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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-09-27 · Heft 39 (27.9.1881) · p. Seite 645

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 39 (27.9.1881)
Date
1881-09-27
Page
Seite 645 (sequence 9)
Language
German
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und mehr jüdische Gehilfen halten durften, abstellte. Der Titel von Handels-Gehilfen gab den nicht nach Kiew zuständigen Juden die einzige Möglichkeit, in dieser Stadt leben und sich ernähren zn können. Auch aus Jekaterinoslaw war eine Juden-Deputation anwesend, welche Beschwerden vorbrachte. Jgnatieff versprach in beiden Fällen schleunige Abhilfe. — In Ruwno haben die Juden eine Sicherheitswache aus Angehörigen ihrer Gemeinde errichtet, welche Nachts in den Straßen Patrouillen zirkuliren läßt. So meldet der in Juden-Angelegenheiten allerdings nicht sehr verläßliche „Ruß". — In Borsna, Gouvernement Tschernigow, hat vom 6./18. bis 10.[22. August ein Judenkrawall stattgesunden. Telegramme über Judenkrawalle läßt die Zensur nicht durch. Die Zeitungen müssen auch Stillschweigen über dieselben beobachten. Die Juden-Deputationen aus Kiew und Jekaterinoslaw waren bei Baron Günzburg, der ihren Zielen zustimmte. Sie baten den Grafen Jgnatieff, eine öffentliche Kundgebung zu erlassen, in der die Rechte der Juden auf Schutz des Czars deutlich ausgesprochen wären. — Graf Kutaiffoff ist am Samstag Abends nach Dorpat abgereist. Wie verlautet, wird er die baltischen Provinzen besuchen, namentlich Kurland, wo viele Juden wohnen, um deren Lage kennen zu lernen. — Ein Extrablatt des „Rußkij Jewrej" („Russischer Jude") meldet: „Sonntag, den 4. September, hatte der Führer der Judendeputation aus Kiew, Herr L. Brodskij, die Ehre, von S. k. H. dem Großfürsten Wladimir Alexandrowitsch in Zarskoje Sselo empfangen zu werden. In der Unterredung, welche die im Süden Rußlands stattgehabteu Judenunruhen betraf, äußerte Se. kaiserl. Hoheit u. A., daß diese Unruhen auf die verbrecherische Rebellion zurückzuführen seien, welche durch eine unerhörte Frevelthat am 1./13. März Rußland mit Schmach bedeckte. Diese Bewegung habe nichts mit nationaler oder religiöser Feindschaft zu thun." Petersburg, 10. Sept. Man schreibt von hier: Die russische Regierung scheint nun nach langem Schwanken endlich die Nothwendigkeit einzesehen zu haben, den fortgesetzten Ausschreitungen gegen die Juden mit Ernst und Strenge Einhalt zu gebieten. Den Gouverneuren jener Distrikte, in welchen die Bewegung noch nicht zur Ruhe gekommen, wurden Ordres ertheilt, die Agitationen rasch zu unterdrücken, und den Behörden wurde ihre Verantwortung in dieser Hinsicht auf das Eindringlichste zu Gemüthe geführt. Gleichzeitig hat die Regierung zum ersten Male seit dem Ausbruch der skandalösen Hetzen, die in Europa so viel Entrüstung 'hervorgerufen haben, in offener Weise ihre Mißbilligung über dies Treiben kundgegeben. Sie that dies aus Anlaß der Beantwortung einer jener unsinnigen Petitionen, welche die Austreibung der Juden forderten. Das Städtchen Perjeslaw hat sich in der Aera der Judenverfolgungen einen gewissen Ruf errungen. Die Häupter der Gemeinde fühlten das Bedürfniß, zur Bethätigung ihres Judenhasses eine Petition an den Chef der Provinz abzusenden mit der Bittte, daß alle Juden, die nicht die besondere Berechtigung genießen in Perjeslaw zu wohnen, aus der Stadt ausgewiesen werden mögen. Die Petition hat jedoch eine unerwartete Antwort erhalten. Auf Anordnung der Rsgieruug wurde sie der Gemeinde zurückgesendet mit dem Bedeuten, daß die Unterzeichnung einer solchen Bittschrift Denjenigen, die sich ihrer schuldig gemacht haben, leichtlich die Anklage wegen Hochverraths zuziehen könne. Die Gemeindehäupter von Perjeslaw verhalten sich seitdem still. Man sieht, die russische Regierung hat es in der Hand, den Judenhetzen ein Ende zn machen — wenn sie nur will. Petersburg, 14. Sept. Der „Regierungsbote" meldet: Infolge der Vorstellung des Ministers des Innern über die mangelhaften Beziehungen zwischen der einheimischen und der jüdischen Bevölkerung in einigen Gouvernements wird durch einen kaiserlichen Nkas vom 3. d. angeordnet, in allen Gouvernements, in denen die jüdischen Einwohner einen bedeutenden Theil der Bevölkerung ausmachen, eine Localcommission zur Berathung der Judenfrage einzusetzen. Diese Commission soll bestehen aus Vertretern der verschiedenen Zünfte und Gesellschaften unter dem Vorsitze des Gouverneurs; sie soll Thatsachen sammeln und aus eigener Anschauung deni Ministerium des Innern diejenigen Zweige der wirthschastlichen Thätigkeit der Juden bezeichnen, welche auf die Existenz der Stammbevölkerung eine schädliche Einwirkung haben. Gleichzeitig soll die Commission Vorschläge machen darüber, welche Mittel zur Abhilfe zu ergreifen wären. Der Termin zur Einreichung von Vorschlägen wird auf zwei Monate festgesetzt. Ein Rundschreiben des Ministers des Innern theilt obigen Ukas den Gouverneuren und Generalgouverneuren von Kiew, Wilna, Charkow, Odessa, Minsk, Mohilow und Witebsk mit. (Man kann sich im Voraus eine Vorstellung machen von dem, was „Zünfte und Gesellschaften" für Gutachten und Vorschläge betreffs der Juden machen werden!) Memel, 8. Sept. (Privatmitth.) Wieder ist eine größere Stadt in Rußland niedergebrannt. Wir erhalten jetzt von dorther folgende Zuschrift: Das zur Abhülfe der in Neu-Szagaoren am 11. d. M. Abgebrannten gegründete Comitv erlaubt sich hierdurch Erv. Wohlgeboren von dem schrecklichen Unglück Mittheilung zu machen, von dem unsere arme Stadt heimgesucht worden ist. Mehr als 400 Gebäude, darunter 2 Synagogen, 4 Bethäuser , die einzige Apotheke und mehrere andere gemeinnützige Gebäude, die doppelte Budcnreihe mit dem größten Theile der darin befindlichen Maaren sind zu Asche niedergebrannt. Ü00 Familien sind brod- und obdachlos geblieben, und auch die vom Feuer verschont Gebliebenen sind durch 38

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