Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1881)
- Date
- 1881-10-04
- Page
- Seite 658 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227380--39310-3308613- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Versammlungen immer zu stören, und erst am Sonntag entsprang daraus eine blutige Schlägerei. — Die Stellung, welche der orthodoxe Theil der evangelischen Geistlichkeit den Juden gegenüber einnimmt, giebt sich immer lauter kund. In einem von den Herren Kögel, Baur und Frommel herausgegebenen Jahrbuche genannt „Christoterpe", hat sich jetzt auch ein preußischer Generalsuperintendent Dr. Geß in Posen, über die „Judenfrage" vernehmen lasten. Er spricht sehr sslbungs- und liebevoll, aber der Kern seiner Ausführung ist doch Folgendes: „Das Naturgemäße ist für die zerrissenen Glieder eines Volkes, das unter allen Völkern zerstreut, vor den Augen des Weltregenten dennoch ein Volk bleibt, das Gastrecht unter den anderen Völkern, nicht das Bürgerrecht. Weil die Juden sich fühlen und immer fühlen werden als Volk und doch sich zerstreut sehen durch alle Länder der Welt, so werden sie allezeit instinktmäßig hinarbeiten auf die Zerstörung der Eigenthümlichkeit jedes Volkes, unter welchem sie wohnen, allermeist aber auf der Völker Entchristlichung. Sie zur Betheiligung an der Gesetzgebung und Regierung des Staates berechtigen, heißt ihnen zu dieser Untergrabungsarbeit die stärksten Werkzeuge liefern." Wenn das ein Generalsuperintendent lehrt, so darf man sich nicht wundern, daß die ihm unterstellte Geistlichkeit weitergehende Consequenzen daraus zieht. — Der Cigarrenarbeiter Stahl, dessen wir in vor. dir. erwähnt haben, ist wegen seiner Aeußerungen als Socialdemokrat aus Berlin ausgewiesen worden. — In der „Bost. Z." liest man: „In wiederholten Anschreiben an uns ist geklagt worden, daß gewisse Blätter, u. A. das „Deutsche Tageblatt", um doch auch in ihren Spalten Annocen, namentlich solche, die von in weiteren Kreisen bekannten und geachteten Persönlichkeiten ausgehen, Nguriren zu lassen, dieselben anderen Blättern entnehmen und sie in ihrem Annoncentheile abdrucken. Dagegen ließe sich an und für sich nichts sagen; man könnte sogar meinen, daß das „Deutsche Tagebl." sich die betreffenden Personen, deren Annoncen es unentgeltlich abdruckt, zu Dank verpflichte. Es giebt nun aber eine recht große Anzahl von Personen, die einem Antisemitenblatte, wie das „Deutsche Tagebl.", nicht zu Danke verpflichtet sein wollen und jede Gemeinschaft mit diesem Blatte und seiner Tendenz ablehnen; die es sogar als einen persönlichen Affront ansehen, wenn z. B. eine Familiennachricht, die den Namen dieser Personen trägt, in dem Annoncentheile des „Deutsch. Tagebl." figurirt, weil sie befürchten, dadurch in dem Kreise ihrer Freunde und Bekannten, vielleicht auch überhaupt, discreditirt zu werden. Leider können sich die betr. Personen gegen derartige Praktiken der Antisemitenblätter nicht schützen, wenigstens wollen wir aber im Interesse der so Angefallenen auf diese antisemitische Geschäftsübung aufmerksam machen." Berlin, 20. Sept. (Privatmitth.) Daß der orthodoxe Theil der evangelischen Geistlichkeit, und dieser bildet in Preußen die Mehrzahl, den Feldzug gegen die Juden eröffnet hat, darüber kann kein Zweifel herrschen. Man braucht nicht allein an die August-Conferenz zu denken, oder an die Aeußerung des Superintendenten vr. Geß; überall treten die Anzeichen hervor. So haben z. B. jüngst im Siegcner Wahlkreise die evangelischen Pastoren eine Wählerversammlung abgehalten, in welcher sie Stöcker zu ihren Candidaten machten. Sie werden in diesem Kreise keinen Erfolg haben, aber sie haben damit doch ihre Parole ausgegeben. Man darf dies nicht unterschätzen. Denn wenn auch die evangelische Geistlichkeit in Deutschland keine politische Macht direkt erhalten wird, so lehrt doch die Erfahrung, daß es nur auf die Stimmung und den regierenden Kaiser ankommt, um aus jener „eine kleine aber mächtige Partei" zu machen. Jedenfalls geben diese Männer den Antisemiten einen Anhalt und Anhang, so daß diese durch jene eine gewisse Lebensdauer erhalten. Das Feldgeschrei der Herren Pastoren ist: „Christliche Obrigkeit, christliche Schule und christliche Ehe!" Mit dem ersten Satz wollen sie die Gleichberechtigung der Juden vernichten, mit dem zweiten die Schule vollständig der Kirche überweisen, selbstverständlich auch jede Anstellung eines Juden an irgend einer öffentlichen Lehranstalt verhindern, mit dem dritten endlich die Civilehe beseitigen. Daß dahinter auch noch andere Gelüste, z. B. die Vergrößerung des Cultusetats, stecken, interessirt uns allerdings nur als Steuerzahler. Ob nun das deutsche Reich wie Preußen nach Erlaß seiner Verfassung ebenfalls unter eine zeitweilige Botmäßigkeit dieser Partie gerathen werde, ist abzuwarten. Dresden, 19. Sept. (Privatmitth.) Gestern fand hier der Congreß von Delegirten der (antisemitischen) „Reformvereine" und der „Christlich-Sozialen" statt. Die Beschickung dieses „Congresses" war aber eine sehr dürftige. Die Christlich-Sozialen lieferten von Berlin nur 1, von Dresden 6 Delegirte, der Dresdner Reformverein stellte 3, der zu 'Chemnitz 1, die zu Breslau und Mühlhausen je 3 Delej girte — also zusammen — 14 Mann. Sonst sollen Christlich-Soziale-Vereine in Barmen und Cassel, Reform-Ber-!eine in Mannheim, Elberfeld und Cassel existiren j— sie haben aber durch Delegirte ihre Existenz nicht erwiesen. Was diese 14 Herren in ihrem Programm über ' Steuern, Zölle, obligatorische Innungen :c. am ersten Tage! beschlossen, interessirt uns gar nicht und die übrige Welt! gewiß nur wenig. Erft in der zweiten Sitzung kam man mit 8 18 zu den Juden. Da ergoß sich denn der Schwall : der antisemitischen Rede in breitem, aber nicht tiefem Fluß,! denn die Debatte dauerte sehr lang darüber; den versammelten Leuten war ja dieser Gegenstand sehr vertraut.