Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1881)
- Date
- 1881-10-04
- Page
- Seite 659 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Schließlich wurde die Fassung angenommen: „Wir bekämpfen die Ueberwucherung des jüdischen über das germanische Element im gesammten öffentlichen und Verkehrsleben und stehen voll und ganz zur bekannten Petition an den Reichskanzler." Hierüber war die Gesellschaft einstimmig; dagegen gerieth sie in ein andauerndes Gezänk über ihre Stellung zum Centrum und zur katholischen Kirche. Schließlich behielt man sich vor, daß jeder Verein erst Stellung zu dem Programm nehmen müsse. Dann erst soll das „Wahlflugblatt" durch eine Commission festgestellt werden. Es scheint also, daß die Herren ziemlich für nichts sich abgearbeitet haben, kartarinut moutes etc. Sie machten ein grimmiges Gesicht, es fürchtete sich aber Niemand davor. — Von Telegrammen an Bismarck, oder gar an den Kaiser war nicht mehr die Rede, man weiß warum. Jedenfalls ein Fortschritt zum Beffern! Breslau, 20. Sept. Vom königlichen Polizeipräsidium erging folgende Bekanntmachung: „Da die Einwohner jüdischer Religion am 3. k. M. ihr Versöhnungsfest feiern, so ist es erwünscht, daß dieser Umstand möglichst berücksichtigt und die Räumung der Wohnungen bei dem bevorstehenden Umzugstermine, in sofern die bezeichneten Einwohner in Betracht kommen, bis zum 4. k. M. vollendet wird." Wie man hört, ist diese Verfügung in Folge einer von dem Landesrabbiner Tiktin Hierselbst dem Polizeipräsidium übermittelten Eingabe erfolgt. Die pietistischen und ultramontanen Blätter ärgern sich sehr über diese Rücksichtnahme. Hamburg, 26. Sept. Auf Verlangen des Herrn Oberrabbiner Stern lasten wir hier den wortgetreuen Abdruck eines Schreibens des Herrn vr. Stammann folgen: Herrn Ober-Rabbiner Stern. Unter Rücksendung der mir übermittelten Nr. 34 der Allgemeinen Zeitung des Judenthums, erlaube ich mir Ihre Anfrage wie folgt zu beantworten. Der Schlachter Witt hat überall gar keine Schadensklage gegen den Staat angestrengt, eine Schadensklage ist vielmehr abseiten eines Schlachters L. Jacob erhoben worden; dieser forderte eine Entschädigung von M. 110,350. und ist in dieser Sache kürzlich vom Reichsgericht ein Endurtheil ergangen. Dieses Urtheil hat aber nicht, wie irrthümlich in der oben beregten Zeitung angegeben ist, den Staat zum Schadenersatz verurtheilt, vielmehr gerade umgekehrt ist der Kläger unter Berurtheilung in die Kosten mit der erhobenen Klage abgewiesen. Hochachtungsvoll Otto Stammann. Weißensee, 18. Sept. Gestern hat hier Henrici eine „Vorstellung" gegeben, hat jedoch mit derselben nichts weniger als einen Erfolg erzielt. Die Mehrzahl der Anwesenden, und zwar die weit überwiegende, trat den Ausführungen des Herrn Brandredners energisch entgegen, während sich zu seinen Gunsten nur ganz vereinzelte Stimmen vernehmen ließen. Oesterreich-Ungarn. Lemberg, im Sept. Zur Warnung! Der hier erscheinend Lemb. „Israelit" bringt folgende abschreckende Schilderung aus der galizischen Stadt Zurawno: „Ein trauriges Beispiel wohin der durch Fanatismus angefachte Parteihader führt, bietet das uns benachbarte Stäbchen Roz» dol. Die jüdische Cultusgemeinde ist jetzt daselbst förmlich in zwei Lager getheilt. Jede Partei hat ihren eigenen alleinseligmachenden Rabbiner, und zwar die eine Partei, zu welcher die Bestergesinnten zählen, den Rabbiner Sender Heimann, der auch dieses Ehrenpostens würdig ist; die andere Partei hingegen erkennt in einem gewissen Reb Herschele ihren ausschließlichen Rabbiner an, trotzdem derselbe für das Rabbinat keine andere Qualification hat, als daß derselbe der Sohn seines Vaters, eines Rabbi ist. Jeder dieser Rabbinen hat seinen eigenen Schlächter, und behauptet jeder vom gegnerischen Schlächter, das derselbe als gesetzunkundig, die beim Schlachten nöthigen rituellen Observanzen vernachlässige, und daher nur „trefe" Fleisch liefere. Beide Parteien, die sich wie die Kampfhähne gegenüberstehen, werfen gegenseitig einander Abtrünnigkeit, Gottlosigkeit und ähnliche Liebenswürdigkeiten vor, wobei es oft zu pöbelhaften Ausschreitungen und Keilereien kommt, zur Freude aller Judenfeinde, deren es in unserem antisemitisch angehauchten Zeitalter so viele giebt. Wohin soll das führen?" (Hier ist es also eine bloße Personenkeine etwaige Reformfrage welche Zwietracht und Feindschaft hervorruft!) Krakau, im Sept. Das „N. W. Tageblatt" berichtet: „Ein interessantes Ereigniß steht bevor: Rabbi Simon Schreiber beabsichtigt, sein Reichsrathsmandat in die Hände seiner Kolomeaer Wähler zurückzulegen. Zwei Versionen sind über die Ursache der Mandatsniederlegung im Umlaufe. Nach der einen fühle sich Rabbi Schreiber in seiner Ehre dadurch verletzt, daß seitens seiner Wähler wiederholt an ihn die Bitte erging, er möge ihnen doch einmal Rechenschaft über sein bisherige Thätigkeit im Reichsrache geben, was nach Ansicht des Rabbi in verhüllter Art ein Mißtrauen in seine Befähigung und guten Willen, für das Wohl seiner Wähler einzustehen, involvire. Nach der andern Version soll dem Rabbi Schreiber von dem Belcer Rabbi, unter dessen Botmäßigkeit er steht und dessen scharfen Blick es nicht entgangen, daß der beständige Aufenthalt des Rabbi Schreiber in dem lebenslustigen Wien und dessen fortwährender Kontakt mit seinen andersgläubigen Reichsrathskollegen nicht ohne nachtheiligen Einfluß auf seine streng orthodoxen religiösen Ueberzeugungen geblieben, ein diesbezüglicher nicht mißzuverstchender Wink zugekommen sein. Es wäre müßi-