Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1881)
- Date
- 1881-10-04
- Page
- Seite 656 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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656 einigen Millionen sagen? Für diese werden die Uebelstände doch nur in sehr geringem Maße dadurch vermindert. Die Auswanderung ist daher immer nur für eine größere oder geringere Zahl von Individuen von Nutzen. Doch auch dies ist kein geringer Bortheil; kann doch die Privatwohlthätigkeit immer nur dem Elende Einzelner Abhülfe schaffen. Wohin aber nun diese Auswanderung richten? Es stellen sich hierbei zwei Fragen ein: 1) gewährt das betreffende Land nach den Bestimmungen seines Gesetzes die freie Aufnahme und die ganze gewerbliche und religiöse Freiheit? 2) sind die lokalen Berhältniffe des Landes geeignet, um den Einwanderern die Möglichkeit der Existenz durch Arbeit zu gewähren? Denn es kommt doch wesentlich darauf an, daß die Auswanderer nicht in eine noch schlimmere Lage versetzt werden, als in der sie sich in ihrer Heimath befanden, daß sie, mit Einem Worte, nicht zu Grunde gehen. Und hierbei ist nicht zu übersehen, daß die russischen Juden durch ihre bisherigen Lebensverhältnisse wohl zu Handel und Handwerk, aber in der älteren Generation wenig zum Ackerbau befähigt sind. Tenn zu diesem muß man erzogen sein, Kenntniß und Befähigung erworben haben; selbst die bloße körperliche Kraft reicht nicht aus. Es wurden nun verschiedene Länder genannt, nach welchen die Auswanderung russischer Juden sich lenken lasse. Zuerst trat Spanien auf, und man weiß, daß König Alfons und seine Regierung sich nicht ablehnend geäußert haben. In der That ist das Volk in Spanien nicht mehr so bigott, wie in früheren Zeiten. Ein nicht unbeträchtlicher Theil desselben hat sich von dem kirchlichen Fanatismus frei gemacht. Dennoch ist die spanische Nation noch immer in einer inneren Gährung begriffen, und wenn heute den Juden die Niederlassung und die Uebung ihres Kultus in Privathäusern gestattet wird, so sind wir nicht sicher, daß bei der nächsten Erschütterung die klerikale Partei wieder die Oberhand gewinnt und den Eingewanderten ihre Pässe wieder zustellt. Auch liegen Handel und Gewerbe dort sehr darnieder und die Sitten des Volkes sind den aus dem Osten Kommenden so fremdartig, daß deren Zahl selbst im günstigsten Falle nur gering sein dürfte. — Von viel größerer Bedeutung ist die Hinweisung auf die Türkei, nach welcher auch schon spontan die Auswanderung zum Theil ihre Richtung genommen. In den türkischen Ländern herrscht vollkommen gleiche Behandlung aller Religionsbekenntnisse; die Juden können frei einwandern und erleiden keine besondere Bedrückung. Wie vortheilhaft zeichnet sie sich in dieser Beziehung von den neugeschaffenen christlichen Donaustaaten ab, unter welchen sich selbst Serbien noch nicht entschließen konnte, die vom Berliner Congreß vorgeschriebcne Gleichberechtigung in gesetzlichem Wege auszusprechen. Aber die europäische Türkei befaßt nur noch ein beschränktes Areal und in den großen Städten, wie Konstantinopel und Salonichi, wohnen bereits große Massen von Juden, von welchen der größte Theil dem dürftigsten Proletariate angehört. Man denkt deshalb vielmehr an die asiatische Türkei, besonders Syrien und noch mehr an — Palästina. Namentlich in England spricht man viel von jüdischen Colonien im h. Lande, und von bewährter Hand aus Amerika ist uns erst in diesen Tagen ein Schreiben zugegangen, welches dafür plaidirte, daß die Auswanderung der russischen Juden nach Palästina gelenkt werden sollte und zwar weder aus religiösen noch nationalen Gründen, sondern weil es dazu geeignet sei. Wir können, wenn man eine Einwanderung im Großen im Sinne hat, hiermit nicht übereinstimmen. Ein großer Theil Palästinas, namentlich das alte Judäa, ist steril geworden, steinig und sandig, und leidet zugleich an dem Mangel von Sicherheit, so daß die Ernten immer in Gefahr stehen, eine Beute der Beduinen zu werden. Handel und Industrie liegen gänzlich darnieder, und die jetzigen Bewohner des Landes haben keinerlei Bedürfnisse, deren Befriedigung sie sich nicht selbst schaffen. Um eine richtigere Vorstellung von den dortigen Verhältnissen zu verschaffen, geben wir in unserem Feuilleton Auszüge aus den lebensvollen und wahrheitsgetreuen Schilderungen eines neuesten Reisenden, des Herrn Gabriel Charmes, dessen Beobachtungsgabe und Urtheilskraft aus seiner Thätigkeit in Egypten hinlänglich bewährt sind. Anders liegt es wohl in anderen Theilen Syriens, und hierüber bedürfte es einer näheren Kenntnißnahme. Denn auch in den syrischen Städten befinden sich die dortigen Juden in sehr dürftigem Zustande, und eine Vermehrung derselben wäre nicht wünschenswerth. — Es bleibt also - denn bei einer so thatsächlichen Am gelegenheit müssen Träume und andere Wünsche schweigen — nur Amerika und Australien übrig. Die Bereinigten Staaten entsprechen allen oben angeführten Bedingungen. Das ungeheure Territorium, auf welchem in den letzten Jahrzehnten die Bevölkerung auf 51 Millionen angewachsen ist, kann noch eine gleiche Anzahl ohne Ueberbevölkerung vertragen. Das Bereich der Cultur dehnt sich in ihm von Tag zu Tag weiter aus, und in Handel und Industrie kann es bereits mit jedem europäischen Lande wetteifern. Australien und einige Inseln Ozeaniens bieten ähnliche Vortheile dar. Wir leugnen nicht, daß ein zu großer Zufluß russischer Juden nach diesen Welttheilen auch mit manchen Jnconvenienzen und Schwierigkeiten verbunden und den dorttgen Israeliten nicht sehr willkommen wäre. Jene Auswanderer bringen noch zu viel von den fast orientalischen Zuständen und Sitten mit, und sind in diesen meist sehr zähe. Aber das faktische Bedürfniß spricht hier lauter als alle Bedenken. — Hierbei kommt in Betracht, daß es in Amerika auch noch andere Staaten und Landschaften giebt, welche Zielpunkte