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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-10-04 · Heft 40 (4.10.1881) · p. Seite 655

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 40 (4.10.1881)
Date
1881-10-04
Page
Seite 655 (sequence 3)
Language
German
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655 ein Geist des finstersten Fanatismus, der verfolgungssüchtigsten Despotie, die Juden wurden blutig verfolgt, dann durch einen Schlag verbannt, und hierauf loderten die Scheiterhaufen der Inquisition Jahrhunderte hindurch. Aber Deutschland darf Spanien an diese Aufeinanderfolge von Barbarei auf Cultur nicht erinnern. Es sind seitdem vier Jahrhunderte geistiger Kämpfe und Siege verflossen. Damals gab es noch eine den weltlichen Arm beherrschende Kirche; die Zeit des Faustrechts war noch nicht vorüber, der Feudalstaat bestand noch, während der Absolutismus bereits seinen ehernen Schritt vernehmen ließ; der Geist lag noch in Fesieln und die Wiffenschaft in den Banden der Unwisienheit und des Aberglaubens. Womit sich also das damalige Spanien entschuldigen kann, bietet für das Deutschland unsrer Tage auch nicht den entferntesten Rcchtfertigungsgrund. Eine Periode der Geistesverfinsterung, wie sie für Spanien, nachdem die arabisch-spanische Blüthe abgewelkt war, eintrat, ist in unserer Zeit für Deutschland unmöglich und was jener daher irgend ähnlich ist, muß entschieden zurückgewiesen werden oder gereicht dem Lande, darin es erstehen und sich verbreiten konnte, zu wahrhafter Schmach. Ferner: Wenn ein Spanier unserer Tage so zu Deutschland spricht — und er ist nicht der einzige seiner Nation, wir erinnern z. B. an Perez Galdos —, so liegt darin zugleich ein reumüthiges Bekenntniß, welche Sünden Spanien begangen, welch' trauriges Geschick es dadurch über sich heraufbeschworen, so spricht sich darin die Umkehr von diesem Wege, die Kundgebung der höchsten, unsere Zeit beherrschenden Prinzipien aus. Es ist eine Mahnung an Deutschland, aber auch eine Büßpredigt für Spanien. Nein, das Recht geht nicht unter, und am wenigsten, nachdem es seine Gegner schon besiegt hatte! Die Auswanderung. Die Auswanderung ist in fast allen europäischen Ländern zu einer Art von Institution geworden. Jahr für Jahr wandern bald mehr, bald weniger maffenhaft Europäer aus ihren Heimathländern aus, um sich in fernen Gebieten anzusiedeln. Am meisten findet dies nächst Irland und Schweden aus Deutschland statt, und da die Einwanderungen in Rußland, die Donau- und die orientalischen Länder, namentlich auch in Nordafrika sich wenig günstig erwiesen haben, richtet sich der Strom derselben nach Amerika und Australien. Wenn auch die Individuen sich dabei von persönlichen Motiven, Hoffnungen und Aussichten leiten lassen, so wurzeln diese doch in allgemeinen, weniger politischen als sozialen Berhältniffen. Daß die Auswanderungslust zu Zeiten einen epidemischen Charakter annimmt, ist eine anerkannte Thatsache. Im Grunde liegt das Streben der Menschen darin enthalten, sich nach besseren Zuständen und Berhältniffen umzusehen, und bei der Leichtigkeit der Communikation in unserer Zeit ist es um so weniger zu verwundern, daß die Auswanderungslust immer mehr wächst, und irgend welche Maßnahmen Seitens der davon betroffenen Staaten unwirksam bleiben. In der That sind seit der Entdeckung anderer Welttheile diese von den Europäern bevölkert worden, ohne daß darum die Bevölkerung Europas in ihrem Wachsthum wesentlich gestört worden wäre. Die Auswanderung ist ein soziales Gesetz, das sich bereits bei den Völkern des Alterthums geltend gemacht hat, theils auf dein Wege der Eroberung, theils auf dem der Colonisation. An dieser Auswanderung haben die Juden stets ihren normalen Antheil genommen. In der Provinz Posen und in Bayern hat sie selbst eine namhafte Verminderung der jüdischen Bevölkerung hervorgebracht, wenn auch aus der ersteren ein großer Theil der auswandernden Juden sich in westlichen Provinzen ansässig gemacht. Niemals in der neueren Zeit ist aber die Auswanderung von Juden in Hellen Hansen, in zahlreichen Schaaren geschehen, sondern allmählig durch Individuen und Familien. Unter den unglücklichen Verhält niffender Juden in Rußland, wo sie, an 3 Millionen stark, in einigen Provinzen zusammengepfercht, vom Landbesitz ausgeschloffen, auf wenige Gewerbe beschränkt leben, und unter den schrecklichen Vorgängen, durch welche sie zum großen Theil Hab und Gut und Obdach verloren, ein Theil der von ihnen bewohnte Städte niedergebrannt worden, während die Behörden sie zum Theil hinterdrein aus den Städten verbannt, wo sie sich in der letzten Zeit niedergclaffen, ist nun die Auswanderung derselben vielfach zur Sprache gekommen, und es sind Aufforderungen ergangen, diese Auswanderung zu organisiren und nach allen Kräften zu unterstützen. Eine reifliche Prüfung ist deshalb um so erforderlicher. Wenn die russische Regierung sich entschließen könnte, ihren jüdischen Unterthanen die langersehnte Freizügigkeit durch das ganze ungeheure Reich und die volle gewerbliche Freiheit, z. B. den Erwerb von Landbesitz zu gewähren, so wäre kein Gedanke an Auswanderung statthaft. Aber trotz allen Versprechungen ist dazu wenig Aussicht; vielmehr hat man noch weitere Beschränkungen zu erwarten, und deshalb erscheint die Auswanderung als geboten. Aber schon hier muß man nur der Ansicht entgegentreten, welche die Auswanderung für ein wesentliches Hülfsmittel, für eine wahre Pa-! nacöe hält. In unserer Zeit können ganze Völkerschaften nicbt mehr aus ihren Hcimathsstätten nach entfernten Ländern versetzt werden. Es wird mit allen möglichen Unterstützungen doch nur Hunderten, höchstens einigen Tausenden möglich sein, ein neues Vaterland zu erreichen und in demselben ein besserem Loos zu erringen. Was will dies aber im Verhältnis; zu 40*

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