt; bei der Unordnung all dieser verstümmelten, zerbrochenen, halb offenen Gräber, möchte man sagen, daß die Trompete des Gerichts schon erschollen ist und daß die Todten in dem Thale Josaphat auferstehen werden! — Ich habe schon erwähnt, daß die Abhänge des Berges Sion mit jüdischen Gräbern bedeckt sind; einige Monumente von sonderbarer Architektur erheben sich mitten aus dem Trauerfelde: es sind die Gräber von Zacharias, Josaphat, Absalom, u. s. w., die einen in Form einer Pyramide, die anderen bestehen aus griechischen Säulen die im Felsen befestigt sind, kurz alle zeigen ein seltsames durcheinander der verschiedenen Baustile. Die Königsgräber, die man in einer kleinen Entfernung von Jerusalem aufsuchen muß, sind Monumente von nicht weniger originellem Geschmacke. Dank der Freigebigkeit der Pereire, die sie gekauft haben, um sie vor den Verletzungen zu schützen, denen sie ausgesetzt waren, sind sie ganz vom Schulte frei gemacht worden und man kann mit Muße die Anlage und die Ausschmückung studieren. Sie bilden eine Ärt von Zimmern, die in den Felsen gehauen sind. Der Haupteingang ist mit einem sehr schönen, vielleicht etwas schwerfälligen, aber doch ornamental sehr reichen Friese geschmückt. Herr Renan hat die jüdische Architektur mit einer solchen Richtigkeit beurtheilt, daß man nur zu wiederholen braucht, was er so schön ausgedrückt hat. „Bis zu den Hasmonäern", sagt er, „waren die Juden jeder Kunst fremdgeblieben; Johan Hyrcan hatte angefangen, Jerusalem zu verschönern und Herodes der Große hatte eine der prächtigsten Städte des Orients daraus gemacht. Die herodianischen Construktionen übertreffen noch die vollendetsten des Alterthums durch ihren großartigen Charakter, durch die Vollendung der Ausführung, die Schönheit des Materials. Eine Menge prachtvoller Gräber von originellem Geschmacke erhoben fich in derselben Zeit in den Umgebungen Jerusalems. Der Stil dieser Monumente war der griechische, aber den Gebräuchen der Juden angepaßt und nach ihren Principien bedeutend verändert. Die damaligen Skulpturornamente, welche die Herodier sich zur großen Unzufriedenheit der Rigoristen erlaubten, wurden davon verbannt und durch Pflanzendekorattonen ersetzt. Der Geschmack der ehemaligen Bewohner Phöniziens und Palästinas für die Monumente aus Monolythen, die aus dem Felsen gehauen waren, schien wieder aufzuleben in diesen sonderbaren Gräbern, die aus den Felsen geschnitten waren und wo griechischer Geschmack seltsam einer traglodytischen; Architektur beigefügt war". Nichts richtiger als dieser letzte Be-! merkung Renans; er giebt uns eine sehr bestimmte Vorstellung I von dieser Verbindung griechischer, — ich möchte hinzufügen > egyptischer Erinnerungen, — mit traglodytischen Traditionen, j aus der die Originalität der Gräber in Jerusalem besteht.! Man darf sich übrigens nicht wundern über die Vorliebe der